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wurde auf verschiedene Art nachgestellet: Die Gräfin von Monteras bekam davon Nachricht: Sie war seinetwegen in steter Furcht: Sie bat ihn, sich der Verfolgung seiner Feinde zu entziehen und auf eine Zeitlang von hof zu entfernen.

Es ereignete sich dazu eine besondere gelegenheit. Alpina, ein kleiner Staat, disseits der Aventischen Gebürgen, an dem Fluss Danoro gelegen, war mit sich selbst uneins geworden. Er sandt desswegen einige Abgeordneten nach Panopolis: Diese nahmen ihre Zuflucht zu dem Grafen von Rivera, und baten ihn, sich auf eine kurtze Zeit in person nach ihrer Stadt zu verfügen: sie hoften, er würde ihnen Mittel und Ratschläge an Handen geben, dem völligen Untergang ihre staates noch vorzubeugen.

Alpina lag unweit der herrschaft des Grafens: Er war ohnedem Willens seine alte Frau Mutter und den Herrn von Bellamont zu besuchen. Er bat desswegen den König, ihm diese kleine Entfernung auf ein paar Monate zu erlauben: Er hofte, die Sachen würden sich mittlerweile bei hof näher zum Ziel legen, und die aufgebrachte Gemüter etwas von ihrem Eifer gegen ihn fahren lassen. Die Gräfin von Monteras betrübte diese abermahlige Scheidung des Grafens nicht wenig: Sie tröstete sich aber mit derselben notwendigkeit: Sie wuste, dass die grosse Eigenschaften ihres Geliebten noch einen höhern Beruf hatten, als nur einen vollkommenen Liebhaber in dieser Welt abzugeben.

Der Graf kam glücklich nach Alpina. Er fand hier einen verwirrten Zustand; man wuste nicht eigentlich, wer in diesem Ort zu befehlen hatte: Bald herrschte der Rat, bald das Volck, bald beide zugleich: Zwietracht, Misstrauen und Unordnung aber beständig.

Die bequeme Lage der Stadt zur Handlung, und die Freiheit so wohl in Glaubens- als Bürgerlichen Sachen, hatten ehedessen viele Menschen dahin gezogen: Es fanden sich darunter sehr wohlhabende und begüterte Leute: Es wurden allerhand Fabricken angelegt, und starcke Handelschaften getrieben: Das gemeine Volck bekam dadurch Nahrung, und wurde von dem müssigen Leben, dem es zuvor ergeben war, zur Arbeit gebracht; Allein Hochmut, Neid, ReligionsHass, Uppigkeit und Unordnung nahmen in kurtzer Zeit daselbst, aus Mangel guter Policei, dergestalt überhand, dass dadurch der Zustand zu Alpina desto gefährlicher wurde, je mehr er an Kräften und Menschen zugenommen hatte; nicht anders, wie die vollblütige körper, welchen die Kranckheiten immer tödtlicher zu sein pflegen, als andern.

Dieser Ort stunde mit den Sequanern im Bündniss, welche von mehr als drei hundert Jahren her ein freies Volck ausmachten; Die aber, weil sie von demselben entfernet lagen, ihn nicht sonderlich schützen konnten. Er sah sich demnach öfters gezwungen, seine Zuflucht zu dem König von Aquitanien zu nehmen, und durch dessen Schutz sich gegen die gewaltsame Einfälle der benachbarten Sabloneser sich zu halten. Alpina gräntzte zugleich an Aquitanien, und hatte demnach seine Freiheit mehr der Eifersucht dieser beiden mächtigen Staaten, als seiner eigenen Verfassung zu dancken.

Es äusserten sich damahls zu Alpina verschiedene zusammenstossende Ubel: Die Romaner hatten, auf Anhalten des Königs von Aquitanien, die Freiheit bekommen, sich in der Stadt Ringmauren einen Tempel zu erbauen. Die Geistlichen wurden dadurch aufgebracht: ihre Meinung war nicht über ihren Sprengel zu schreiten; aber eine neue Kirche bauen, sagten sie, das gehet uns an; wir sind zu Wächtern in Israel bestellet; wir können dazu nicht schweigen, dass man diesen Feinden unseres Glaubens, eine öffentliche Kirche aufführen lasse.

Allowiss, ein junger ehrgeitziger Ratsherr, wuste, dass die Geistlichkeit den Pöbel stimmen konnte, wie sie wolte; Er suchte sich durch sie einen Anhang zu machen, und die oberste Stelle im Rat zu erlangen. Er gab desswegen dem geistlichen Religions-Eifer Beifall, und liess sich öfters verlauten, dass, wo er in Alpina etwas mehr zu sagen hätte, die Sache mit den Romanern bald ein anderes Ansehen gewinnen sollte: Dieser Allowiss war sonst ein Sohn des weisen Humfrids: Ein Mann, der sich ehedessen durch seine Redlichkeit und kluge Ratschläge um diese Republick sehr verdient gemacht hatte; Allein, die den Vätern anhangende Blindheit, ihrer Kinder Fehler zu unterscheiden, mochte auch dem alten Humfrid eigen gewesen sein. Allowiss war überaus verzärtelt: seine ganze Erziehung war auf den Ehrgeitz gegründet, welche man ihm als die Eigenschaft grosser Leute angepriesen hatte; von den Gründen der Tugen wuste er nichts. Er meinte, man müste ihn, in Ansehung seines Vaters und seiner eignen Einbildung, allen andern seines gleichen vorsetzen; Er betrachtete die Bürger fast wie seine Untertanen, und hatte einen kleinen Selbsterrscher im Kopf.

Wie der Pöbel leicht zu bereden ist, so ist solches auch das weibliche Geschlecht. Wir leben in betrübten zeiten, sprachen einige der eifrigsten Seelsorger: Die Romaner nehmen bei uns überhand: sie werden uns bald gar ausbeissen, und ihren Glaubens-Genossen, den Aquitanern, oder Sablonesern verraten: Dieser so gefährlich lautende Bericht schlich von Mund zu Mund, von Ohren zu Ohren: Die Weiber sprachen davon in ihren Gesellschaften, und selten wurden die Carten ehender ergriffen, bevor der Artickel ausgemacht war, dass man die Romaner aus der Stadt jagen sollte.

Eine verborgene Eifersucht hatte vielleicht an diesem harten Ausspruch auch ein wenig Anteil. Das Romanische Frauenzimmer kleidete sich wohl: Ihre Männer waren meistenteils Kauf-Leute, die durch einen hurtigen Gewinn auf einmal viel Geld erworben hatten, und desswegen eilten, sich ihres guten Glücks zu bedienen, weil es insgemein nicht lange dauerte; da ihm Gegenteil die alte Geschlechter auf ihre Erhaltung bedacht waren, und desswegen sparsamer