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einsam als allhier ist, damit Sie öfters aus den Fenstern bald auf die volkreichen Strassen, bald in schöne Gärten sehen können und durch Betrachtung anderer Objektorum von Ihren gewöhnlichen tiefen Gedanken abgezogen werden. Starke und allzuöftere Compagnie bei sich zu haben, will sich anfänglich nicht wohl schicken, weil solches die Kur nur verzögern möchte, doch muss man Sie auch selten alleine lassen, sondern sehen, wo man einen geschickten Mann findet, der Ihnen mit angenehmen Gesprächen und auch wohl auf andere Art die Zeit passieret, wenn ich nicht selbst zu haus sein kann. Ich habe', fuhr Oegneck fort, 'ein schönes, wohl und geräumlich erbautes Haus gemietet, bewohne aber den wenigsten teil davon, weil ich aber keine starke Familie habe, belieben Sie etwa, dasselbe in gnädigen Augenschein zu nehmen und, wo es anständig, zu beziehen, so sollte an Dero schönster Kommodität nicht der geringste Mangel erscheinen, denn ich könnte solchergestalt desto öfter bei Ihnen sein, an allem andern, worzu Sie sonsten einen zulässigen Appetit verspüren möchten, würde auch kein Mangel erfunden werden.'

Mein Herr brachte anfänglich viele Entschuldigungen vor, warum es ihm sehr beschwerlich fiele, sein Logis zu verändern, endlich aber, nachdem er eine Zeitlang nachgesonnen, sagte derselbe: 'Mein Herr von Oegneck, ich habe einmal versprochen, Ihm in allen, was zu meiner baldigen Kur vorteilhaft erfunden wird, Gehorsam zu leisten, deswegen soll Er in diesem Stück die erste probe von mir sehen. Es geschehe demnach, der Herr lasse mir in seinem haus zwei oder drei bequeme Zimmer zurechtemachen, meine Leute sollen sogleich einpacken, damit ich gegen abend einziehen und morgen mit der Kur der Anfang gemacht werden kann, denn mir wird nunmehr Zeit und Weile viel zu lang.' Oegneck möchte sich unfehlbar innerlich nicht wenig freuen, einen so fetten Kostgänger und Patienten angetroffen zu haben, von welchen er keine magern Brocken zu geniessen verhoffte, nahm deswegen mit meinem Herrn nur noch kurze Abrede wegen ein und anderer Kleinigkeiten, beurlaubte sich nachher und eilete nach haus, um alles wohl einzurichten.

Kaum mochte er aber wohl zum haus hinaus sein, als mein Herr vom Bette aufsprunge, mich rufte, dass ich ihm die Bandage abnehmen sollte, und fragte, was meine Gedanken wären bei diesen Streichen. 'Gnädiger Herr!' antwortete ich, 'bald haben mir über Ihr Gespräch die Haare zu Berge gestanden, bald aber hätte vor lachen zerbersten mögen.' 'Ihr müsset mich', versetzte er, 'voritzo einmal als einen Komödianten betrachten, der seine Komödien selbst elaboriert. Die erste Szene, welche ich in verwichener Nacht ausgesonnen, ist, wie mich dünkt, ziemlich gut abgelaufen, allein Ihr werdet unfehlbar noch weit mehr dabei zu lachen kriegen, denn Oegneck muss mir nolens volens ein vollkommener Arlequin und Hahnrei werden, vorjetzo aber werden wir keine Zeit zu versäumen haben, sondern unsere Sachen einpacken müssen, damit wir noch heute an Ort und Stelle kommen.'

Demnach packten wir alles ein, und mein Herr half selbsten fleissig. Zwei Stunden nach der Mittagsmahlzeit aber kam Oegneck und meldete, dass die Zimmer zu meines Herrn Commodité bereits gereiniget und meubliert wären, weswegen sogleich der Anfang zum Aus- und Einräumen gemacht wurde, gegen abend aber begab sich mein Herr selbst mit dem Oegneck in das neue Quartier. In selbigem war zum Willkommen eine köstliche Mahlzeit zubereitet, wiewohl niemand als Oegneck mit ihm speisete, auch kamen von Domestiquen nicht mehr als ein alter ehrbarer Mann nebst zwei Knaben von zehn bis zwölf Jahren zum Vorscheine. Jedennoch hatte ich das Glück, Oegnecks Frau am ersten zu sehen, indem sie die speisen selbst zubereitete und dieselben durch eine Schublade, die in der Küchentür war, herausgab. Ich muss gestehen, dass ihr Gesicht mehr einem Engel als Menschen ähnlich sah, ihre arme und hände aber waren noch weisser als Alabaster, weswegen ich meinen Herrn nicht halb so sehr verdachte, dass er sich ihrentalber so viele Mühe gab, ungeachtet er sie noch nicht gesehen. Es wollte sich nicht schicken, ihm meine glückliche Aventure zu melden. Er aber wusste seine person vorgenommenermassen dergestalt künstlich zu spielen, dass Oegneck an nichts weniger gedachte, als dass man ihn so listigerweise hinter das Licht führen wollte, hergegen brachte er allerhand feine Historien und scherzhafte Reden vor. Es schien, als ob mein Herr hierbei ziemlich vergnügt wäre, doch da die Nacht hereinzubrechen begunnte, stellte er sich dermassen wunderlich an, dass ein jeder, dem seine Verstellung unbekannt war, hätte vermeinen sollen, er sei ein wirklich delirierender Fanaticus. Ich und die beiden Laquais waren schon sattsam abgerichtet, schlichen uns deswegen ganz behutsam hinzu und brachten mit guter Manier Messer, Gabeln, Degen, Pistolen, ja alles schädliche Gewehr auf die Seite in eine Nebenkammer, deswegen wurde dem Herrn von Oegneck ziemlich bange, ja ich glaube, dass es ihm fast leid war, sich aus Übereilung eine solche Last auf den Hals gebürdet zu haben. Bei so gestalten Sachen eilete er, Arzenei herbeizuholen, auch war ihm vor diesen Patienten ein biblisches Mittel eingefallen, nämlich die Musik, durch welche der König Saul, wenn er den Raptum bekommen, war besänftiget worden. Er kam bald wieder zurück und brachte einen Julep, welchen mein Herr auf einmal austrinken sollte; dieser aber, welcher den Kopf mit beiden Armen unterstützt hatte, niemanden ansehen, auch kein Wort antworten wollte, stiess das Glas zornig von sich, dass es auf