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nach den Empfindungen einer wahren Tugend einrichten konte. Ich wuste noch nicht, dass dazu eine höhere Kraft erfordert wurde.

Die Frau von Dusemon hatte sich endlich durch die Königin sowohl als durch meine heftige Liebe bewegen lassen, mich zu ehligen, so bald sie meinen Ernst sehen würde, hinfort ein rechtschaffenes Christliches Leben zu führen: sie hoffte auf diese Weise ein Kind des Verderbens aus den Klauen des Satans zu reissen und also ein gutes Werk zu tun.

Ich gedachte nun erstlich der glückseligste Mensch auf der Welt zu werden: ich schmeichelte mir der zeitlichen Güter auf eine erlaubte Art zu geniessen; allein, der HErr menschlicher Schicksale, dessen gesetz und Ordnungen ich bisher auf das abscheulichste übertretten hatte, führte mit mir andere Absichten. Ein solcher Abschaum menschlicher Bosheit und Laster sollte nicht ohne wirkliche Empfindung seiner Sünden, und ohne rauhe Busse gerettet werden. Ich muste zum wenigsten die Strafen des Bösen tragen, zu welchen mich selbst das Gesetz der natur verdammte.

Ohneracht ich bisher, meiner Geliebten zu Gefallen, ein ordentliches und eingezogenes Leben führte; so hatte ich doch das mir von Jugend auf angewöhnte Fluchen noch nicht ganz lassen können. Ich war selbst einer von denenjeniden Leuten gewesen, die darin etwas sinnreiches suchen und die Kunst zu fluchen mit neuen Erfindungen bereichern.

Ich war schon wirklich mit der Frau von Dusemon versprochen, und der Tag unserer Vermählung war bereits auf die nächste Woche festgestellet, als wir uns Abends bei hof, in einer sehr grossen Gesellschaft, befanden. Mein eitles Herz hatte hier, was es vergnügen konte: Liebe, Ehre, Hoheit, Pracht, Reichtum, Lust; alles schien mich mit ausserordentlicher Glückseligkeit anzulachen. Nur die Carten waren mir zuwider. Ich sass und spielte und verlohr Spiele, die erstaunlich waren: man sah mir zu und schloss einen Creis um mich herum: man sagte, es wäre nicht natürlich, dergleichen Spiele zu verliehren. Ich geriet darüber in einen ungemeinen Eifer: ich vergass mich ganz. Ich hatte bei nah schon alle meine Adeliche Fluche nach einander ausgestossen; doch hatte ich meinen gewönlichsten noch ziemlich lang zurück gehalten, welcher war: dass mich GOtt verdammen sollte.

Kaum war mir auch dieser vom mund geflogen, so überfiel mich ein todkalter Angst-Schweiss: ich erblasste: mir bebeten alle Glieder: das Herz fing mir an zu schlagen und zu pochen, als ob es mir die Brust durchstossen wolte: ich wuste vor Bangigkeit nicht mehr zu bleiben. Ich schmiss die Carten weg, stunde schnell auf, hielte mein Schnupptuch vor die Nase, durchstrich die Königliche Vor-Zimmer und lief zu Fuss nach Haus.

Hier schloss ich mich in mein Zimmer, warf mich bald auf die Knie, bald auf mein Bette nieder: ich schrie, ich seufzete: ich fande, dass ich ein abscheulicher Mensch war; ich hatte ein Grausen vor mir selbst: ich bate GOtt, er mögte sich mir zu erkennen geben, und mich im übrigen strafen, wie es seine Gerechtigkeit erforderte. Ich hätte in diesem Zustand gern alles tun und leiden wollen, wenn ich nur die geringste Uberzeugung von GOtt hätte haben können; denn was mir am unerträglichsten schien, war mein Unglaube.

Ich sah wohl, dass mich diese Regungen nicht von ungefehr überfielen; ich urteilte aber zugleich, dass sie auch natürlich sein, und von einer aufgebrachten Phantasie herrühren könnten. Gleichwohl hatten sie keinen Grund in meiner bisherigen Lebens-Art, noch in der Unterweisung, die man mir von Jugend auf gegeben hatte: sie kamen auch von keinen Vorurteilen. Denn alle meine bisherige Anmerkungen von dem Zustand dieser Welt, und über die Sitten der Menschen, waren vielmehr eitel Vorurteile zum Unglauben. So leicht man auch aus der natur und aus einer richtig schliessenden Vernunft GOtt erkennen kan; so war mir doch damahls auch dieser gerade Weg verschlossen: Ich konte mir nicht einbilden, dass ein gütiges und allweises Wesen eine Welt sollte geschaffen haben, die nur nach meiner damahligen Meinung, von lasterhaften und unglückseligen Geschöpfen bewohnet würde; denn ich hatte noch so wenig tugendhafte und fromme Leute gekant, dass ich schier zu zweiflen begunte, ob es auch solche Leute wirklich gäbe. Ich litte grausam unter diesen Vorstellungen: meine Vernunft nahm die beste Gründe an, um mich zu verwirren, und mein Herz war voll der heissesten Begierden einen GOtt zu lieben, der sich mir nicht zu erkennen geben wolte. Ich verbrachte auf solche Weise die unruhigste Nacht von der Welt. Mit anbrechenden Tag liess ich den alten Franciscaner kommen, und entdeckte ihm, was mir begegnet war, und in welchem Zustand ich mich befand.

Dieser heilige Mann, denn er war solches in der

Tat, vergoss darüber Freuden-Tränen; er pries die Hand des Allmächtigen; die, wie er sagte, mich gerühret hätte, um an mir ein neues Wunder-Werk seiner Gnade zu zeigen. Sie erkennen nun, sprach er, auch wider ihren Willen, dass ein GOtt sei, dessen gesetz und Ordnungen sie auf die schmählichste Art übertreten haben, und dass sie deswegen ohne alle hülfe und Trost müsten verlohren gehen, wo er sich ihrer nicht erbarmen würde; sie ergreiffen deswegen ohne Anstand den Heiland, als das Sühns-Opfer für ihre Sünde; denn dazu ist Christus in die Welt gekommen, um die Sünder zu GOtt zu bringen.

Ach! rief ich hier bekümmert aus, ihr redet mir von

Christo, da ich noch kaum erst anfange einen GOtt zu glauben?