zu küssen ich voritzo mir die Freiheit nehme.' Unter diesen Worten küssete und drückte er ihre Hand zu verschiedenen Malen. Oegnecks Frau, welche ich nur fernerhin Belliana nennen will, wurde über diese unverhofften Reden und Karessen dergestalt bestürzt, dass sie als ein geschnitztes Bild ohne Regung auf dem stuhl sitzenblieb und wegen starker Verwirrung kein Wort antworten konnte. Mein Herr nahm diese gelegenheit in acht, küssete ihre hände noch etlichemal, liess sich hernach auf ein Knie vor ihr nieder und brachte mit äusserst verliebten fre[i]en Gebärden seine Liebeserklärung folgendermassen vor: 'Allerschönste Dame, der Ruhm Ihrer unvergleichlichen Schönheit, die von unzähligen Kavaliers nur von ferne zu betrachten, so sehnlich gewünschet worden, hat mich, sobald ich Nachricht davon erhalten, angetrieben, einen selten erhörten Streich zu spielen, um nur Dero allerangenehmste person zu sehen. Denn da ich in Erfahrung gebracht, wie Sie von Ihrem irraisonnablen mann auf eine ganz unmenschliche Art eingekerkert und verborgen gehalten würden, so dass fast nicht die geringste Hoffnung vorhanden, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, als hat mir die Liebe eine List eingegeben, um Ihnen in Ihrer Sklaverei einige Revanche zu verschaffen und meine verliebte sehnsucht zu vergnügen. Sie glauben demnach, Madame, dass die ganze Erzählung, welche ich Ihrem mann von meiner person und Krankheit getan, ein blosses Gedichte und verstelltes Wesen ist, denn ich bin einer der gesundesten Menschen von der Welt und von der gütigen natur mit allem dem, was einer vigoreusen Mannesperson zukommt, im Überfluss versorgt. Es hat mir in der Seelen wehe getan, da ich neulichst Ihren Mann in öffentlicher Compagnie so unvernünftig raisonieren hören musste, indem er sich ein besonders Gloire daraus machte, mit seiner wunderschönen Frauen so barbarisch zu verfahren. Weilen nun aber das Glücke mein Unternehmen sekundiert hat, so verabsäumen Sie doch, Madame, keine Zeit, die sehnsucht Ihres getreusten Verehrers, des baron von L., zu stillen, sich mitten in Ihrer Sklaverei ein süsses Liebesvergnügen zu verschaffen und sich zugleich an Ihrem eifersüchtigen, unbesonnenen mann zu revanchieren, indem er nicht würdig ist, dergleichen überirdische Schönheit allein zu geniessen.'
Belliana blieb noch immer unbeweglich auf dem stuhl sitzen und sah den vor ihr knienden höchst verliebten Kavalier mit unverwandten Augen an, endlich da ihr derselbe die hände noch vielmal geküsset und aufs allerbeweglichste zugeredet, zog sie ihn in die Höhe und sagte: 'Ach stehet auf, schönster Kavalier, nehmet meinen geborgten Degen und stosset denselben in meine Brust, denn ich weiss vor Scham, Angst, Furcht und verbotener Liebe nicht zu bleiben. Was wird die ganze Welt nicht vor ursache zu lachen und höhnisch von mir zu reden haben, wenn meine jetzige Verkleidung nebst den begangenen törichten Streichen ruchtbar wird? Wie grausam wird mein tyrannischer Mann mit mir verfahren, wenn nur das Geringste von diesem Geheimnisse vor seine Ohren kommt? Womit will ich mein Gewissen befriedigen, wenn ich einer verbotenen Liebe Gehör gebe und meine Keuschheit, die ich auch im Ehestande unbefleckt erhalten, einem lüsternen Kavalier aufopfere? Tötet mich', fuhr sie fort, 'oder vergönnet mir wenigstens, dass ich nimmermehr wieder vor Eure oder frembder Leute Augen komme.' 'Ehe eins von diesen beiden geschehen soll', versetzte mein Herr, 'will ich viel lieber mein Selbstmörder sein, denn ich habe mich, im Fall mir Dero Gegengunst versagt wird, der Verzweifelung gänzlich ergeben.' Unter diesen Worten, weil er sich als ein schalkhafter Amant auf alles gefasst gemacht, zohe er einen Dolch aus der tasche, setzte denselben auf die Brust und machte Miene, als ob er sich selbst erstechen wollte.
Belliana mochte sonsten zwar wohl wenig oder gar keine Ausschweifungen begangen haben, durch meines Herrn bewegliche Reden und desperates Aufführen oder vielleicht durch seine wohlgebildete person auf leichtsinnigere Gedanken geraten sein, deswegen umarmete und küssete sie ihn selbst von freien Stükken, sagte anbei: 'Ihr stürmet, schönster Kavalier! zu hart auf mich, ich liebe Euch von Grund der Seelen und verspreche Euch zeitlebens zu lieben, allein dasjenige, was Ihr von mir verlanget, ist nicht nur zu gefährlich, sondern gewisser Ursachen wegen auch ohnmöglich Euch zu gewähren.' Unter diesen Reden traten ihr die hellen Tränen in die Augen, welche mein Herr mit seinen Lippen abtrocknete, durch unablässiges Liebkosen und schmeichelende Reden aber diese Schöne endlich dergestalt treuherzig und kirre machte, dass sie ihm alle Liebesfreiheiten erlaubte, nur aber zum Hauptzwecke war nicht zu gelangen, weil Oegneck seinen Lustgarten mit dem gewöhnlichen italiänischen schloss dergestalt fest verwahrt hatte, dass niemand einsteigen konnte. Mein Herr fulminierte gewaltig über Oegnecks Tyrannei und Weiberschinderei, insinuierte sich auch dergestalt bei Bellianen, dass dieselbe sagte: 'Ach, mein Leben, ich weiss es am besten, was ich seit fünf Jahren her von diesem Tollkopfe vor Marter, Angst und Not ausgestanden habe, jedennoch, und ob er gleich selbsten ganz ohnmächtig zum Liebeswerke ist, bin ich doch nicht auf die Gedanken geraten, verbotene Früchte zu kosten, Ihr aber, mein Engel, habt mein ganzes herz auf einmal umgekehret, ich bin vollkommen die Eurige, schafft Euch aber zu Eurer völligen Beruhigung nun selbsten Rat, ich vor meine person weiss hierbei weder Rat noch Mittel zu ersinnen.' Mein Herr versicherte, binnen 24 Stunden schon andere Anstalten gemacht und einen akkuraten Schlüssel in seiner Gewalt zu haben, worauf sie sich noch eine gute Zeit mit verliebten, auch handgreiflichen Diskursen und andern Karessen miteinander divertierten, bis ich das Zeichen durch Rufung