Regierungs-Art den Unterschied mache. Die Bosheit und das Verderben aber unter den Menschen äussert sich allentalben. Ich fand solches in Tunis, wie in meinem Vaterland. Ich seufzete heimlich darüber, als ich sah, wie wenig wir vor diesen Barbarischen Völckern voraus hatten.
Wir entsetzen uns über ihre Grausamkeit, damit sie die Christen-Sclaven tractiren, und nehmen es gleichwohl vielen unserer Europäischen Fürsten kaum einmal übel, wenn sie öfters ihren eigenen Untertanen mit gleicher Härte begegnen. Das Recht, welches die Corsaren über ihre krieges-Gefangene gewinnen, scheinet ihr unbarmhertziges Verfahren gegen dieselbe noch einigermassen zu entschuldigen: allein ich sehe in dem ganzen natur-Recht nichts, das unsern Fürsten zum Vorwand dienen könnte, diejenige zu plagen und zu peinigen, um deren Sicherheit und Wohlfart zu schützen, sie Fürsten sind.
Wann auch der Bekehrungs-Eifer bei uns für recht und gut gehalten wird, so sind darin die Tuneser noch weit frömmer als wir. Sie bekehren die Menschen, welche sie für unglaubig halten, nicht durch Schärgen, Hencker und Dragoner: sie locken sie durch Freundlichkeit und Liebe: und geben oft geringen Sclaven, wenn sie gute Eigenschaften besitzen, die artigste und reicheste Weiber.
Der Bei vernahm nicht so bald durch den Aquitanischen Consul, dass ich von vornehmer Geburt sei, und so wohl in der krieges-Ban-Kunst, als in andern Wissenschaften erfahren wär, so liess er mich öffters zu ihm bringen. Er bezeigte mir eine besondere Hochachtung, welche endlich so lebhaft wurde, dass er mir versprach, mich zum glücklichsten Menschen von der Welt zu machen, wenn ich bei ihm bleiben und zu der Mahomedanischen Religion übertreten wolte. Dieses zeiget uns, wie ein jeder sich einbildet, den besten Glauben zu haben, und wie der Eifer andere zu bekehren allentalben in der Welt Mode ist.
Der Bei hatte ein besonderes Vergnügen, mit mir von der Religion zu sprechen: Er war der Meinung, die Seinige wär die beste. Ich hatte eine leichte Sache, ihm das Gegenteil zu erweisen. Der Bei hatte Verstand und Einsicht: er hatte viel gelesen, und wuste was zu einem richtigen Schluss gehörte.
Ich sagte ihm, seine ganze Religion wär auf das Ansehen eines einzigen Menschen gegründet, welche man entweder mit oder ohne Vernunft annehmen müste: wär es das erste, so dürfte man sie untersuchen: dörfte man sie untersuchen, so würde man bald finden, dass sie die Eigenschaft der Göttlichkeit nicht hätte: dürfte man sie aber nicht untersuchen, so hätte Numa Pompilus so viel Recht als Mahomed gehabt, eine Religion nach seinen Absichten zu schmiden.
Der Bei meinte, dass wir ebenfalls keinen andern Beweis von der Warheit unserer Religion hätten, als das Ansehen von Mose und Christo; allein ich zeigte ihm, dass diejenige Religion, welche uns dieselbe lehrten, sich gar nicht auf menschliches Ansehen, sondern auf die Warheit selbst gründete; und daher auch alle Untersuchung litte; Sie lehrte uns von GOtt auf eine der Göttlichkeit gemässe Art dencken; sie schickte sich für unsern Leib, indem sie uns zur Mässigkeit und zur Gesundheit anwies; sie schikte sich für unsern Geist, indem sie dessen Begierden nach einer ewigen Weissheit und Glückseligkeit mit Erkäntnüs und Trost erfüllete; sie schikte sich für den Staat und für die bürgerliche Gesellschafft, indem sie die Gerechtigkeit und die Ordnung zum Grund setzte.
Wie aber steht es um eure Geheimnüsse, fragte hier auf der Bei? Geheimnüsse, war meine Antwort, haben wir in unserer Religion eigentlich keine; aber in Ansehung unserer Begriffe, sehr viele. Unser Glaube, fuhr ich fort, macht uns aus nichts Geheimnüsse? er entdecket uns vielmehr die Tiefen der Gotteit, und die allerverborgenste Weisheit. Wir sind aber gleichsam noch wie die Frucht in Mutterleibe, die erstlich soll geboren werden; wir leben noch in einem dunckeln Ort, und sehen nur das Licht von ferne; So bald wir aber anfangen weise zu werden, so kommen wir von einer klarheit zur andern, und wachsen unendlich in aller Erkänntnüs, Wahrheit und Heiligkeit.
Die Himmlische körper, Sonn, Mond und Sterne, scheinen in unsern Augen durch die unermessene Tiefe nur kleine Lichter; Sie sind uns nicht verborgen als Geheimnüsse; unsere Augen reichen nur nicht so weit; wir sind wegen ihrer Entfernung nicht fähig ihre Grösse zu messen, und ihre körper recht zu erkennen. Solche Beschaffenheit, sagte ich, hat es auch mit den vermeinten Geheimnüssen unserer Religion.
Wie kommt es aber, unterbrach der Cadi, dass ihr in eurer Religion gleichwohl so viele Glaubens-Artickel habt, die ihr selbst nicht verstehet, und darüber ihr doch mit solcher Wut und Grausamkeit euch einander hasset und verfolget, ja gar um Leib und Leben bringet?
Hier antwortete ich dem Bei mit Schaam und Seufzen; die Christen, sagte ich, machen es hierin nicht viel besser, als wie die Schüler des Alcorans, deren einige den Auslegungen des Ali, die andere dem Omar folgen; und hernach wieder in unzehliche andere Secten sich zerteilen. Dieses ist ein allgemeines Ubel unter den Menschen. Nachdem sie einmal die wahre Aufrichtigkeit verlohren, so sind sie auf ein unnützes und sinnloses Geschwäz verfallen; sie haben sich in ihre eigene Weissheit verliebet, und der weltliche Arm hat die Ehre ihrer Einbildungen unterstützen helffen. Christus hat uns den Glauben ganz anders gelehret; seine Worte waren Kraft und Leben, es bestund alles bei ihm in der Liebe, in der Sanftmut, in der Demut,