diese grossmütige Erklärung dem Grafen die hände küssen. Der Graf aber schloss ihn in seine arme: Mein lieber Herr von Cantwitz, sprach er zu demselben, lasset uns hinführo als gute Freunde mit einander leben. Es wird sich alles schicken: zuvor aber wird es nötig sein, dass sie mir noch einige Umstände von ihrem eigentlichen Herkommen, und dem gegenwärtigen Zustand ihres Hausses erzehlen, damit ich allenfalls das nötige darüber möchte antworten können.
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Wenn man, gnädiger Herr, fing darauf Cantwitz an, in meinen Umständen ist, so ziemet es sich nicht wohl, eines vornehmen Herkommens sich zu rühmen; ich müste ihnen sonst sagen, dass der Ursprung meines Geschlechts gräflich sei; allein eine lange Folge von wiedrigen Zufällen und innerlichen Unruhen hat meine Vorfahren nach und nach so weit herunter gebracht, dass sie in der Gegend von Toscana, wo ehemahls die von Cantwitz ein grosses Land beherrschet haben, kaum noch etliche Edelhöfe und Meiereien besassen. Ein abscheulicher Krieg, der über hundert Jahre lang schier beständig fortdauerte, und einen grossen teil von Battavien verheerte, machte, dass mein Uhr-Grossvatter seine Sicherheit in Britannien suchte. Er war aber nicht so bald von seinen Gütern entfernet, so trugen ihm solche nichts mehr ein: dessen wenige Baarschaften und Kleinodien, die er mit sich genommen hatte, waren nicht zulänglich, ihn Standsmässig zu unterhalten: Er wolte nicht der menschlichen Gesellschafft zur Last leben; noch aus einem närrischen Hochmut lieber ein Hochadelicher Müssiggänger, als nützlicher Bürger sein. Er war also der erste, welcher sich entschloss, gleich andern, die mit ihm ihr Vatterland verlassen hatten, den Rest seines Vermöseine Güter in Battavien zu Gelde zu machen, und sich in Brittannien fest zu setzen: allein die Wut des fortdaurenden krieges machte, dass die Land-Güter nichts galten: er und sein Sohn starben, und die Güter kamen noch bis auf meinen Vater; der sie endlich, nach dem alle hoffnung erlosch, dass jemahls das Land wieder an seine alte Regenten, und zu seiner vorigen Freiheit gelangen würde, um ein geringes Geld verkauffte.
Mein Uhr-Grossvater war in der Handlung glücklich: er hatte Schiffe auf der See gehen, und wurde ein sehr wohlhabender Mann: er hinterliess einen Sohn, der, weil er mehr Eitelkeit hatte, die Handlung niederlegte, und bei Hof in ziemlichen Ansehen lebte. Mein Vater wurde in allen Vorzügen des Adels auferzogen, und man betrachtete ihn als den Erben eines grossen Guts.
Ich muss hier die Schrancken des Wohlstandes überschreiten, und meinen Vater Ew. Gnaden als einen vollkommen ehrlichen Mann beschreiben: sein Ansehen war liebreich und grosmütig: sein Verstand zeigte sich so wohl in seinen Wissenschafften, als in seiner ganzen Aufführung. Er hatte einen solchen Grund von Frömmigkeit, dass er sich auch scheute, die geringste Laster zu begehen. Er verband sich schon in seiner Jugend, es koste, was es wolle, weder von der Wahrheit, noch Aufrichtigkeit jemahls abzuweichen.
War mein Vater tugendhafft, so war er auch nicht weniger unglücklich, wann man anders einen Menschen unglücklich nennen kan, der mit Gelassenheit alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens hat ertragen lernen, und der nach einem ruhigen Alter als ein Christ gestorben ist.
Mein Vater war schon in seiner Jugend seiner Güte halben geliebt, bewundert und betrogen: Er war kein Verschwender: die Laster brachten ihn um nichts; Mitleiden, Redlichkeit und zu leichtes Trauen schier um alles.
Er hielt es mit der Partei des Königs Camiris, nicht, weil sie die glücklichste war; sondern weil sie ihm die redlichste dünckte: weder die Aufführung der Grossen, welche dem Printzen Frido beipflichteten; noch der Eifer der Geistlichkeit, mit welcher sie den Hof und die Religion verwirrten, schien ihm aufrichtig und gerecht zu sein: er redete dargegen nach seiner gewöhnlichen Freiheit und zog sich dadurch den Hass und die Verfolgung auf den Hals, welche insgemein dergleichen Offenherzigkeiten verursachen: Frido kam nicht so bald auf den Tron, welchen Camiris ihm einräumen muste, so fand mein Vater für sich in Brittannien keine Sicherheit mehr; er begab sich nach Albanien, und brachte ein stattliches Vermögen mit sich. Der König bediente sich seines Rats in verschiedenen Geschäfften.
Es war an diesem hof eine üble Haushaltung: die Unordnung herrschte in allen Ständen. Die Laster hatten das Ansehen der Artigkeit gewonnen, und die Tugend schien beinahe lächerlich. Mein Vater, den sein Eifer gegen das Böse, und die Redlichkeit das Gute zu befördern, allentalben ausbrachte, konte hier nicht schweigen. Er schalt auf die ruchlose Sitten: er tadelte die Unmässigkeit und Ausschweiffungen der Höflingen: er verachtete ihren närrischen Hochmut, er heuchelte niemand. Er sprach mit dem König auf eine sehr freie Art; er bediente sich nicht der gewöhnlichen Hof-Schmeichelei, um dessen Laster zu Tugenden zu machen. Den König befremdete eine solche Freiheit, die ihm öffters ganz verwegen schien. Mein Vater kehrte sich daran nicht; er war bereit sein ganzes Glück einer Tugend aufzuopffern, die ihm die würdigste schien, die Eigenschafft eines ehrlichen Manns auszumachen.
Der König hatte immer Mangel an Geld: Er hatte Einkünffte genug; allein sie wurden zehenmahl gezehend, ehe sie in seine Coffer kamen; es waren zu viele hände, durch welche solche durchgingen: es blieb in einer jeden etwas kleben. Mein Vater hatte dem König vorgeschlagen, eine offene Banck, nach Art derjenigen in Gross-Brittanien, aufzurichten. Solches geschah. Er schoss dazu eine grosse Geld-Summe;