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Menge ihrer Anbeter und Liebhaber. Von den Pflichten eines vernünftigen Weibes wuste sie nichts: Sie hatte nicht einmal Zeit daran zu dencken: Sie war allzu sehr in ihren Eitelkeiten und Wollüsten zerstreut.

Hätte ich mich darüber beklagen wollen, so würde man mich für einen wunderlichen und eigensinnigen Mann gehalten haben. Man lebte nicht anders in der grossen Welt. Es war nicht mehr Mode, dass sich die Weiber ehrbar und die Männer weise stellten. Die Ehe war ein Sacrament für den Pöbel, und ein Stand der Freiheit für den Adel. Ich hatte davon andere Begriffe: ich liebte die Tugend: ich sah ihren Fortgang ewig, und das Ende der Laster mit Schrecken. Ich muste mich unterdessen verstellen: ich wolte mich weder lächerlich machen, noch viel weniger über eine Sache einen Rechts-Streit anfangen, wo der Gebrauch die gesetz aus der Ubung gebracht hatte. Ich befand mich in diesen Umständen, und dachte ihnen nicht ohne betrübter Empfindung nach; als ich einmahls darüber in einen tiefen Schlaf fiel.

Mir träumete, ich wär in einem düstern Wald, wo ein braussender Wasserfall sich von einem wilden Gebürg herunter stürtzte, und zwischen ungeheuren Felsen und Klippen durchrauschte. Ich empfand hier eine Verachtung gegen alle Schönheiten dieser Erden. Ich entschloss mich, ein Feind der Menschen und ihrer Ergötzlichkeiten zu sein. Ich sah allerhand wilde Tiere, die vor mir flohen, und hörte an statt der lieblichen Töne, die sonst in den Wäldern erschallen, nichts als ein zischendes Pfeiffen der Uncken und Hammelmäusgen; und das Rufen der Kautzgen und Nacht-Eulen. Man muss schon zu einem hohen Grad der Träumerei gelanget sein, wenn einem solche Dinge mehr anmutig als fürchterlich vorkommen: Ich fühlte bei mir eine Melancolie, welcher ich nachhieng; ich war traurig, und wolte es sein: mein Kummer war mir angenehm, und mein Leiden ein Vergnügen.

Auf einmal wurde in diesem Wald alles lichte: nicht anders wie in den Schauspielen, wenn man den Vorhang aufziehet. Ich fand mich in der schönsten Gegend: ich beobachtete keinen Strich, der Himmel und Erden schied: ich sah ihre Tiefen mit Erstaunen: ein unendliches Licht erfüllete den unendlichen Raum: ich hörte Stimmen, welche die reinste Töne ausstiessen: ich fühlte eine Lufft, die meine Brust mit der süssesten Empfindung bewegte, und deren Hauch alles mit dem lieblichsten Geruch durchdrang: ich sah Geschöpffe von ungemeiner Schönheit, die teils den Menschen, teils den gemahlten Cherubinen glichen; Aus ihren Augen strahlte die Liebe, die Anmut und die Holdseligkeit. Ich kam darüber in eine Entzükkung, darin ich bald mit Menschen, bald mit Engeln mich vermenget sah; ich erblikete darunter Roxelanen: ihre Gestallt war in einen hellgläntzenden Schleier verhüllet, dadurch ich bald ihren ganzen Leib, bald aber nichts als ein bloses Licht erblickte; dessen Strahlen so scharff und durchdringend waren, dass ich darüber die hände vor die Augen halten muste: endlich erschien sie vor mir in ihrer gewöhnlichen Kleidung: in ihren Augen lachte ein himmlisches Feuer, sie winckte mir mit der Hand, verbot mir aber, sie (nicht) anzurühren.

Ich bin selig, sagte sie zu mir: aber diese Seligkeit ist unaussprechlich: Die Gegenwart GOttes erfüllet alles: die Seelen der Gerechten sind davon durchdrungen; doch finden sich in diesen Wohnungen unzehlich viele und verschiedene Gegenden. Die untersten, wo die Seelen, wann sie erst von dem leib scheiden, hinkommen, sind weder finster noch lichte: den meisten tut die Absonderung von ihrem körper leid: sie sehnen sich deswegen, doch eine mehr als die andere, noch immer nach ihren vorigen Hütten. Die Geitzigen zehlen noch ihr Geld: die Hochmütigen sinnen noch auf Pracht; und die Wollüstigen seufzen noch nach ihrer vorigen Lust: ihr Zustand ist noch immer nach denen Neigungen eingerichtet, welche sie mit aus der Welt bringen. Diejenige Seelen aber, welche bereits sich durch den Glauben und die Weissheit mit GOtt bekannt gemacht haben, die dringen hier mit einer ungemeinen Begierde und einer schnellen Erhebung, durch alle Zwischen-Räume hurtig durch, und gelangen also zu der Gemeinschafft GOttes, welche die Seligkeit ist; mittlerweile, dass hingegen die noch irrdisch gesinnte Seelen, so lang und so viel durch ihre böse Neigungen und Torheiten herumgetrieben werden, biss sie endlich solche selbst erkennen und verfluchen lernen: da sie dann von einer Läuterung zur andern, und von Grad zu Grad erhöhet, des Einflusses des göttlichen Lichtes fähig werden. Bis endlich Christus, als das Haupt aller Glaubigen, sein Reich beginnen; unsere Leiber wieder mit dem Geist vereinigen und Licht und Recht, nach den Absichten GOttes in der Schöpfung vollkommen herstellen wird. Sonst wissen eigentlich die Seelen hier nichts von dem, was sich auf der Erden begiebt; Es wird ihnen aber zuweilen vergönnet, wenn sie die Liebe zu den Hinterlassenen allzuheftig dringet, einen blick dahin zu tun: sie versencken sich so dann in den Glanz des höchsten Lichtes, welches aus GOtt strahlet, und worinn sie als in einem Traum dasjenige sehen und zu wissen bekommen, was sonst niemand als GOtt allein wissen kan. Mehr kan kein irrdischer Verstand von diesen Dingen fassen. Trachte unterdessen in der Welt so zu wandeln, dass dir deine gute Wercke nachfolgen können, und dass ein aufrichtiges Verlangen nach GOtt, deiner Seele den Weg bahnen möge, durch alle Wohnungen der irrdischen Geister hurtig durchzu dringen und des göttlichen Lichtes teilhaftig zu werden. Fliehe unterdessen den Ort, der deiner Tugend gefährlich ist; rühre