1738_Schnabel_089_91.txt

dem Boden in Stücken brach, und blieb in voriger Positur sitzen. Über Vermuten aber liess sich vor der Stubentür eine Laute hören, worauf erstlich ein angenehmes Präludium gespielet wurde, endlich aber fiel eine unvergleichliche Diskantstimme drein und sunge folgende

Aria:

1

Entschlage dich der bangen Grillen,

Beklemmtes Herz! Bedenke doch:

Du kannst damit den Schmerz nicht stillen,

Du schüttelst zwar dein schweres Joch,

Und kannst es doch nicht leicht von deinem Halse

kriegen,

Darum besinne dich und suche dein Vergnügen.

2

Du sprichst: Wo soll ich dieses finden?

Da etwas mich zurücke hält,

Da hülfe, Rat und Trost verschwinden,

Da Scherz und Lust in Abgrund fällt.

Ach! glaube doch, man kann sich alles leichte

machen,

Ein kluges Auge muss bei grösster Trübsal lachen.

3

Zuviel sich grämen ist ein Laster,

Man stört damit die Lebensruh.

Gewohnheit streicht das beste Pflaster,

Die Zeit heilt alte Schäden zu;

Drum lerne mit Gedult der Plagen zu gewohnen,

Mit Sturm und Ungedult erwirbt man selten

4

Es kann sich endlich doch wohl schicken,

Dass dir ein frohes Stündgen lacht.

Kann dich nicht, was du wilt, erquicken:

Wer weiss, was sonst vor Lust erwacht,

Die deine matte Brust mit süssen Nektar labet

Und mit Ambrosia statt Aloe begabet.

Mein Herr sah sich unter währenden Singen ein paarmal ganz wilde um, da aber die Musik geendiget war, stellte er sich an als einer, der aus einem tiefen Traume erwachte, rieb die Augen und hojanete etlichemal. Merken konnte er leichtlich, dass Oegnecks Frau die Sängerin gewesen, doch gab er seine Gedanken nicht von sich, sondern warf einen Dukaten auf den Tisch und sagte: 'Wo ist der Knabe, der jetzt so schön musizieret hat? Gebt ihm diesen Dukaten und lasset ihn das Stück noch einmal repetieren, saget auch, dass er öfters kommen solle.' Oegneck nahm den Dukaten und ging darmit zur Tür hinaus, sobald er aber zurückkam, hörete man die vorige Aria nochmals, und zwar weit manierlicher singen, auch mit unvergleichlicher Variation spielen. Sobald dieselbe unter meines Herrn grosser Aufmerksamkeit geendiget war, stellte sich derselbe wiederum mit völligen Versagte: 'Ach, mein allerliebster Freund, wie glücklich schätze ich mich, dass ich in Seine Kur geraten bin, nun merke ich erstlich, dass Seine besondere Klugheit mir mehr mit äusserlichen Vorteilen als innerlichen Medikamenten raten und helfen wird. Habe ich unter währenden Paroxismo etwa eine Faiblesse begangen, so bitte mir selbige zu vergeben, denn ich bin zur selben Zeit ein miserabler Mensch, der selbst nicht recht weiss, was er tut. Der charmant musizierende Knabe aber hat mich mit seiner angenehmen stimme ungemein vergnügt, nicht anders, als ob ich von Toten auferweckt worden. Diese Aria werde ich mir zu meinen Leibstückgen erwählen, denn der ganze Text schickt sich so von ungefähr vortrefflich auf meinen Zustand.'

'Ich freue mich von Herzen', gab Oegneck hierauf zur Antwort, 'gleich anfänglich ein so glückliches Mittel erfunden zu haben, Ew. Gn. zu besänftigen. Der Knabe soll Ihnen in Zukunft alle Abend, sooft es gefällig, aufwarten, dieses aber muss zur Nachricht melden, dass er in Gegenwart anderer Leute nichts Gescheutes spielen oder singen kann, deswegen ist's am besten, man lässt ihn aussen vor der Tür bleiben.' 'Ach ja', versetzte mein Herr, 'das muss ohnedem geschehen, denn ich möchte denselben vielleicht nicht bei mir vertragen können. Vorjetzo aber wird mir erlaubt sein, mich zur Ruhe zu legen, denn ich befinde mich ziemlich matt und schläfrig.' 'Sie tun sehr wohl hieran', sagte Oegneck und begab sich nach Anwünschung einer geruhigen Nacht von dannen.

Anstatt sich zur Ruhe zu legen, setzte sich mein Herr in sein Cabinet, rauchte noch ein paar Pfeifen Tobak, liess die Laquais zu Bette gehen, zu mir aber sagte er mit lachenden mund: 'Das war der andere Auftritt in dieser Komödie, es muss aber noch weit mehr tolles Zeug herauskommen.' Ich offenbarete ihm, wie ich das Glück gehabt, Oegnecks Frau zwar nur auf wenige Augenblicke zu sehen, müsste aber bekennen, dass sie ein recht englisches gesicht hätte. Er erfreuete sich hierüber ungemein und wünschte sich dieses Glück nur vorerst auf eine einzige Minute. Nachdem er nun wegen der fernerweitigen Fort- und Ausführung seines Desseins noch verschiedenes mit mir überlegt, begab er sich endlich zur Ruhe.

Einige darauffolgende Tage hintereinander plagte ihn Oegneck mit Purgieren und Schwitzen dergestalt, dass er es fast überdrüssig werden wollte, jedoch auf mein Zureden, dass ihm dieses nicht undienlich, indem er in langer Zeit nicht medizinieret, mitin viele Unreinigkeiten aufgesammlet hätte, war er ziemlich gelassen darbei, befand sich auch sehr wohl darauf, weswegen ihn Oegneck einige Tage in Ruhe, darbei aber die delikatesten speisen zubereiten liess.

Inmittelst begunnte mein Herr ziemlich unmutig zu werden, weiln er durch alle seine gemachten Machinationes den gewünschten Zweck zu erreichen noch keine sichere Hoffnung sah. Er stellte sich, als ob die melancholischen Paroxismi nicht des zehenden Teils mehr so stark wären als bishero, doch gab er allgemach zu verstehen, wie er sich nach einem oder dem andern Zeitvertreibe sehnete, weswegen ihm Oegneck ein ganz Paquet Gemälde von Landschaften und andern artigen Dingen brachte und selbige zur Betrachtung vorlegte. Er bewunderte dieselben und fragte, ob der Meister davon in N. wäre. Oegneck bejahete solches, doch wäre er voritzo nur