und vornehm zu werden, in Sicherheit. Sie haben demnach nicht solche Maass-Regeln zu beobachten, wie andere Geistlichen, die öfters den Mantel nach dem Wind hängen und durch ihre Gefälligkeiten, damit sie andern schmeicheln, gute Pfründen und hohe Kirchen-Aemter ertangen. Der Franciscaner wuste nichts von diesen Dingen: er war gewohnt einem die Wahrheit trocken unter die Augen zu sagen. Ich sehe, mein Herr, sagte er mir, sie sind über den Verlust ihrer Gemahlin gar nicht betrübt; da sie solches zu sein doch so grosse ursache hätten. Wann werden sie dann einmal in sich selbst gehen, und anfangen ihre Sünden zu bereuen, damit sie bisher den Hof die Stadt und die ganze Christenheit geärgert haben? Sie gebrauchen die Gaben ihres Verstandes denjenigen damit zu entehren, von dem sie solche bekommen haben; Es ist hohe Zeit, dass sie ihren Sinn ändern; sonst dürfte ihnen der HErr bald zeigen, was er für eine Macht über solche Geschöpfe habe, die seiner zu spotten vermeinen.
Diese beherzte Rede hatte etwas, das mich verwirrt machte: ich wuste bei aller meiner Lebhaftigkeit ihm nichts darauf zu antworten: ich betrachtete diesen Anachoreten mit Bestürzung: die Augen lagen ihm so tief im Kopf, dass man solche kaum sehen konte; seine ganze Gesichts-Bildung bestunde aus blossen Knochen, die auf der Stirne mit einigen Runzeln bezeichnet waren: ich erschrack je mehr ich ihn ansahe. Diese Leute, dachte ich bei mir selbst, müsten doch wohl greuliche Narren sein, wenn sie sich das Leben so sauer machten, nur um andere Menschen zu betrügen, und ihnen eine Religion zu predigen, davon sie selbst keine Uberzeugung hätten. Ich gedachte also bei mir selbst, dass es noch wohl der Mühe wert sein mögte, diesen Sachen ein wenig nachzudenken. Ich fragte deswegen den Pater, was er mir riete vor Bücher zu lesen? er antwortete mir, die Bücher der Evangelisten und Apostel. Dieses befremdete mich: ich nante ihm verschiedene geistliche Schriften, die mir ehedessen meine Frau angepriesen hatte und die damals unter den andächtigen Leuten stark Mode waren; er sagte mir, diese Bücher waren zwar gut, doch müste der Grund des Glaubens zuvor in der Unterweisung des Heilands selbst geleget werden.
Ich las darauf ein wenig in den Büchern des Neuen Testaments; allein ich blieb darüber zwischen den Meinungen der vielen Ausleger hängen. Diese versperrten einander durch ihr stets anhaltendes Gezank den Himmel, nachdem sie sich einander widersprachen. Der gröste Böswicht, der in der Bekanntnis ihrer Aufsätze starb, der wurde selig gesprochen, und der frömmste Mann im Gegenteil ging nach ihrem Ausspruch verlohren, wann er einer anderen Partei zugetan war. Dieses verwirrte mich ungemein.
Ich war bei allem dem noch in meinen besten Jahren und hatte dabei die Welt sehr lieb: ich gedachte mir dieselbe nach meiner Frauen Tod erstlich recht zu Nutz zu machen. Ich setzte also mein leichtsinniges Leben weiter fort: ich spührte aber dabei in meinem Herzen gewisse unruhige Bewegungen, welche sich nicht wolten abweisen lassen, und die gleich den Wellen, wenn sie auf der See durch einen Wirbel-Wind in die Höhe gezogen werden, darin einen Sturm nach dem andern verursachten.
Es lebte damahls eine sehr tugendhafte Witwe onsern Panopolis auf dem land: die Königin besuchte sie und nahm mich mit zu ihr: ich sah nicht so bald die Frau von Dusemon, so nante sich diese Dame, als ich mich erinnerte, dass ich sie ehedessen, als eine der lebhaftesten und grössten Schönheiten, am hof gekant hatte. Ihre Sittsamkeit rührte mich dismahl noch mehr, als ihre reitzende Gestalt. Ich betrachtete sie mit der grössten Verwunderung. Ein ungewöhnliches Stillschweigen band mir gleichsam die Zunge: ein tieffes Nachdencken hatte mich ganz eingenommen.
Die Königin, welche eine dergleichen Eingezogenheit an mir nicht gewohnet war, fragte mich, was mir wär. Sehet doch, fügte sie im Scherz hinzu, wie das eitle Welt-Kind heute sich so ernstaft stellet: ich denke, Pandoresto wird sich bekehren wollen. Die Frau von Dusemon sah mich darüber an: es wäre wohl zu wünschen, sagte sie mit einem durchdringenden Auge, dass ein so verständiger Cavalier auch ein wenig Gottesfurcht haben mögte. Ich erkühnte mich nicht anders, als mit Ehrerbietung ihr darauf zu antworten.
Ich fuhr damit wieder mit der Königin zurück: einer von meinen guten Freunden sagte mir darauf, dass diese Dame sehr gute Meinungen von mir hegte, dass ich ihr nicht so gottlos vorkäme, als man mich ihr beschrieben, und dass sie an mir gewisse Merkmahle entdecket hätte, die sie versicherten, dass ich noch ein gottsfürchtiger Mann werden würde.
Diese Reden machten mir allerhand Gedanken. Ich empfand für diese Dame eine mit Liebe und Ehrerbietung vermischte Neigung. So eitel ich auch war, so konte ich mir doch nicht einbilden, dass ihr an mir etwas sollte gefallen haben: ich spürte bei dieser gelegenheit eine mir ganz unbekante Demut: ich begriff mich selbst nicht recht: ich wolte gern tugendhafter sein, wenn ich dadurch dieser Dame gefallen könnte. Solches wär in der Tat eine schlechte Beweg-ursache, mich zu bessern; ich erkante aber daraus dass die Tugend etwas ungleich Liebens-würdigeres an sich hatte, als das Laster.
Ich bekam hierauf die Frau von Dusemon öfters zu sehen: meine Aufführung gegen sie war so eingezogen, als ehrerbietig: ich war mit mir selbst missvergnügt, dass ich meinen wilden Geist nicht gleich so bändigen und meine innerste Regungen