ich meinen Hohn an Ihm gerochen habe.'
'Ha ha!' replizierte Oegneck, 'Schweigen ist die beste Tugend an einem Medico, und diese klebt mir vor 1000 andern an. Mein Herr belieben sich dieserwegen nicht die geringste sorge zu machen, denn bei mir ist Ihr Geheimnis ebenso verwahrt, als ob Sie es einer leblosen Kreatur anvertrauet hätten.' 'Nun wohlan', sprach mein Herr, indem er ihm zugleich die Hand drauf gab, 'es bleibt indessen bei der genommenen Abrede', worauf sie sich beiderseits wieder zum Tische setzten und von ihrem Gespräch niemand etwas merken liessen. Wenig Minuten hernach aber wurde Oegneck abgerufen, weswegen er fast wider Willen von dieser schönen Compagnie Abschied nehmen musste.
Diese raisonierten noch eine geraume Zeit über den törichten Hasenkopf, ja kein einziger war darunter, welcher ihm nicht des Aktäons Hauptschmuck von Grund des Herzens gegönnet hätte, jedoch mein Herr sagte weiter niemanden, was er sich vor ein Projekt gemacht, ihm dazu zu verhelfen. Bald hernach ging die Compagnie auch auseinander, und ein jeder suchte sein Vergnügen da, wo er es am besten zu finden verhoffte.
Mein Herr liess sich, sobald er in sein Zimmer gekommen, sogleich auskleiden und legte sich ins Bette, wohl nicht eben aus Müdigkeit, sondern unfehlbar um nachzusinnen, wie er sein vorhabendes Werk am geschicktesten anfangen möchte. Indem es nun seinem verschlagenen kopf niemals an allerlei geschwinden, klugen und praktikablen Einfällen zu fehlen pflegte, so wurde der erste Actus dieser Komödie oder, besser zu sagen, Tragödie gar bald und ehe er noch einschlief entworfen. Frühmorgens, sobald er erwacht, musste ich mich neben sein Bette setzen, da er mir denn offenherzig entdeckte, wie er die Sache anfangen wollte. 'Ich habe das Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit', so beliebte ihm zu reden, 'dass Ihr mir eine besondere Façon von einer Bandage verfertigen werdet, vermittelst welcher ich ohne gar zu grosse Inkommodität meine Testiculos hinauf zurück in den Leib hinein binden kann, so dass das Scrotum ledig und schlaff herunterhanget, denn ich will dem Oegneck weismachen, dass ich kastriert wäre, glaube auch hierdurch meinen Zweck am allerleichtesten zu erreichen.'
Da nun seine Gemütsart so beschaffen war, dass er sich nicht gern widersprechen liess, auch in den allerdesperatesten Unternehmungen weder Warnung noch Abraten stattfinden liess, als sah mich gemüssiget, um ihn nicht verdrüsslich zu machen, seinen Willen zu erfüllen, traf auch das Ding dergestalt wohl, dass er ein besonderes Vergnügen darüber bezeigte. Des andern Morgens früh, gegen die Zeit, da Oegneck kommen sollte, musste ich ihm diese Bandage anlegen, alle Gardinen wurden zugezogen, so dass es ziemlich dunkel im Zimmer war, mein Herr legte sich aufs Bette, Oegneck liess sich durch den Laquaien melden, weswegen ich mich ins Cabinet verschliessen musste, um alle Reden mit anzuhören, jener aber wurde ins Zimmer gelassen und glaubte nicht anders, als ganz allein bei meinem Herrn zu sein.
Dieser, nachdem er den Herrn von Oegneck genötiget, sich bei einem Nachttischgen niederzulassen, redete denselben also an: 'Mein Herr von Oegneck, ich muss Ihm, ehe wir zum Zweck kommen, ein Stück von meiner Lebensgeschicht erzählen, doch muss Er mir erstlich eidlich angeloben, selbiges ohne meinen Willen niemanden weiter zu offenbaren.'
Da nun Oegneck sich aufs teureste vermessen, reinen Mund zu halten, fuhr mein Herr in seiner Rede also fort: 'Ich bin ein Kavalier aus einem der vornehmsten Geschlechter in Deutschland. Das Liebeswerk habe ich mir, leider! von Jugend auf mehr angelegen sein lassen, als mir nunmehr lieb ist, da ich ein Frauenzimmer behörig zu bedienen mich ganz und gar untüchtig befinde, denn alle beide Testiculi sind verlorengegangen, fühlet her, mein Herr! ich bin, ach leider! ein beklagenswürdiger Verschnittener, weder Mann noch Weib, weder Weib noch Mann.' Oegneck begriff demnach auf Verlangen das Scrotum und glaubte wirklich, dass dem also sei, gab auch dieserwegen sein Mitleiden mit kläglichen Gebärden und Worten zu verstehen. Der verschlagene Patient aber stellte sich dergestalt jämmerlich an, dass es auch schien, als ob ihm die Tränen in den Augen stünden; endlich redete er weiter: 'Ich muss Ihm nur, mein Herr, die Sache mit allen ihren Umständen entdecken, Er höre mir fleissig zu! Ich habe mich vor einigen Jahren mit einem armen, aber sehr schönen fräulein fleischlich vermischt und sie geschwängert, mit dem Versprechen, sie zu heiraten, nach der Zeit aber habe ich die teuresten Schwüre, so ich diesem fräulein geleistet, leichtsinnigerweise aus den Gedanken geschlagen, mich von einer andern Delila verführen und meine erste Liebste in den jämmerlichsten Zustande sitzenlassen. Es schrieb dieselbe zwar verschiedene höchst bewegliche Briefe an mich, konnte aber damit nichts als eine mittelmässige Summa Geldes erlangen, wobei ich ihr rundheraus meldete, dass sie sich auf meine person hinfüro nur nicht die geringste Rechnung oder Hoffnung machen möchte, wie ich ihr denn auch wegen des starken Hasses, den ich nachher auf ihre person gelegt, gänzlich untersagte, ferner an mich zu schreiben. Doris, so hiess diese meine erste Liebste, war zwar nicht reich an Mitteln, desto reicher aber an verstand und andern besonderen Eigenschaften, hiernächst hatte sie einen heroischen Geist, welcher sie dahin verleitete, dass sie, um sich zu rächen, sowohl mir als meiner neuen Liebste nach dem Leben trachtete. Demnach verkleidet sie sich in Manneshabit, kommt heimlich an den Ort