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süssen Befehl: Zucht, Scham, Zärtlichkeit und Ehrerbietung, gaben hier der Liebe ein wunderschönes Ansehen. Die Wangen der Gräfin färbten sich mit rot, und in ihren Augen brandte ein so starckes Feuer, dass es einige Tränen, welche sie nicht zurück halten konte, zu löschen schienen.

Der Graf erkundigte sich darauf nach des Herzogen, Zustand und der ursache seiner so merklichen Unpäslichkeit. Es sind ungefähr acht Tage, antwortete der Herzog, dass ich Abends bei dem Fürsten von Voltera, der eine Zeitlang sich hier aufgehalten, zu Nacht speiste. Ich war kaum nach Haus gekommen, so empfand ich ein heftiges Bauch-Grimmen, welches dermassen stark überhand nahm, dass ich eilends den Herrn Hippon zu mir kommen lies; alle Nerven und Adern zuckten in mir mit einem nie empfundenen Schmerz, alle innere Teile wurden dadurch zusammen gezogen: Ich krümte mich als ein Wurm, und litt die abscheulichste Marter. Herr Hippon kam und fragte sogleich was ich gegessen hätte? ich nannte ihm solches, und da alles unverfänglich war, schüttelte er den Kopf, und sagte, man müste mir etwas schädliches beigebracht haben: Er gab mir deswegen ein Gegen-Gift, welches er immer bei sich führte: Ich muste solches mit warmen Oel einnehmen, worauf ein starckes Erbrechen folgte, und als dadurch mein Blut in eine kochende Wallung geriet, so wurde mir zur Ader gelassen. Die Schmerzen liessen damit nach: Ich wurde aber dermassen entkräftet, dass ich seitdem kaum meine Glieder regen noch vielweniger mich aufmachen kan.

Der Graf fragte hierauf den Herzogen, was er von diesem Uberfall mutmassete, und ob er glaubte, dass man ihm Gift beigebracht hätte? Dieses ist ausser Zweiffel, sagte darauf der Herzog; Wer sollte aber, forschte der Graf weiter, der Anstifter einer solchen grausamen Bosheit sein? Wann ich meinen Argwohn hier entdecken soll, erklärte sich der Herzog, so ist solcher der Fürst von Voltera selbst: Es ist nicht das erstemahl, dass er mich seinem auf mich geworfenen Groll aufzuopfern und heimlich aus dem Weg zu räumen trachtet, weil er weis, dass ich seinen herschsüchtigen Anschlägen, die Crone auf sich und sein Haus zu bringen, nimmer beistimmen werde. Er ist sonst dem Ansehen nach der gütigste und leutseligste Herr; allein, wenn es die Cron-Folge betrift, so ist ihm keine Missetat, keine Verräterei und kein MeuchelMord abscheulich genug, zu seinen Absichten zu gelangen.

O böse Welt! o veräterisches Geschlecht! rief allhier der Graf voller Bestürzung aus. Ist dann eine Crone, die doch an und für sich selbst so schwer zu tragen ist, solcher verruchten Streiche wert? Ich hätte mir fürwahr, fuhr der Graf fort, diesen Herrn nie so boshaftig eingebildet. Doch ich hoffe, es werde der Königliche Stamm bald in ächtere Zweige sprossen, und der König mit nechstem eine Gemahlin bekommen.

Das Gespräch fiel darauf auf die Prinzessin von Argilia, davon der Graf dem Herzogen bereits durch Briefe die nötige Eröfnung getan hatte. Der Graf versicherte den Herzogen, dass sie sich vollkommen für den König schicken würde. Die Gräfin von Monteras hatte dabei den Grafen vieles zu fragen. Allein, der Herzog erinnerte denselben, dass es Zeit wäre, sich wieder nach Hof zu begeben.

Der Graf speiste denselben Abend ganz allein mit dem König; Ihr habt mir, sprach dieser, mit euren Erzehlungen von der Prinzessin von Argilia einiges Nachdencken erweckt. Ich bin sehr übel mit euch zufrieden, dass ihr mir nicht ihr Bildnüs habt mit gebracht. Der Graf wiederhohlte seine vorige Entschuldigungen: er sagte, dass der König nichts dabei verliehren könnte. Ich finde, fuhr er fort, dass die Mahler wohl hessliche und mittelmässige Gesichter, aber keine vollkommene Schönheit abbilden können. Es pfleget solche ein gewisser Geist zu beleben, der über alle Pinsel-Striche ist. Man muss dergleichen Schönheiten sehen; man muss sie sprechen; man muss ihre Bewegungen, ihre Gebehrden und die Spielung ihrer Augen wahrnehmen, wenn man von ihren Annehmlichkeiten ein Urteil fällen will. Der König entschloss sich auf diese Vorstellungen die Reise nach Aquana vorzunehmen, und überliess dem Grafen von Rivera die Sorgfalt, dazu die nötige Anstalten zu machen.

So bald hatte man nicht in Panopolis die Nachricht, dass die Fürstin von Argilia mit ihrer ältesten Prinzessin zu Aquana angekommen war; so reiste der König gleichfalls dahin. Er hatte, nebst dem Grafen von Rivera und dem Freiherrn von Riesenburg, niemand bei sich, als seinen Leib-Arzt, und drei bis vier Edelleute. Die meiste Bedienten, nebst einem teil der LeibWache, waren voraus gegangen. Der Zulauf des Volcks, als der König zu Aquana anlangte, war ungemein. Es fand sich eine Menge des benachbarten Adels daselbst ein. niemals hatte man an diesem Ort mehr gesunde Chur-Gäste gesehen.

Den Freiherrn von Riesenburg hatte die Ungedult seine liebste Mariane zu sehen, schon beim Absteigen, in seinen Reise-Kleidern, zu ihr hin getrieben. Er überfiel sie in Gegenwart der Prinzessin von Argilia: Er warf sich ihr mit der feurigsten Regung um den Hals, und vermerckte nicht, dass er die Ehrerbietung, welche er der Gegenwart einer so grossen Prinzessin schuldig war, durch diese Freiheit verletzete. Die fräulein von Turris erinnerte ihn daran, und wickelte sich deswegen aus seinen Armen. Er kam damit aus seiner Entzückung wieder zu sich selbst: Er nahte sich mit Demut der Prinzessin: Er küste ihr den Rock, und bat sie,