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ihm weg, und bat mich um GOttes Willen, auf meine Sicherheit zu gedencken; und als ich noch nicht mich entschliessen konte, einen so unglücklichen Platz zu verlassen, so warf er mich mit Gewalt in einen Lehn-Wagen, und befahl dem Gutscher, mich auf einen gewissen Hof, der eine Meile von der Stadt lag, zu bringen.

Ich war noch keine viertel stunde daselbst, so kam mein Cammer-Diener mir nachgerannt. Er war für Schrecken ausser sich: alle Glieder zitterten ihm; Ach, gnädiger Herr, sprach er: was haben sie angefangen? Ich erzehlte ihm mein Unglück, und bat ihn, mir einen guten Rat zu geben. Sie sind hier, war seine Antwort, keinen Augenblick sicher. Der Herzog von Albemar, dessen Sohn sie entleibet haben, denn man zweiffelt an seiner Aufkunfft, wird nicht ruhen, an ihnen die vollkommenste Rache zu nehmen. Don Juan, der an Grosmut seiner unvergleichlichen Schwester nichts nachgab, und um so viel mehr Mitleiden mit mir hatte, weil er ein Zeuge meiner Unschuld war; hatte aus Vorsichtigkeit meinem Cammer-Diener, nebst einigen Reise-Kleidern, auch so viel Geld mitgegeben, als ich zu einer schnellen Flucht vonnöten hatte.

Er schrieb mir dabei folgende Zeilen: Mein bis auf den Tod verwundeter Bruder fordert euer Blut von meinen Händen: Die Gerechtigkeit aber und das Band unserer Freundschaft wollen / dass ich euch wie mein Leben schütze. Welcher Regung soll ich folgen: Ich kan euch nicht wieder sehen / ohne euch meine Feindschaft anzukündigen / und kan nicht einen Bruder rächen / ohne den Himmel zu beleidigen / fliehes deswegen vor einem Feind / der euch liebt / und vor einem Freund / der euch hassen soll.

Ich machte mich also auf die Reise: Ich blieb mit meinem Cammer-Diener auf keiner Land-Strasse: Wir durchstrichen die dickste Wälder, und schliefen des Tages unter den Bäumen, um die Nacht desto sicherer über den Weg zu kommen. Nach dreien Tagen erreichten wir die Aquitanische Grenzen. Wir hielten uns in einem Flecken auf. Mein Kummer und die Heftigkeit meiner Leidenschaften, schienen mich alles Trostes unfähig zu machen. Ich litte grausam: Auf einmal alles was Glück und Liebe, und Freundschaft mich hoffen lies, zu verliehren; und noch über dem einen Vater zu betrüben, vor dessen Vergnügen ich allein mein Leben würde aufgeopfert haben; dieses waren für ein Gemüt, wie das meinige, solche Umstände, die es notwendig niederschlagen mussten.

So gros mir auch immer die Gefahr schiene, wann ich mich zu meinem Vater begeben würde, so konte ich doch unmöglich dem zärtlichen Trieb länger widerstehen, mich zu dessen Füssen zu werfen, und ihn um Vergebung zu bitten. Ich wagte es also, und reiste nach haus.

Ich war noch kaum unten im Hof vom Pferde gestiegen, so kamen mir einige von seinen Bedienten mit weinenden Augen entgegen, und sagten mir, dass er diesen Augenblick verschieden wär. Diese Nachricht erschütterte mich so heftig, dass ich, ohne ein Wort zu sprechen, meinem Cammer-Diener in die arme sanck, und als ein Mensch, den seine LebensGeister verlassen hatten, in das nechste Zimmer gebracht würde. Als ich wieder zu mir selber kam, sah ich einen Bruder vor mir; der nicht wuste, wie er seine Kaltsinnigkeit und seine Verachtung mir genugsam verbergen sollte.

Mein frommer Vater hatte ihm noch auf feinem Todbette vieles zu meinem besten anbeföhlen; Allein, diese Zärtlichkeit hatte bei meinem Bruder keine andere Wirckung, als dass er sich gegen mich desto unempfindlicher und härter bezeigte. Er nahm alles unter seine Schlüssel, und machte mit mir was er wolte: Er gab mir dabei unter der Hand zu verstehen, dass ich bei ihm nicht sicher wär, weil man mich bereits bei ihm hätte aufsuchen lassen.

Ich kante meinen Bruder, und wuste, dass es ihm nicht zu viel wär, mich selbst zu verraten: Ich verlies also Bruder, Freunde, Güter, Königreich und alles. Ich ging nach dem nechsten Hafen, und segelte mit dem ersten Schiff nach Sicilien. So bald war ich nicht zu Palermo angekemmen, so erhielt ich von Novarena die traurigste Nachrichten: Don Diego, schrieb mir sein Bruder, ist noch an seiner Wunde kranck, und dürfte schwerlich vollkommen genesen: Der König wär deswegen auf mich ungnädig: Sein Vater aber beklagte mich mehr, als er mich hasste: Seine Schwester wär aus Unmut in ein Closter gegangen, und wolte von der Wett nichts mehr sehen noch hören. Donna Elvira hätte sich Anfangs meinen Zufall sehr zu Gemüt gezogen, und lies deswegen Don Ferdinand, als die ursache meines Unglücks, nicht mehr vor sich kommen. Unterdessen aber so ging das Gespräch, sie würde den Prinzen von Oviedo heiraten.

Hierbei bekam ich auch von einem andern Freund aus Novarena die Nachricht, dass mein unwürdiger Bruder daselbst, um die Belehnung meiner herrschaft Castagnetta hätte anhätten lassen, und solche auch durch die Bestechung einiger Minister wircklich erhalten. In dem erneuerten Duell-Mandat war zwar untern andern Strafen diese mit entalten, dass die Verbrecher, wann sie Lehen-Männer wären, auch ihrer Lehen-Güter verlustig sein sollten; allein, es dachte niemand bei hof daran, dass ich durch den mit Don Diego zufälliger Weis gehabten Zweikampf eine gleiche Strafe sollte verdienet haben. Nichts destoweniger, so wuste mein Bruder die Sache selbst rege zu machen, und zu seinem Vorteil zur Ausfertigung zu bringen.

Dieser