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heimtückische Streich ging mir um destomehr zu Herzen, weil ich dadurch, in Ansehung der nötigsten Unterhaltungs-Mittel, von meinem Bruder allein abhängig gemacht wurde, welcher mir es noch für eine Gnade anschriebe, dass er mir von einer herrschaft, die jährlich über vier tausend Taler auswarf, eintausend zu meiner Leibzucht wiedmete. So teuer kam mir also ein unglückseliges Gespräch, in welches ich ganz unschuldig mit eingezogen wurde, zu stehen; und so kan öfters ein einziger unglücklicher Zufall durch einen fortlauffenden Zusammenhang der Ursachen, da immer ein Ubel aus dem andern entstehet, gar hurtig die ganze Wohlfahrt eines Menschen zu Boden werffen. Bei so gestalten Umständen wuste ich keinen bessern Trost, als in den Lehren der Weisheit zu finden, die noch durch meines Vaters Geist in meinem herzen lebten; allein, weil ich noch in dem stärcksten Feuer meiner Jugend war, so konnten sie mich auch nicht völlig beruhigen.

Ich fand unterdessen an dem Sicilianischen Hof eine gelegenheit, mich bekant zu machen:

Dieser hatte immer mit den Barbarischen See-Räubern zu tun, welche beständig auf den Sicilianischen Küsten herum creutzten, und alles, was sie antraffen, wegkaperten: Ihr Vorteil bestund in ihren leichten Schiffen, damit sie, mit einer ungemeinen Behendigkeit, die See durchschnitten.

Ich hatte mich von Jugend auf mit der Seefahrt und der Schiffbau-Kunst erlustiget: Man hatte von meines Vaters Schloss nicht über drei kleine Stunden bis nach dem Hafen Sanrivo, welcher durch nichts als seinen Schiff-Bau berühmt ist. Hier verbracht ich in meinen jungen Jahren die angenehmste Stunden: Ich hatte immer einige leichte Jagden, damit ich von meines Vaters Schloss bis nach dem Hafen auf und nieder segelte, und mich zu einem Spiel der Wind und Wellen machte; ja ich wagte zuweilen mich damit so weit in die See, dass ich öfters darüber unsere Küsten aus den Augen verlohr.

Mein Vater, als er diese starcke Neigung an mir entdeckte, liess mich in allen Matematischen Wissenschaften auf das gründlichste unterrichten: Man hatte dergleichen Leute an dem Sicilianischen hof nötig: Ich konte also meine Wissenschaften hier gelten machen. Der König liess einige Galeren nach meinem Entwurf verfertigen, solche ausrüsten und in See gehen: Er machte mich darüber zum Befehlshaber. Ich suchte damit die See-Rauber auf; allein, es war, als ob sie auf einmal verschwunden wären. Ich kam etlich mahl wieder in die Sicilianische Häfen zurück, ohne feindliche Schiffe entdeckt zu haben.

Mein Volck war damit nicht zufrieden. Man hatte ihm gute Beute versprochen; Es nötigte mich also etlich mahl bis an die Küsten von Algir und Tunis zu creutzen.

Man lauerte uns endlich auf den Dienst. Wir erblickten einsmahlen auf der hohen See zwei grose Schiff mit Battavischen Flaggen; Wir gaben uns einander den gewöhnlichen Grus, und strichen weiter fort. Indem wandten sich die beide fremde Schiffe, steckten Tunesische Flaggen auf, und suchten uns in die Mitte zu fassen. Wir hatten solche vor Kauffardei-Schiff gehalten, und meinten nicht, dass sie, ausser den Matrosen, auch Volck an Boord hätten. Wir wolten dem ungeacht nicht fliehen: Wir liessen sie unserm Schiffe nähern, und gaben dem einen unsere ganze Lage. Mittlerweile aber, dass wir mit diesem zu tun hatten, suchte das andere uns zu endtern: Wir sahen ihren Boord auf einmal mit Volck bedeckt; sie bemeisterten sich bald unseres Schiffes; Meine Soldaten schlug der Schrecken nieder. Ich suchte sie vergebens durch mein Exempel zum Fechten aufzumuntern, sie streckten ihr Gewehr von sich, und gaben sich gefangen.

Wir wurden nach der Barbarei geführt. Der Befehlshaber dieser als See-Rauber beschrienen Völcker begegnete mir nicht allein höflich; sondern übertraff auch in der Leutseligkeit noch die meiste Christliche Schifs-Capitäne. Er sprach vollkommen gut Illorisch, und ich war nicht misvergnügt, in seiner Gesellschaft nach Tunis zu segeln.

Wir stiegen daselbst den andern Morgen an Land; man brachte mich für den Bei. Ich bin dein Gefangener, mächtiger Bei, sprach ich zu ihm: Ich habe das Vertrauen zu deiner Grösmut, du werdest mich und meine Leute so lange wohl halten, bis wir aus Sicilien Nachricht haben können, dass wir sollen ausgelöset werden.

Man hatte ihm gesagt: wer ich wär: Er empfieng mich deswegen wohl, und befahl, mir und meinen Leuten in der Stadt ein Quartier anzuweisen, wo wir für unser Geld bis zu unserer Auslösung zehren könnten.

Ich suchte meinem Gemüt in dieser fremden Welt alle mögliche Veränderungen zu geben, um solches von den traurigen Betrachtungen meiner bisher so schnell auf einander gefolgten Unglücks-Fälle abzuziehen: Ich besuchte öfters den Aquitanischen Consul, der ein sehr redlicher Mann war. Es fanden sich auch in Tunis einige Misionarien; deren listige Art aber die Christen-Sclaven aszulösen, mir so wenig, als die Metode, womit sie das Christentum lehrten, gefiel. Die verwüstete Denckmahle von Cartago, welche ich an diesem Ort beobachtete, hatten etwas, das meinen Geist besonders rührte: Man entdeckte hier kaum noch die Spuren dieser ehmahls prächtigen Mitbuhlerin des alten Roms: Die Zeit hatte schier alles in Staub und Graus verkehret.

Ich sah mich, dem Namen nach, unter Barbaren, welche gleichwohl sich rühmen dorften, ehrlicher und aufrichtiger zu sein als die Christen selbst. Ich bin nie der Meinung gewesen, dass nicht auch andere Völcker die Gründe der Menschheit in sich haben sollten: Ich halte dafür, dass nur die Religion, die Auferziehung und die verschiedene