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lies sich diesen Vorschlag gefallen, doch bat er den Grafen, der Prinzessin von diesem Vorhaben noch nichts zu sagen.

Der Graf ging einige Tage darauf wieder in den Garten spatzieren; er hatte vernommen, dass die Prinzessin mit der fräulein von Turris sich dahin verfüget hatten. Er suchte sie in der Einöde; als er sie aber daselbst nicht fand, setzte er seinen Fuss weiter fort, und kam in eine lange Allee, deren Wände von geschnittenen Buchen nicht anders als ein glatter grüner Stoff anzusehen war; einige Bedienten von der Prinzessin, die er hier antraf, wiesen ihm dem Ort, wo sich solche aufhielt: sie war in einem kleinen Portal, welches auf einen breiten Teich sties, und von hinten mit einem Gebüsch bedecket war. Ein kurz geschorener Wasen leitete bis dahin, und lief um den ganzen Teich mit zierlichen Abschnitten und Erhöhungen herum. Man konte einen auf diesem Gras-Weg im Portal nicht eher sehen, als bis man wircklich davor stunde.

Der Graf, als er noch ungefehr vier Schritt davon entfernet war, hörte die Prinzessin diese Worte sagen: Aber, liebste Mariane: er ist kein Reichs-Graf, und dazu eines andern Glaubens. Die fräulein von Turris wolte eben darauf antworten, weil es aber der Graf für etwas unanständiges hielt, sie zu belauren, so ging er ohn verweilen auf sie zu. Die Prinzessin, die ihn nicht so nah vermutet hatte, konte ihre Bestürzung über seine Ankunft nicht bergen; sie wuste nicht gleich, was sie auf seine Höflichkeiten ihm antworten sollte; sie gingen darauf mit einander spatzieren.

Ihr Gespräch war von Seiten der Prinzessin ganz furchtsam, sie redete nur von gleichgültigen Dingen: ihre Augen sahen ihn dabei mit einer gewissen Schamhaftigkeit an, die ihm so viel zu verstehen gab, als ob sie glaubte, dass er etwas von ihren Reden im Portal vernommen hätte.

Die fräulein von Turris, als sie von dem Grafen Abschied nahm, sagte ihm heimlich ins Ohr: er möchte morgen vor der Tafel sie besuchen kommen; der Graf stellte sich um die bestimte Zeit bei ihr ein. Es ist billig, Herr Graf, sprach sie zu ihm, dass ich auch etwas von ihren Geheimnüssen wisse, nachdem sie alle die meinigen erfahren haben. Die genaue Freundschaft zwischen ihnen und meinem geliebten Riesenburg gibt mir einen Anteil an Dero Vergnügen, und ein Recht, mich nach Dero Zustand ein wenig zu erkundigen. Die fräulein fragte ihn hierauf wegen seines Herkommen, und ob er an dem Aquitanischen hof zu bleiben gedächte. Der Graf unterrichtete sie wegen des ersten; wegen des andern aber, sagte er, dass es nicht bei ihm stünde, einen König zu verlassen, der ihm die gröste Gnade und ein ganz besonderes Vertrauen bezeigte.

Die fräulein forschte darauf weiter, ob er nie geliebet hätte? Der Graf lächelte über diese Frage, und wolte mit der Sprache nicht heraus. Sie werden wohl, fuhr die fräulein fort, ein herz haben wie andere Menschen auch, und wo ich mich nicht irre, so lieben sie, und machen aus dieser Neigung ein Geheimnüs: es möchte wohl sein, erklärte sich der Graf halb im Scherz: wie gefället ihnen denn unsere älteste Prinzessin, fragte jene weiter: könnten sie solche nicht lieben? Es müssen sich, für dieselbe, erklärte sich der Graf, alle meine Neigungen in der tiefsten Ehrerbietung versenken. Sie sind, Herr Graf, nicht offenherzig mit mir, lies sich hierauf die fräulein vernehmen. Riesenburg muss ihnen von mir nicht so viel. Gutes gesagt haben, als es nötig ist, ihnen zu mir ein Vertrauen zu geben. Ich weiss, dass sie meine Prinzessin lieben, und solches mir verhehlen; aber ihre Augen und diejenige der Prinzessin haben mir solches verraten. Meine Prinzessin kan für sie wenigstens ihre Hochachtung nicht bergen: ihre oftmahlige Errötungen, wenn sie solche scharf ansehen, die Vergnügung, welche sie hat, mit ihnen umzugehen, und ihr ganzes Wesen gibt mir eine besondere Gewogenheit für den Herrn Grafen zu erkennen.

Der Graf war über diese Reden so bestürzt, dass er nicht wuste, was er der fräulein von Turris darauf antworten sollte: Ich sehewohl, Herr Graf, fuhr deswegen die fräulein fort, was ihnen im Wege stehet:

Was Ido macht zu gros / das macht

mich all zu klein.

Der Graf erschrack hierüber noch mehr; er erkannte, dass die fräulein von Turris seine Schreibtafel müste durchblättert, und obige Reimen darin gelesen haben: die fräulein aber liess ihm nicht Zeit, sich darüber mit ihr zu erklären, sondern fuhr fort: es ist wahr, meine Prinzessin ist aus einem der grössten Fürsten-Häuser, das macht sie dem Ansehen nach für sie zu gros; allein es ist bei uns etwas gewöhnliches, dass unsere Fürstinnen an Grafen sich vermählen, wenn sie aus altem Gräflichem Stamm herkommen.

Wie nun der Herr Graf von Rivera das Glück einer solchen Geburt haben; so dürfen sie auch um so viel weniger hierbei den Mut verliehren; weil diese Standes-Ungleichheit mit so vielen andern grosen Eigenschaften von ihnen ersetzet wird. Ja, sie dürfen nur ihrem König ein Wort davon sagen, so wird er sie zu einem Fürsten und Herzogen machen.

Des Grafens Verwunderung über diesen unvermuteten Vortrag der fräulein von Turris vermehrte sich noch mehr, als er hörte, wie sie alle diese Sachen in ihren Gedanken schon so leicht und möglich gemacht hatte. Er heegte für die Prinzessin die vollkommenste Hochachtung; Er