ihm den begangenen Fehler zu verzeihen. Die Prinzessin entschuldigte solchen leicht: Sie versicherte ihn mit der leutseligsten Art, dass es ihr ein grosses Vergnügen wär, ihn und ihre liebste Mariane beisammen zu sehen, und dass sie an dieser längst gewünschten Begebenheit selbst mit Anteil nehme.
Die sonst muntere fräulein von Turris muste hier der Stärcke ihrer Empfindung weichen: sie konte für grosser Bewegung ihres Gemüts nicht reden: sie sah ihren Geliebten, den sie nimmer wieder zu sehen geglaubet hatte: sie sah ihn getreu, beständig, glücklich und in der süssen hoffnung wieder, ihn nicht mehr zu verliehren. Diese Betrachtungen erfülleten allzusehr ihr zartes Hertze, als dass sie dabei auch ihrem Verstand viel Raum hätte lassen sollen, sich darüber auszudrücken.
Die Prinzessin unterhielt also das Gespräch, als der Graf von Rivera sich meldete, um bei ihr und ihrer Frau Mutter die Aufwartung zu machen. Die Prinzessin veränderte ein wenig die Farbe, da sie denselben auf sich zukommen sah: sie wuste, wozu er sie bestimmet hatte: ihr Herz empfand darüber eine heimliche Empörung; allein sie war Meister von dessen Regungen: sie empfieng ihn viel freundlicher, als sie bei einer andern gelegenheit nicht würde getan haben. Diese Freundlichkeit aber wolte in Betrachtung ihres Gemüts weit weniger sagen, als die schamhaftige Eingezogenheit, womit sie ehedessen an ihres Herrn Vatern hof ihn kaum recht anzusehen getrauete.
Nach ein und andern Reden, welche der Wohlstand an die Hand gab, verfügte sich die Prinzessin zu der Fürstin ihrer Frau Mutter, um die Vertraulichkeit zwischen dem Grafen von Rivera, dem Freiherrn von Riesenburg und der fräulein von Turris durch ihre Gegenwart nicht länger in Zwang zu setzen. Der Graf fragte bei dieser gelegenheit den Herrn von Riesenburg, wie ihm die Prinzessin gefiel? Sie ist unvergleichlich, antwortete dieser, und der König müste keine Empfindung haben, wenn er sie, ohne gerührt zu werden, ansehen könnte: denn, fügte er hinzu, solchen Wuchs, solche Gebehrden, solche Bildung und solche Augen hab ich noch nie gesehen.
Wie, mein lieber Riesenburg, scherzte hierauf der Graf, ist dieses nicht sehr unbescheiden in Gegenwart einer Geliebten gesprochen, die selbst so viele Annehmlichkeiten besitzet? O mein wertester Herr Graf, erwiderte Riesenburg, ich würde der fräulein von Turris unrecht tun, wenn ich ihre blosse Gestalt zum Vorwurf meiner Liebe machen wolte: ihr gut Herz ist allein dasjenige, was mich ihr mit einer unendlichen Neigung verknüpft. Ich werde ihrer Schönheit am ersten gewohnt werden, und ihrer am wenigsten achten, wenn ihr angenehmer Geist und ihr vortrefliches Gemüt bei einer näheren Verbindung mir täglich neue Schätze und Tugenden entdecken werdē.
Der Graf hatte sich unter diesem Gespräch bei der Fürstin melden lassen, und bekam zur Antwort, dass sein Zuspruch derselben angenehm sein würde. Er fand sie mit der Prinzessin allein in ihrem Gemach: man sprach von dem König, und wenn es der Fürstin gelegen sein würde, ihn bei sich zu sehen: die Zeit wurde dazu gleich auf den folgenden Tag bestimmt. Der Graf begab sich damit wieder zu dem König; der Herr von Riesenburg aber blieb bei der Fürstin des Abends zur Tafel.
Der Tag, welcher einen so wichtigen Ausschlag in der Liebe des Königs geben sollte, erschien. Die Prinzessin von Argilia lies sich dazu aufs beste ankleiden. Nicht allein ihre Cammer-Frauen waren um sie geschäftig; die fräulein von Turris selbst machte sich eine Arbeit mit ihrem Kopf-Putz; sie winkte ihr dabei hundert vergnügte und aufmunternde Dinge zu, weil sie vor ihren Leuten sich nicht frei erklären mochte. Die Prinzessin verstund alles; sie muste lachen, und verlohr darüber eine gewisse Bangigkeit, welche sie bei der Vorstellung, dass sie heute zur Schau sollte gebracht werden, in ihrem Gemüt empfand: Ihre Augen, die aus angeregter ursache die Nacht nicht viel geschlafen hatten, bekamen wieder ihre Lebhaftigkeit: ihre Farbe wurde frisch, und ihre ganze Gestalt, da sie angekleidet war, hegte so viel Glanz und Anmut, dass die natur die Vorzüge der Kunst würde beneidet haben, wenn sie nicht hier die gröste Ehre vor sich behalten hätte: denn aller Schmuck, aller Aufputz, alle funckelnde Diamanten waren bei dieser schönen Fürstin nur wie eine blosse Einfassung um ein schönes Bild.
Der König kam: die Prinzessin mit der fräulein von Turris und den Argilischen Hof-Damen empfiengen ihn gleich unter der Tür. Eine angenehme Bestürzung überfiel den König, als er hier in der person der Prinzessin von Argilia die gröste Schönheit erblickte. Er begrüste sie mit vieler Ehrerbietung. Er faste sie darauf bei der Hand und führte sie die Treppen hinauf: er wurde oben von der Fürstin, die ihm einige Stufen herunter entgegen kam, auf das freundlichste empfangen. Im Zimmer fanden sich zwei Lehn-Sessel, auf welche sich der König und die Fürstin niederliessen. Die Prinzessin aber setzte sich auf einen kleinen Stuhl. Der Graf von Rivera, der den König begleitete, stunde ihm zur Seiten: er lenkte dabei das Gespräch auf solche Sachen, davon er für gut hielt, dass bei dieser gelegenheit gesprochen würde, und welche die Prinzessin mit konnten reden machen. Denn ihre Annehmlichkeiten gewannen einen doppelten Glanz, wenn sie etwas erzehlte. Der König empfand ihre bezaubernde Macht mit allen Regungen, welche der Graf an ihm zu sehen wünschte: er war davon auf einmal so eingenommen, dass er sich bei dem Abschied erklärte: der Graf hätte ihm noch lange nicht so viel von den Vollkommenheiten der