1738_Schnabel_089_89.txt

leicht einmal durch eine mittelmässige Strapaze einen doppelten Darmbruch bekommen, weiln sogar das Darmfell in meinem leib von dem scharfen Eiter zernagt befunden worden.'

'Es ist dieses', sagte Oegneck hierauf, 'ein ganz guter Rat. Allein wie haben sich ihr Gn. nach der Zeit sowohl in Dero Leibeskonstitution als in den Gemütsbewegungen befunden?' 'Ach Himmel!' gab mein Herr zur Antwort, 'ich bin seit der Zeit der vorige Mensch ganz und gar nicht mehr gewesen. An der Courage, einem Feinde unter Augen zu gehen und mich mit demselben auf Degen und Pistolen zu schlagen, ist mir zwar nicht das geringste entgangen; Essen und Trinken schmeckt mir auch ganz wohl, allein die Liebe zum Frauenzimmer ist mir zuwider wie der Tod, hergegen ist mir nichts angenehmer als die Einsamkeit, doch gibt mir die Vernunft zu verstehen, dass, wenn sich meine Sinne gar zu sehr darinnen vertieften, ich vielleicht wohl gar wahnsinnig, toll oder rasend werden möchte; eben diesem Unglücke aber vorzubeugen, habe ich mich auf Reisen begeben, weiss aber nicht, ob ich es lange antreiben werde, denn ich möchte wohl nicht besser verwahrt sein als bei den Meinigen zu haus. Sonsten habe ich ein so ziemliches Vergnügen an allerhand spekulativischen Dingen als an Malerei, ingleichen an einer doucen Musique, beweglichen poetischen Sachen, aber keine verliebten Gedichte, item allerhand moralische Historien zu lesen und anzuhören, allein es vergeht mir auch hierzu der Appetit zuweilen ganz plötzlich, und verfalle ich öfters über Vermuten in eine Tiefsinnigkeit, wenn nicht ein besonders kluger und geschickter Mann bei mir ist, der mit guter Manier dergleichen Grillen aus meinem kopf jagen kann. Ich habe zwar schon verschiedene gescheute Leute in meinen Diensten gehabt, weil aber dennoch keiner recht nach meinem Goût eingeschlagen, so habe immer einen nach dem andern wieder fortgeschafft, auch von meinen jetzigen Bedienten werde ich keinen lange um mich leiden können.'

'Wie ist's aber', fragte Oegneck, 'wenn sich ihr Gn. genötiget sehen, mit Frauenzimmer zu konversieren?' 'Ei was!' fuhr mein Herr auf, 'Er schweige mir ja ums himmels willen von diesem Geschlechte stille, denn ich wollte eher zwei wilde Männer als ein Frauenzimmer um mich leiden. Ihre Konversation ist mir bis in Tod zuwider, ja ich scheue dieselben als ein verzehrendes Feuer. Sobald ich eine ansehe, befürchte ich gleich, sie möchte etwa Wissenschaft um meine Beschaffenheit haben, mich deswegen in ihrem Herzen höhnisch auslachen und mit meinem Elende einen Spott treiben. Ob ich auch, wenngleich alles noch seine Richtigkeit bei mir hätte, nimmermehr wieder ein Frauenzimmer bedienen möchte (inmassen ich es mitten in meinem Schmerzen so teuer verschworen habe), so wollte doch ehe mein Leben dransetzen, als mich mit meiner Incapacité schrauben lassen.' 'Wenn man aber', warf Oegneck ein, 'ein solches Frauenzimmer finden könnte, die dergleichen tadelhafte und andere sündliche Affekten nicht in ihrer Seele hegte, sondern eine reine, keusche und redliche Konversation mit Ihnen zu führen bereit wäre, wollten Ew. Gn. eine solche auch nicht um sich leiden?' 'Ach! hinweg mit dem Frauenzimmer, es mag schön oder hässlich sein', war meines Herrn Gegenrede, 'wo wollte doch immermehr eine solche, wie sie der Herr beschreibt, anzutreffen sein? es wäre denn ein Kind oder ein altes Weib, von welchen beiden aber eines so wenig als das andere das Geschicke haben kann, mir einen vergnügten Zeitvertreib zu verursachen, deswegen nur stille geschwiegen von diesem verhassten Geschlechte.'

'Nun, nun!' sagte endlich Oegneck, 'Ew. Gn. geben sich nur völlig zufrieden, Ihr Malheur soll aufs längste binnen zwei oder drei Monaten gehoben sein. Was verlorengegangen, kann zwar ich und kein sterblicher Mensch wieder ersetzen, allein Ihr melancholisches Humeur hoffe mit der hülfe des himmels völlig zu kurieren, weil mir Rat und Mittel davor überflüssig beiwohnen, ja ich versichre bei meiner Ehre, dass schon mehr als 100 dergleichen Patienten recht lustig, fröhlich und vergnügt von mir gegangen sind; doch sage ich Ew. Gn. im voraus, dass Sie sich nach derjenigen Vorschrift, welche ich Ihnen in Ihrer Diät und ganzer Lebensart machen werde, aufs allergenauste richten müssen, woferne Sie anders vollkommen glücklich kuriert sein wollen, ja solchergestalt hoffe ich, nicht einmal zwei monat mit Ihnen zuzubringen, wenn Sie nämlich mir billige Folge leisten werden.'

'Ich bin ja ein Mensch', sagte hierauf meine Herr, 'der noch ein ziemlich teil Verstand hat, deswegen will ich Ihm versprechen und halten, allen demjenigen fleissig nachzuleben, was mir Seine Kunsterfahrenheit zum Reglement vorschreibt, nur bitte ich, allen möglichen Fleiss zu baldiger Kur anzuwenden, seiten meiner soll es auch an richtiger Bezahlung nicht ermangeln, wie ich Ihm denn hiermit gleich zum voraus zwölf spec. Dukaten gebe.' Oegneck hätte vor Freuden gleich aus der Haut fahren mögen, da ihm mein Herr aus seiner Goldbeurse zwölf schöne Dukaten langete und dieselbe in seine Hand drückte. Anfänglich stellte er sich zwar, als ob er nichts voraus haben wollte, doch er liess sich auch nicht zehnmal nötigen, sondern steckte das Gold mit Freuden in seinen Schubsack. Hierauf redete er aus einem ganz andern Tone also: 'Gnädiger Herr! vor allen Dingen wird nötig sein, dass Sie Dero Logis verändern und an einem solchen Orte wohnen, wo es etwas lebhafter und nicht so