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, hatte man nicht ganz unrecht, die Art und der Endzweck, wie und worzu man eine Sache gebrauchet, macht dieselbe entweder gut oder böss. Es sind in allen diesen Dingen gewisse Vorteile vor die Gesundheit, und für die Geschicklichkeit des Leibes; für die Wohlanständigkeit der Sitten, und für eine vernünfftige GemütsErgötzung; die aber allesamt durch ihren verkehrten Gebrauch böse, ja überaus böse werden können.

Man sah also in kurtzer Zeit diesen Ort zwar ganz ortodox: allein zugleich auch in völliger Abnahme: Handel und Wandel lag darnieder; der Müssiggang und die Trägheit verdarben vollends die Einwohner. Man besuchte die Kirchen mehr aus Langerweil, als aus Andacht; Man betrachtete die Geistlichen wie die Spielenden, welche ihre Rolle auswendig lerneten. Man lobte an dem einem die gute stimme, an dem andern das herrliche Gedächtnüs, und an dem dritten die grosse Gelehrsamkeit: weiter spührte man davon keinen Nutzen in dem gemeinen Leben. Die Leute wurden weder frommer noch tugendhaffter. Was die Obrigkeit nicht strafte, hielt man für keine Sünde. Unter der Larve einer äusserlichen Ehrbarkeit versteckte die Heuchelei die gröste Laster. Die Jugend formirte sich nach dem Beispiel der Alten: und die Auferziehung war eine Wissenschaft, darauf sich niemand legte: die guten Sitten waren aus der Mode gekommen. Man war ehrsüchtig, ohne wahre Ehre, und geizig, ohne den Nutzen der zeitlichen Güter zu kennen: man wuste weder was man mit dem Geld, noch was man mit der Zeit machen sollte. Alle Ergötzlichkeit der Alpiner bestund nur in Essen und Trincken. Diese Lust wurde von ihnen so weit getrieben, dass sie darüber teils faul und liederlich, teils seltsam u. hypochondrisch wurden. Man sah fast nirgend mehr ein gesundes Blut, einen muntern Geist und ein vergnügtes Herz.

In den Häussern der Reichen fanden sich kleine Apotecken, magere körper und fette Küchen. Kam man auf die Strassen, so begegneten einem allentalben arme, elende und gebrechliche Menschen, welche wie die Schatten auf den Gräbern herum wanderten. Wo sich jemand ein wenig wohl gekleidet sehen lies, da verfolgten ihn die Bettel-Leute von einer Tür bis wieder zur andern.

Es waren auch Juden in der Stadt, welche in einer besonderen Strasse wohnten, und sich vom Betrug näherten, weil man ihnen kein ander Handwerck erlaubte. Ihre Nahrung ging schlecht: sie lebten kümmerlich: sie übertraffen an Unreinigkeit auch die hesslichste Tiere, und regten sich in ihrem Kot und Unflat, wie das Ungezieffer in den Morästen; trauriger Anblick von Creaturen, welche die natur wie uns zu Menschen gemacht hat.

Der Adel verrostete mit dem Glanz seiner Ahnen: er war zu seinem Unglück so unwissend als hochmütig. Die Armut druckte ihn, wie den gemeinen Burger; sein Vermögen steckte in Land-Gütern und Häussern. Jene trugen nichts mehr ein, und diese stunden teils leer, teils gaben nur schlechte Zinnsen. Alpina schien noch etwas von aussen; inwendig aber glich es einem krancken Baum, der seine letzte Kräffte noch in die schwancke Aeste trieb. Es war den Einwohnern von der Glückseligkeit ihrer Freiheit schier nichts übrig, als die Freiheit zu verderben.

Die Stadt-Beamte, die Geistlichen, die Reches-Gelehrten und die Aertzte waren bei nahe die einzige, welche die gemeine Not noch verschonte: die erste zogen ihre Besoldungen beständig fort, und die andere näherten sich von dem allgemeinen Elend. Die Trägheit machte die Menschen kranck, und die lange Weile haderhafftig. Die Processe gehörten mit zu dem wichtigsten Zeit-Vertreib der Alpiner: ihr Müssiggang machte sie darinnen zu ihrem Verderben subtil, und ihre Zancksucht veranlaste täglich neue Entdekkungen in der Römischen Rechts-Gelahrheit.

Der Rat war unter sich in verschiedene Banden zerteilt, und die Burgerschafft wuste selbst nicht recht, was sie wolte. Einer hatte diese, ein anderer jene Anschläge. Man kam zusammen, man sprach von der allgemeinen Not: ein patriotischer Eifer wolte durchdringen: ein jeder aber hatte dabei etwas zu erinnern: der Widerspruch erhitzte die Gemüter: man disputirte, man zanckte und ging im Tumult wieder aus einander. Diejenige, welche auf den Aemtern sassen, machten sich unterdessen diese Umstände zu Nutz: sie fischten im trüben: sie nahmen das Geld ungezehlet, und sparten sich dadurch die Müh solches zu verrechnen. Man verkauffte die Ehren-Stellen wie das Recht; und wer einen guten Dienst haben wolte, der muste ihn bezahlen: dargegen dorffte er auch wieder allen Nutzen davon ziehen, welcher möglich war, ohne jemand Rechenschafft darüber zu geben.

In diesem Zustand war Alpina, als der Graf von Rivera daselbst ankam. Man hatte in den Pallast des verstorbenen Allowiss eingeräumt. Der Graf bewunderte dessen Pracht und sinnreiche Bau-Art: er urteilte daraus, dass ehedessen an diesem Ort vortreffliche Künstler und Bau-Leute mussten gewesen sein.

Der sämtliche Rat und die vornehmste Häupter der Bürgerschafft bewillkommten ihn mit grossen Ceremonien. Man setzte ihm eine Wache von vierzig Burger vor das haus. Diese kamen zwar mit ansehnlichen Befehlshabern aufgezogen; allein die bewafnete Männer selbst sahen so betrübt aus, dass sie den Grafen zum Mitleiden bewegten: ihm dünckte, dass sie sich besser in die Hospitäler als zur Parade schickten. Der Graf wolte deswegen ihre Aufwartung doch nicht verschmähen: er sann vielmehr auf Mittel, wie er sie ein wenig erquicken, und ihnen etwas zu gute tun möchte.

Der Rat hatte ihm gewisse Gelder zu seiner Unterhaltung angewiesen. Diese wurden dazu angewandt, seine täglich abwechselnde vierzig Mann in