Artigkeiten vorsagten.
Ich war noch kaum in einem Alter, da man den Trieb der Begierden empfindet, als ich schon allen Weibs-Bildern nachlief, und ihnen die unverschämteste Dinge vorsagte. Meine Mutter hatte nicht das Herz mich darüber zu bestrafen, weil ich ihr sonsten ihre eigene Freiheiten hätte vorwerfen mögen.
Ich verfiel darauf in das allerunordentlichste Leben von der Welt: ich tat alles, was mir gelüstete, und wusste dabei nichts vom sündigen; weil mir die Pflichten des christentum und der Tugend unbekannt waren. Ich ging wohl zuweilen in die Kirchen, aber nur um darinnen die Musiken zu hören und die schöne Weibsbilder aufzusuchen. Was geprediget wurde, das hielte ich für eine Unterhaltung gemeiner Leute, darüber ich mein Gespött hatte, und glaubte von göttlichen Dingen so viel als nichts. In dieser Sicherheit war mir nichts eine rechte Freude, wann es die Sünde nicht abscheulich machte. Es wäre teils zu weitläuftig, teils zu unerbaulich, von allen meinen verübten Bosheiten hier Nachricht zu geben: ich will nur derjenigen erwehnen, die zu den Haupt-Veränderungen meines Lebens Anlass gegeben haben.
Es war Winter, man hielte Carneval, die Masken wurden in der ganzen Stadt erlaubt; vier eben so freche junge Edelleute, wie ich, machten zusammen eine Bande, um die leichtfertigsten Händel miteinander anzustellen, wir steckten uns, als der Abend eingebrochen war, in ganz grässliche Teufels-Larven; einen aber kleideten wir, wie des Königs Beicht-Vater: er sass auf einem Schlitten, ein anderer hinten drauf; ich vorn auf dem Pferd; zwei andere ritten neben her mit brennenden fackeln in der Hand: Wir ranten in diesem Aufzug mit der grössten Geschwindigkeit durch die vornehmsten Strassen der Stadt, und als wir den Kirchhof erreichet hatten, löschten wir die fackeln aus und warfen den Schlitten in den nah daran stossenden Stadt-Graben. Niemand hatte uns erkannt, noch gesehen, wo wir hingekommen waren.
Wir gingen hierauf noch denselbigen Abend mit unsern Teufels Masken hin und wieder in die Häuser. Wir jagten damit manche Sechswöchnerin vor Schrekken aus ihrem Bette, nahmen den Leuten ihr Essen und Trinken weg, entführten in der Geschwindigkeit die junge Mägdgens und machten es allentalben so bunt, dass man uns endlich die Wache auf den Nacken schickte. Weil wir aber wider die Faschings-Freiheit heimlich mit Waffen versehen waren, so stiessen wir ein Paar von der Wache darnieder und schlugen uns also durch. Wir hatten damit diesen Abend noch nicht ausgeraset; sondern versamleten uns wieder, nachdem wir unsere Larven abgelegt hatten, in einem SpielHaus, tractirten dabei einige Weibsbilder so übel, dass eine davon den Geist aufgab. Die Wache kam abermahl herbei und besetzte unten die tür vom Haus: ich entschloss mich also kurz, und sprang oben ein ganzes Stockwerk zum Fenster herunter; ich beschädigte mich ein wenig an der rechten Hand und hatte das Glück auf solche Weise mich zu retten. Meine Cameraden aber wurden von den Bürgern, die der Wach zu Hülf gekommen waren, schier tot geprügelt; sie wurden darauf eingezogen und gefangen gesetzt, weil sie aber Söhne aus den vornehmsten Häusern waren, so kamen sie mit einer starken GeldBusse davon.
Ich empfand hier das erstemahl ein gewisses Grauen über mein bisheriges Leben. Ich reiste heimlich von Bessala weg, und nahm unter dem König von Licatien krieges-Dienste. Ich hatte mir vorgenommen hinfüro ehrbarer zu leben, und mich vor Schand und Schaden zu hüten. Allein, weil ich nicht die geringste Regungen zur GOttesfurcht und zur Tugend bei mir verspürte; so suchte ich nur äusserlich den Wohlstand zu beobachten, und dadurch mein Glück in der Welt zu machen. Ich ging mit lauter Practiken um, und weil ich sah, dass es andere auch so machten, so hielte ich den für den Klügsten, der den andern am besten hinter das Licht führen konte. Ich legte mich insonderheit auf das Spielen; und weil ich alle geheime Vorteile der Cartenmischerei verstunde, so gewann ich viel Geld: ich kaufte mir eine Compagnie, und tate darauf einen Feldzug mit gegen die Battaver: ich wurde auf einen Posten commandirt, da ich überaus brav tate, und mir desswegen vest einbildete, die Obrist-Wachtmeister-Stelle, welche ledig wurde, zur Vergeltung meiner Dienste davon zu tragen; alleine, weil ich der jüngste Hauptmann war, so wurde mir darin der älteste vorgezogen. Dieses brachte mich in eine solche Wut, dass ich ihn zum Zweikampf herausforderte und ihn darin entleibte. Ich muste darauf flüchtig werden, und begab mich hieher an den Aquitanischen Hof.
Ich legte mich allhier auf die Erlernung der Wissenschaften, und brachte es dadurch in kurzer Zeit so weit, dass ich nicht nur Cammer-Junker bei dem König, sondern auch Beisitzer im Hof-Gericht wurde. Ich war damals noch nicht gar dreissig Jahr alt. Ich lernte nebst andern Wissenschaften, den Schlendrian in den Processen gar bald. Ich sah, dass es dabei mehr auf eine Causenmacherei und leeres Wortfechten, als auf die Gerechtigkeit einer Sache selbst ankam. Ich machte mir diese Wissenschaft zu Nutz und liess es also derjenigen Partei geniessen, die am besten spendiren konte.
Ich bildete mir dabei vieles auf meine Klugheit ein: ich konte plaudern und den Leuten weiss machen, was ich wolte. Ich hatte die munterste Einfälle von der Welt, und niemand war sinnreicher als ich, einen Menschen lächerlich zu machen und aufzuziehen. Ich sah, dass man solche Leute, wie ich war,