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zu Marckte gingen.

Der Pöbel, von der Clerisei aufgehetzt, ging endlich in seiner Wut so weit, dass er den neu erbaueten Tempel der Romaner stürmte: Türen und Fenster einschmiss, Stühl und Bäncke in Stücken schlug und das Altar plünderte. Allowiss sah hier die gewünschte gelegenheit vor sich, seinen Ehrgeitz zu vergnügen. Der Pöbel, welcher sich täglich zusammen rottete, verlangte, man sollte den Romanern durchaus keinen offentlichen Gottesdienst verstatten, ihre Geistlichen aus der Stadt schaffen, und die Bürger gegen die Fremde schützen.

Der Rat wolte sich auf diese Weise keine gesetz vorschreiben lassen: Er suchte sein Ansehen zu behaupten: Er liess die Soldaten und die Bürgerschaft aufbieten, die vornehmste Posten in der Stadt besetzen und einige Stücke aus dem Zeughauss vor das Ratauss pflantzen.

Die Bürger schlugen sich teils zu den Aufrührern, teils zu der Partie des Rats: Jene klagten, man wolte sie um ihre Gerechtsame und um ihre Freiheit bringen: Sie sagten, der Rat war nicht befugt, die Soldaten, die er auf gemeiner Stadt Kosten unterhielt, gegen die Bürgerschaft zu gebrauchen; Der Rat hingegen betrachtete sie als Aufwiegler und Störer der gemeinen Ruh. Die Sache würde also übel für die Bürger abgelauffen sein, wo sich Allowiss nicht zu ihrem Oberhaupt aufgeworffen hätte.

Dieser kam mit einigen vornehmen Herrn des Rats und des Adels, die ihm zugetan waren, auf das Rat-haus: Er liess, ohne einmal einen Rat-Sitz abzuwarten, die Stücke wieder abführen und in das Zeughauss bringen. Er tröstete das daselbst versammlete Volck: Er versprach solches zu schützen und bei seinen Rechten und Freiheiten zu handhaben. Das Volck rief darüber ein frohes Vivat aus: Den folgenden Tag wurde er von wenig anwesenden RatsHerrn, mittlerweil das Rat-haus vom Pöbel umgeben war, zum Stadt-Amtmeister erwehlet. Die andere Rats-Herrn waren, aus Furcht, man mögte sich an ihnen vergreiffen, zu haus geblieben. Alle redliche Patrioten sahen, dass man dem gemeinen Wesen übel vorstund, da man aus einer niederträchtigen Furcht dem Allowiss die erste Stelle im Senat einräumte: Was wolten sie aber tun? Sie mussten dem Sturm ausweichen und auf bessere zeiten hoffen.

Hier ging es der Alpinern, wie einem der an einem heftigen Fieber kranck gelegen, und dem ein unerfahrner Artzt solches auf einmal, durch den starcken Gebrauch der China, vertrieben hatte. Die wütende Anfälle blieben aus; allein, ein schleichendes Ubel durchwühlte die Glieder, und drohete den ganzen körper mit der Auszehrung.

Allowiss suchte sich in allen Dingen bei dem gemeinen Volck gefällig zu machen. Den Romanern wurde der öffentliche Gottesdienst untersagt: Die Soldaten, welche in der Stadt Sold stunden, wurden abgeschafft, und die Posten der Stadt mit Bürgern besetzt, die aus blossem Müssiggang Soldaten spielten, ihre Nahrung darüber fahren liessen, und weder KriegsZucht noch Ordnung beobachteten.

Eine Menge von allerhand Fremden, welche sich bisher zu Alpina aufgehalten hatten, um der Freiheit und der Annehmlichkeit dieses Orts mit zu geniessen, wurden genötiget von dannen weg zu ziehen: weil man ihnen Schuld gab, dass sie nur Teurung in der Stadt verursachten und die beste Bissen den Bürgern vor dem Mund wegspeisten. Es hiess: sie trügen keine Lasten, und wären von allen Anlagen frei. Man dachte nicht, dass Leute, die nichts taten, als dass sie das Ihrige verzehrten, der Stadt Nahrung brachten, und den Umlauf des Gelds befördern halffen, welches gleichsam die Seele der gemeinen Wolfahrt ist.

Viele von dem fremden Adel hatten sich zu Alpina an die reichste Töchter verheiratet. Diesen kam es nicht sauer an, mit ihren Männern einen Ort zu verlassen, der auf einmal begunte einsam und traurig zu werden. Man merckte bald, dass die reiche Einwohner daselbst sehr abnahmen. Man schenckte also, um diesen Verlust zu ersetzen, vielen nichtswürdigen Leuten das Bürger-Recht, und vermehrte durch sie und ihre Kinder den Anwachs der Armen-Häuser und Hospitäler. Nahrung, Geld und Uberfluss ging damit aus der Stadt; Mangel, Not und Elend aber blieben zurück.

Die Ergötzlichkeiten verlohren sich von sich selbst: man sah weder Sing- noch Lust-Spiele mehr; Die Schau-Bühne, die durch ihre lebhafte und rührende Vorstellungen viel Lehrreiches hatte, wurde geschlossen. Die Dichter, die Redner, die Mahler, die Sängerinnen und Virtuosen, wurden arm, und mussten ihr Brod an andern Orten suchen. Die Music wurde kaum noch in den Tempeln gehöret. Die grosse Versammlungen des Adels versperrten nicht mehr die Strassen durch die Menge ihrer Gutschen. Die Spatzier-Gänge waren leer: alle Freiheit, alle Anmut, aller Umgang schien aufgehoben zu sein. Die Reisende fanden in Alpina nichts mehr, das sie bewegen konte, den Einwohnern etwas von ihrem Geld zu hinterlassen, und sich bei ihnen länger als einen Tag aufzuhalten.

Die Ritter-Schule, die nicht allein jährlich eine grosse Anzahl des benachbarten und fremden Adels, nebst anderer wohlhabender Leute Kinder in die Stadt zog, wurde, wo nicht aufgehoben, doch so elendig und mit so schlechten Leuten bestellet, dass sie von sich selber einging. Auf der Reit-Bahn sah man kaum noch ein Paar alte steiffe Pferde, zum Andencken, dass ehedessen allda eine Schul gewesen sei. Das Tanzen hielt man für sündlich, die Music für zu weichlich, das Fechten für gefährlich, das Mahlen für eitel; die Sprachen und schöne Wissenschafften aber für unnötig.

Indem man also von diesen Dingen urteilte