einem grossen Saal mit einander zu speisen, und den bedürfftigsten mit heimlichen Allmosen beizuspringen. Er setzte sich zuweilen zu ihnen, und hörte ihre Klagen an. Er gab ihnen bei dieser gelegenheit allerhand gute Lehren, er ermahnte sie zur Bescheidenheit, zum Fleiss, zur Ordnung und zum Gehorsam gegen ihre vorgesetzte Obrigkeit.
An seiner Tafel speissten täglich die ansehnlichsten Leute, so wohl aus der Burgerschaft, als aus dem Rat. Einige Geistlichen wurden gleichfalls mit dazu gezogen: Der Graf ehrte und liebte diese Leute ungemein, wenn sie nebst ihren Wissenschaften und Einsichten in göttlichen Dingen, auch selbst sich zu Exempeln guter Lehren dem Volck darstellten: er wuste die Wichtigkeit ihres Amts, und dass sie dadurch die beste gelegenheit hatten das Gute zu befördern.
Es fand sich unter den Ratsherrn ein nichtswürdiger Mann: Er wolte gern reich und vornehm sein. Das Glück und die Geburt hatten ihm solches versagt: er war von schlechtem Herkommen; er hatte keine Mittel. Dagegen hatte ihm die natur einen verschmitzten Kopff und ein verräterisches Hertz gegeben. Er wurde von niemand hochgehalten, destomehr aber hielt er von sich selbst: er wuste um alle Geheimnüsse des staates, und mengte sich in alles. Er wolte bei dieser gelegenheit Alpina dem König von Aquitanien in die hände spielen; Er eröffnete darüber seine Vorschläge dem Grafen von Rivera. Dieser berichtete zwar dessen treulose Anschläge noch hof, um sich in keine Verantwortung zu setzen; er fügte aber sein redliches Bedencken mit bei: warum er nicht riet, sich dermahlen des staates von Alpina zu bemächtigen: Es heist sonst, man liebt die Verräterei und hasset die Verräter: der Graf aber hasset beide. Er wolte seinen König nicht zu einem Herrn eines kleinen staates machen, der in seiner äussersten Not die Zuflucht zu ihm genommen hatte, und dessen Bemächtigung ihm neue Unruh und neues Mistrauen von Seiten seiner Nachbarn würde zugezogen haben. Er sann vielmehr auf Mittel den armen Alpinern seines Königes Schutz und hülfe auf eine Art, wie sie solche von ihm wünschten angedeien zu lassen.
In diesen Absichten setzte er seine Unterhandlungen so wohl mit den Abgeordneten des Rats, als der Burgerschafft fleissig fort; er konte aber so verschiedene wieder einander lauffende Ratschläge, darunter ein jeder nur seinen eigenen Nutzen suchte, unmöglich mit einander vergleichen, noch alle insbesondere vergnügen.
Er liess desswegen die Vornehmste von der Burgerschafft zusampt dem Rat zusammen auf das Ratauss kommen. O ihr Bürger von Alpina, redete er sie an, ihr köntet die glücklichste unter den Einwohnern des Erdbodens sein, wenn ihr eure Glückseligkeit erkennen, und die einfältigste Mittel gebrauchen woltet, sie zu erhalten. Ich sehe aber, dass meine bisherige Ratschläge lange nicht zulänglich sind, einen jeden unter euch vollkommen zu vergnügen: ich finde solches unmöglich. Es ist also hier die Frage, ob ihr die Unterhandlung desswegen abbrechen, und euch eurem weitern Schicksal, bei euren fortdauernden Misshelligkeiten überlassen; oder, ob ihr gutem Rat folgen, und eure gemeine Wohlfart besorgen wollet? Der Graf schwieg hierauf still, um zu vernehmen, wessen man sich gegen ihn erklären würde. Man stimmte endlich mit einander ein, dass man alles dessen kluger Einsicht überlassen wolte: Der Graf bat sich darauf einige Bevollmächtigten aus, mit welchen er die Sache zum Schluss bringen könnte.
Diese wurden bald gewehlt: der Graf gab keiner Parteilichkeit Gehör: seine Vernunfft durchdrang eine Sache bis auf den Grund: er lies sich kein Blendwerck vormachen; er suchte Frieden zu stifften: dieser findet sich leicht, wenn man ihn verlanget.
Man legte die alte Verfassung, welche den Staat in Aufnahm gebracht hatte, zum Grund der neuen Einrichtung: die Ordnung der Hausshaltung und der verrechneten Dienste wurde sicher gestellt: Handel und Wandel von allen ausserordentlichen Auflagen befreiet: dem fremden Adel, wie auch Gelehrten, Künstlern und andern Leuten, die keine bürgerliche Handtierung trieben, wieder erlaubet, ohne bürgerliche Lasten zu tragen, sich in der Stadt aufzuhalten: die Gewissens-Freiheit verstattet: eine gewisse Anzahl regulirter Soldaten zu halten beschlossen: KirchenPolicei-Kleider-Gesind und andere gute Ordnungen einzuführen gebilliget. Damit man aber hinfüro bei allen und jeden sich ereignenden Missverständnüssen, nicht mehr nötig haben möchte, Rat und Hülffe bei den Nachbarn zu suchen, und dieselbe von der Schwäche ihrer Stadt zu unterrichten; So sollten hinfüro beständig vier der redlichsten und klügsten Männer, von der sämtlichen Bürgerschafft als SchiedsRichter dazu erwehlet werden.
Auf diese Weise wurden die unglückselige Zwistigkeiten zu Alpina durch die Sanfftmut und Weissheit des Grafens von Rivera glücklich beigelegt; und dessen Wohlstand wieder auf einen sichern Grund gesetzt. Die Alpiner betrachteten den Grafen als ihren Schutz-Gott, und stiffteten ihm ein unsterbliches Andencken in ihren Geschichts-Registern. Er hatte in seinem Herzen dafür dasjenige Vergnügen zur Vergeltung, welches grosse Gemüter empfinden, wann sie etwas gutes zu Stand gebracht haben.
Das siebenzehende Buch.
Der Graf von Rivera besuchte auf seiner Rückreise von Alpina seine Frau Mutter und den Herrn von Bellamont; seine älteste Schwester aber nahm er mit sich nach Panopolis; diese Gräfin war ungefähr dreissig Jahr alt: sie besass dem ungeacht noch allen Liebreitz der Jugend, und hatte dabei die Klugheit eines reiffen Alters. Die gezwungene Verstellungen ihres Geschlechts, damit es öffters einen scheinheiligen Eckel gegen das Heiraten vorschützet, waren nicht die Ursachen ihres ledigen Standes: sie urteilte davon mit Vernunfft, und schätzte sich für glücklicher ihre Freiheit einem Stand vorzuziehn, welchen die meiste Menschen mit Verlangen suchen und mit Unzufridenheit beleben.
Die Gräfin von Monteras