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verkehrten Andacht war; Er wünschte desshalben, dass sie genesen, den reinen Eifer aber zur Tugend und zur Gottesfurcht behalten mögte.

Er fasste hierauf den Endschluss, sich mit ihr auf das Land zu begeben. Er hofte, ihre Gesundheit sollte in einer frischen Luft, bei einer täglichen Bewegung, und durch die verschiedene Abwechselungen des Land-Lebens, die so annehmlich als unschuldig sind, sich völlig wieder herstellen und ihr Gemüt zur vorigen Munterkeit gelangen. Er selbst war der Welt und ihrer Falschheit von herzen müde; und glaubte, er könnte nichts bessers tun, als wenn er eine LebensArt erwehlte, wo er GOtt in Ruh verehren und seine Kinder zur Weissheit und zur Tugend in einer glücklichen Entfernung von bösen Exempeln erziehen könnte. Sein grosses Vermögen war ihm unterdessen durch oberwehnte Umstände dergestalt zusammen geschmoltzen, dass er Müh hatte, so viel noch zusammen zu bringen, als vonnöten war, ein nur mittelmässiges Land-Gut zu erkauffen.

Er wehlte sich solches unweit dem Hercynischen Wald, sechs Stunden von Calesia. Das Land, die Einwohner und ihre Lebens-Art schienen ihm nach seinen Absichten zu sein. Das Schlössgen, so er bewohnte, lag auf einem Berg, und hatte hinter sich den Wald: Von fornen aber sah man ein grosses offenes Land, welches den Cheruscischen Fürsten zugehörte. Die Luft daherum war rein und gesund. Meine Mutter fand sich kaum einige Wochen hier, so war sie als eine verneuete Creatur: Mut und Kräfte kamen wieder; Die Aertzte künstelten nicht mehr an ihrer Gesundheit, und die Köche reitzten durch ihr seltsames Gemengsel nicht ferner einen Appetit, der sich mit den naturlichsten und einfach zugerichteten speisen begnügte. Wir hatten fisch und Waydwerck: mein Vater ging selbst und schoss die Braten im Wald, und meine Mutter machte sich die Muh solche zuzurichten. Sie lebten bei dieser Einfalt der natur in süsser Ruh, und verlohren alle starcke Leidenschaften, womit sonst die Eitelkeit, die Ehrsucht, der Geitz und die unersättliche Begierde zur Lust, die Vornehmste unter den Menschen zu martern pflegen. So wenig als ehedessen meine Eltern bei Hof das Geld geachtet hatten, so genau mussten sie nun auf ihrem Gut hausshalten; sie hatten zu leben, aber weiter nichts. Sie hinterliessen sieben Kinder. Davon ich das letzte bin. Unser Erbteil war ihr Seegen; und das kleine LandGut, welches wir nicht in sieben Teile teilen konnten, liessen wir dem ältesten Bruder.

Dieses war ungefähr die Nachricht von dem Herkommen und dem Geschlechts-Zustande des Herrn von Cantwitz.

Der Graf hatte noch nicht gelegenheit gehabt diesen tugendhaften Cheruscer bei dem König bekannt zu machen: Er hatte wohl zu verschiedenen mahlen von ihm gesprochen und dessen Verdienste gerühmet; allein, der König hatte darauf weiter keine gedanken geschlagen: Er suchte desswegen demselben die Geschicklichkeit dieses Edelmanns näher ins Auge zu stellen. Er beurlaubte sich auf acht Tage, um nach Prato zu gehen, und erhielt von dem König, dass der Cheruscer ihm dasjenige vortragen mögte, was in währender Zeit von Geschäften vorfallen dürfte.

Der Cheruscer tat solches zu seinem grössten Vorteil: Die natur hatte ihn zu einem Redner gemacht: Er war wohl gebildet: Die Jugend lachte noch aus seinen Augen: Seine Gebehrden waren edel und demütig; Er hatte noch kaum das zweite mahl dem König im Namen des Grafens von Rivera ein und anders Geschäfte vorgetragen, so war der König von ihm eingenommen: Er bewunderte die anständige Lebhaftigkeit seiner Reden so sehr, als seine Klugheit: Cantwitz, sprach er zu ihm: Ich hab ein gnädiges Wohlgefallen an euch, der Graf von Rivera hat mir die gute Dienste gerühmet, die ihr mir bissher geleistet habt. Ich mache euch zu meinem Cammer-Juncker, und werde auf eure fernerweitige Beförderung in meinen Diensten bedacht sein.

Der Graf von Rivera empfand in dem Grund seines Hertzens eine solche Zufriedenheit, das Glück dieses jungen Edelmanns zu veranlassen, dass er daraus sein eigenes schätzen lernte: Er achtete seine Verdienst vor nichts, so lang er nicht sah, dass er auch andern Menschen damit nützlich war. Man kan sagen, dass darin sein gröster Eigennutz bestund. Er verehrte dem neuen Cammer-Juncker ein schönes Gespann Pferde, nebst einem sehr netten Geschirr, und mietete zugleich für ihn eine schöne wohnung, welche er mit ganz neuen Haussrat auf das zierlichste versehen liess.

Die Gräfin von Monteras wurde unterdessen zu ihrem Vermählungs-fest vier Tage zuvor eingeholet. Es waren über zwantzig Gutschen mit sechs Pferden bespannet, welche ihr entgegen fuhren: Sie kehrte in dem Pallast des Hertzogs von Sandilien ein, und wurde daselbst von den vornehmsten Herrn und Damen bewillkommet. Den folgenden Tag fuhr sie nach Hof. Der König sagte ihr mit der verbindlichsten Art von der Welt, dass er nun hofte gelegenheit zu haben, die Treu des Grafens von Rivera zu belohnen und sie beide seiner wahren Hochachtung zu überzeugen.

Den Abend darauf hatte der Graf von Rivera die Vornehmsten des Hofs, nebst den fremden Gesandten in des Herrn von Cantwitz wohnung zusammen auf ein Musicalisches Sing-Spiel bitten lassen: Der König und die Königin erwiesen ihm die Ehre mit dabei zu erscheinen. Man fand die Zimmer des Cheruscers überaus niedlich aufgeputzt. Das ganze haus war mit Lichtern erhellet: Alles war neu, zierlich und wohl ausgesucht; Der Herr von Cantwitz erschien dabei als Wirt, in einer prächtigen Kleidung. Die Frau von Ridelo und ihre Schwester, die fräulein von Bellamont, wusten für Bestürtzung nicht, was sie sagen sollten,