dem Herzogen von Sandilien; sie wolten solchen zur Wircklichkeit gebracht sehen; allein so bald wurde derselbe nicht den vornehmsten Ministern und Räten mitgeteilet, und darüber ihr Gutachten begehret, so regte sich allentalben Eifersucht, Missgunst und Verachtung.
Unter den staates-Räten fanden sich zwei, die der Graf wegen ihren grossen Verdiensten besonders hochschätzte. Der eine war der Cammer-President und der andere der Stats-Secretarius. Der erste hatte einen durchdringenden Verstand, und eine ungemeine staates-Wissenschafft, welche sich auf eine langwierige Erfahrung gründete. Sein Umgang war angenehm und leutselig; er konte einem die Fehler sagen, ohne dass man dadurch beleidiget würde. Er gab einem öfters selbst die Entschuldigungen an die Hand, und machte dadurch, dass seine Verweise mehr gütig als beissend waren: Er brachte einen auf solche Art zur Erkänntnüs, und man blieb ihm dafür verbunden. Er liebte die Künste und Wissenschafften: er war ein Gelehrter, ein Saats-Kündiger, ein Hofmann, und was am meisten zu bewundern, ein Cammer-President, ohne Eigen-Nutz.
Der staates-Secretarius war von keinem grossen Herkommen: seine blosse Verdienste hatten ihn erhoben; diese waren gemeiner als sein Glück. Die natur hatte ihm ein edles Ansehen gegeben: seine Gebehrden waren ernstaft und abgemessen, doch ohne Aufgeblasenheit und Zwang. Man ehrte ihn, wenn man ihn nur sah. Er besass eine tieffe Einsicht. Seine Begriffe waren deutlich, und seine Art sich auszudrükken überzeugend. Seine Gründlichkeit machte ihn behutsam, und seine Behutsamkeit schützte ihn gegen alle Übereilung. Er konte die Absichten von andern leicht entdecken; seine eigene aber desto künstlicher verbergen. Der Hertzog von Sandilien tat nichts wichtiges ohne ihn: Im Cabinet war er sein Ratgeber, und in der Ausführung seine rechte Hand.
Der Graf hatte diesen beiden würdigsten StaatsMännern seine Anschläge zu erst entdeckt: sie schienen ihm gewogen zu sein; allein, sie hatten gegen ihn noch etwas zurückhaltendes und misstrauisches, welches sie verhinderte, gegen ihn so offenhertzig sich heraus zu lassen, als er es wünschte. Diese Kaltsinnigkeit hatte für den Grafen etwas so empfindliches, dass er alle seine Demut auffordern muste, um sich darüber zu trösten.
Die Gemüts-Eigenschaft des Grafens hatte hier etwas besonders: Er unterliess nicht in seiner Hochachtung gegen Leute, die Verdienste hatten, fortzufahren, wenn sie ihm gleich die Ihrige versagten: Er liess ihre Gering-Schätzung sich dazu dienen, dass er seine Einbildungen von sich selbst desto genauer einschränkte, und seinem Verstand nicht zu vieles zutrauete.
Den König und den Hertzog von Sandilien verdross im Gegenteil die Aufführung der obbemeldten beiden staates-Räten destomehr, weil sie dem Grafen gewogen waren. Sie wolten, dass man dessen Anschlagen folgen sollte: allein, der Gross-Cantzlar, der sich zu dem Haupt der Missvergnügten machte, hielt den Fortgang derselben zurück.
Dieser war ein Mann von dem grössten Ansehen. Er war schlau, listig, eigennützig und schmeichlerisch; Er suchte die Leute, die seiner Hülffe nötig hatten, nur mit höflichen Worten herumzuführen, und sich nachgehends zu beklagen, dass er ihnen nicht dienen könnte. Diejenige aber, die seine verborgene Absichten wusten, die suchten ihn auf eine Art zu verpflichten, welche zwar keiner Bestechung ähnlich sah; aber doch gleiche Wirckungen bei ihm hervorbrachte. Er empfieng die Dienste von andern, als die Einkünfte von seiner Vortreflichkeit, und wenn er sich dargegen erkenntlich zeigen sollte; so ergriff er die erste gelegenheit über einen missvergnügt zu werden; und brachte einen dahin, dass man noch froh sein muste, wenn er einen entschuldigen wolte.
Er war freundlich bis zur Niederträchtigkeit, und grausam unter dem Schein des Glaubens und der Gerechtigkeit. Er konte weinen, wenn er von unglücklichen Zufällen, oder von grossen Missetaten reden hörte: Er tröstete aber so wenig die eine, als er die andern entschuldigte. Die allgemeine Not rührte ihn nicht; bei den Unordnungen der Menschen hatte er etwas zu gewinnen; und bei ihren Verbrechen etwas zu straffen. Er betrog alle Menschen durch seine Heuchelei, und betrog sich selbst, indem er seine Laster nicht kannte; Dieser Fehler war der eintzige, der seine andere noch in etwas entschuldigte.
Der Cantzlar bekam bald einen stärckern Anhang, als der Graf: Man liebt selten an Höfen dergleichen Sitten-Lehrer: Der Graf würde sich dadurch verächtlich gemacht haben, wo er nicht zugleich durch dessen Artigkeit und munteres Wesen sich so viel Bewunderung, als durch seine Tugend Ehrerbietung erworben hätte.
Der Graf von Rivera meinte es mit allen Menschen gut; Er beleidigte niemand: Man bemerckte an ihm keinen Hochmut, keinen Eigennutz, keine Missgunst und keine Falschheit: Er machte nichts aus sich selbst. Er betrachtete sein Glück, als ein Mittel andere glücklich zu machen. Er hasste alles gezwungene und aufgeblasene Wesen: Er war gegen alle Menschen Leutselig und aufrichtig. Man priess desswegen seine Redlichkeit so sehr als seinen Verstand, und schätzte seinen Beifall für denjenigen der klügsten Leuten. Der Soldat, der Gelehrte, der Künstler, der Bürger, überhaupt alles erhub den Wert seiner grossen Eigenschaften.
Nur die Geistlichkeit erklärte sich gegen ihn, weil er dem König eine Gemahlin von einer andern Religion zugeführet hatte; und eine gewisse Kühnheit zeigte, ihre Ausssprüche nicht alle für Göttlich zu halten: Er kante ihre Fehler, und drohete solche zu verbessern: Die Partie des Gross-Cantzlars wurde durch sie um so viel wichtiger: Es fanden sich darunter schlimme Ratgeber. Dem Grafen