geringste Wissenschaft hätte, so tat doch mein Herr, als ob er auf dessen Reden keine Acht hätte, sondern blieb immer stille vor sich hin, bis endlich Herr Bellian einen Diskurs von dem gefährlichen Laster der Trunkenheit aufs Tapet brachte, welchen mein Herr bis zu Ende der Mahlzeit fortführen half.
Nach abgehobenen speisen und nachdem sie alle dreie eine gute Weile im Zimmer herumspaziert waren, beliebte meinem Herrn, mit dem Herrn Bellian eins im Brette zu spielen, welches Herr Oegneck sehr gern sah, indem er einige Patienten zu besuchen hatte, sich also von ihnen beurlaubte; allein er mochte kaum zehn Schritte vom haus hinweg sein, als diese beiden Verliebten ein ander Spiel zu spielen angefangen hatten, wobei mein Herr meinen manu propria gemachten kleinen Schlüssel probieret und denselben zu seinem grössten Vergnügen akkurat befindet, nachher aber seinen eigenen Kapital-Schlüssel gebraucht.
So ging es nun einen Tag und alle Tage zu, und der Herr von Oegneck wurde bei allen seinen so hochgerühmten Praecautionen sozusagen bei sichtlichen Augen betrogen. Ja, das Glück war meinem Herrn so günstig, dass Oegneck auf etliche 30 italiänische Meilen von haus zu einem kranken Fürsten berufen wurde, bei welchem er drei ganzer Wochen zubrachte; binnen dieser Zeit aber machte mein Herr die herrlichsten Progressen nicht nur bei Tage mit dem Herrn Bellian, sondern auch des Nachts mit der Belliana, wenn ich vorher die Domestiquen mit Schlaftrünken im süssen Weine eingewieget hatte.
Endlich war es dahin gekommen, dass Belliana den Ansatz zur zweiten Leber im leib bekommen hatte, worüber sich mein Herr sowohl als sie ungemein erfreueten. Oegneck kam wieder zu haus, fand aber meinen Herrn, der sich sehr zu verstellen wusste, ganz malade, indem er vorgab, dass er Mangel an Arzenei gehabt, jedoch nach Verlauf einiger Tage befand sich mein Herr viel besser, ging auch dann und wann in Compagnie, jedoch er blieb niemals bei einerlei Humeur, sondern verfiel, ehe man sich's versahe, wieder in eine wiewohl verstellte Tiefsinnigkeit.
Mittlerweile entstunden in unserm haus auf einmal grosse Freudenbezeugungen, denn die Frau Wirtin hatte dem Herrn Wirte offenherzig gestanden, dass er ihr aus der frembden Luft Zeug zu einem kleinen Kindergeräte mitgebracht hatte. Oegneck, sobald er dieses von ihr vernommen, lief er von haus zu haus und notifizierte allen Menschen, die ihm entgegen kamen, die endlich einmal glücklich erlebte Schwangerschaft seiner liebwertesten Frau Gemahlin; ja die Torheit verleitete ihn dahin, dass er eines Tages meinem Herrn bei Tische diese vergnügte Zeitung vorbrachte, und zwar mit unaussprechlicher Freude. Dieser, welcher die Sache längstens besser wusste als Oegneck selbst, spielete dennoch eine verzweifelte Masquerade, warf Teller, Löffel, Messer und Gabeln auf den Boden und sagte:
'Mein Herr! ein vor allemal ist Ihm von mir bekannt gemacht, dass mir nichts Verdrüsslichers anzuhören ist als von Liebessachen, Kinderzeugen und dergleichen; deswegen sehe gar nicht, was Er vor ursache hat, mich mit dergleichen Gesprächen zu beunruhigen.' 'Ei, ei, ihr Gnaden', versetzte Oegneck, 'ich bitte um Vergebung, bin aber der Meinung gewesen, des Herrn Bellians bisherige treffliche Unterweisung hätte nunmehr in Dero Herzen so viel gewürkt, dass Dieselben alles, was Ihnen vork[ä]me, ohne einzige verdrüssliche Gemütsbewegung anhören und ansehen könnten, so aber erfahre ich, leider! das Gegenteil.' 'Ei was', widerredte mein Herr, 'der Herr Bellian, mein wertester Freund, kann seine Sachen ganz anders zu Markte bringen, und ob er gleich in seinen vortrefflichen lehrreichen Erzählungen dann und wann etwas von Frauenzimmer, Liebesbegebenheiten und dergleichen einfliessen lassen, so ist solches doch allezeit mit besonderer Ernstaftigkeit und Tugend gewürzt gewesen, so dass es mir ohnmöglich Unruhe verursachen können.' 'Gnädiger Herr!' sagte Oegneck, 'es ist an dem, dass ich Ihnen ein Geheimnis offenbaren und darbei Sie überzeugen muss, dass Ihr ganzes Malheur von einem allzudicken Geblüte und dann in einer wunderlichen Einbildung bestanden hat. Das erstere ist durch meine köstliche innerliche und äusserliche Medikamenta mehrenteils, ja fast gänzlich korrigiert. Was aber die andere ursache anbelanget, so ist's an dem, dass Sie sich bishero von ein und anderer Sache eine unrichtige wunderliche Einbildung gemacht haben. Wenn sich Dieselben nun in Zukunft bemühen werden, von solchen Dingen, welche Ihnen bishero verdrüsslich gewesen, ein richtiges Konzept zu fassen, so wird die Kur vollbracht und Ihr ganzes Malheur vollkommen gehoben sein; Ew. Gn. aber zu überführen, will ich Ihnen das bisherige Geheimnis entdecken, insoferne Sie nicht darüber erschrecken oder missvergnüget werden wollen.' 'Im geringsten nicht, ich will mich, da ich vorher daran erinnert werde, schon zu fassen wissen.' 'Nun dann', liess sich hierauf Oegneck mit einigen Lächeln vernehmen, 'so will ich Ihnen sagen, dass Herr Bellian, dessen person Sie vor vielen andern gern um sich leiden mögen, keine Mannesperson, sondern ein Frauenzimmer, und zwar mein eigenes Eheweib ist. Da sehen nun Ew. Gn., was es vor eine wunderliche Beschaffenheit hat mit der Einbildung.'
Mein Herr sah nach Anhörung dieser Worte dem Oegneck starr in die Augen und blieb mit unterstützten haupt eine ziemliche Zeit in tiefen Gedanken sitzen. Endlich fuhr er plötzlich auf und fragte: 'So ist's denn wirklich wahr, dass ich unter der person des Herrn Bellians mit einem Frauenzimmer konversiert habe?' 'So wahr ich lebe', gab Oegneck zur Antwort, '