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Der Wirt wartete ihm selbst auf und fing nach unterschiedlichen Gesprächen dieses zu reden an: "Ich sehe, dass Ew. Gn. keinen Bedienten bei sich haben, wenn Ihnen demnach an einem geschickten deutschen Menschen etwas gelegen wäre, wollte ich denselben heraufrufen, er ist einige Jahr allhier in Italien bei einem vornehmen deutschen Kavalier in Diensten gewesen und hat die italiänische Sprache sehr wohl gefasset." Elbenstein gab hierauf zur Antwort, dass der Herr Wirt diesen Menschen nach der Mahlzeit herauf zu ihm senden möchte; welches denn auch geschahe, indem Elbenstein nicht lange bei Tische sass. Sobald der Deutsche ins Zimmer getreten und Elbenstein an ihm bemerkte, dass er wohlgekleidet und sehr reputierlich aussahe, fragte er denselben ganz freundlich, wer und woher er wäre. Dieser gab zur Antwort: "ihr Gn. gebe gehorsamst zu vernehmen, dass ich von Frankfurt gebürtig bin und daselbst die Chirurgie erlernet habe. Vor sechs Jahren aber bin ich mit einem vornehmen deutschen Baron, dem Herrn von L., als Kammerdiener mit in dieses Land gereiset. Nachdem aber dieser mein Herr vor etlichen Wochen in N. meuchelmörderischerweise ums Leben gebracht worden, habe ich seitero gelegenheit gesucht, bei einem oder andern deutschen Herrn in Diensten zu kommen, damit ich endlich einmal mein Vaterland wieder zu sehen bekommen möchte." "Ich habe", sagte Elbenstein, "von dem Baron von L. vielmal reden hören, was hat aber gelegenheit zu seiner Ermordung gegeben?" "Ach leider!" gab der Kammerdiener zur Antwort, "nichts anders als die Ausschweifungen in Liebessachen; allein es möchte Ew. Gn. wohl zu langweilig fallen, wenn ich Ihnen die Streiche, so er in diesem land vorgenommen, ausführlich erzählen wollte." "Mein lieber Landsmann", versetzte Elbenstein, "Er erzeigte mir hiermit einen besonderen Gefallen, denn ich habe nicht allein hier wohl ausgeschlafen, sondern pflege auch sonsten meinem Schlafe abzubrechen, wenn mir jemand geschichte erzählet. Hier ist Wein, trinke Er nach Belieben soviel, als Er will, und setze sich dabei nieder, damit Ihm das Reden nicht zu sauer wird, ich werde Ihm, wo ich Ihn nicht in Dienste nehme, dennoch eine Diskretion geben."

Der Mensch gehorsamete Elbensteinen und fing seine Erzählung also an: "Nachdem mein Herr, der Baron von L., die vornehmsten Städte Italiens besehen und fast allerwegen der Göttin Venus vielfältige Opfer gebracht, indem er ihre Nymphen nicht suchen durfte, sondern selbst von ihnen aufgesucht und zur Liebeslust angereizt wurde, kamen wir endlich nach N., wo es ihm besser als an irgendeinem Orte gefiel, weil er daselbst nicht allein den vergnügtesten Umgang mit schönen Frauenzimmer, sondern auch mit verschiedenen deutschen Offiziers und Kavaliers haben konnte. Eines tages trug sich's zu, dass er einen seiner guten Freunde besuchte, welcher tages vorher im Duell einen gefährlichen Stoss in die Brust bekommen hatte. Es kamen noch verschiedene andere deutsche Offiziers und Kavaliers dahin, welche dem Patienten die schmerzhafte Zeit vertreiben wollten. Auch war ein Medicus zugegen, der den Patienten innerliche Medikamenta gab. Dieser Medicus war ein ziemlich glücklicher und wohlgereiseter Arzt, indem er viele Sprachen redete, hierbei aber haselierte er gar gewaltig, so dass die Offiziers und Kavaliers gemeiniglich einen Narren aus ihm machten, denn er wollte sein Geschlecht von den alten longobardischen Königen herführen, war aber doch bloss mit dem adelichen Charakter zufrieden, wenn man ihn nämlich nur den Herrn von Oegneck nennete. Zur Frau hatte er eine extraordinäre schöne Dame, doch weil er der Eifersucht im allerhöchsten Grad ergeben, liess er sie fast vor keinem Menschen sehen, und wenn ihr ja einmal erlaubt war, frische Luft zu schöpfen, musste solches dennoch durch eine Masque geschehen, um zu verhüten, dass sich niemand an ihrer Schönheit vergaffte. Über dieses war ihr ein altes vertracktes und grämliches Weib zur Hofemeisterin vorgesetzt, vor welcher dieses schöne Bild sich nicht einmal frei umsehen, geschweige denn mit jemand reden durfte, ungeachtet sie viel Feuer im leib hatte. Er, der Herr von Oegneck selbst, kam ihr selten von der Seite, ausgenommen wenn seine Amtsverrichtungen oder eine gute Compagnie, bei welcher er kein Geld vertun durfte, ihn von ihrer Seiten zog, denn er war ungemein gern lustig oder, auf deutsch zu sagen, er haselierte gern, hierbei aus dermassen geizig, und dennoch spielete er gern.

Allhier nun waren verschiedene Offiziers zugegen, welche um alles sein Wesen genaue Wissenschaft hatten, deswegen kam bald ein Gespräch vom Frauenzimmer und vergnügten Heiraten aufs Tapet, und fast ein jeder brachte eine besondere Meinung hervor, von was vor Temperament und Beschaffenheit nämlich er sich dermaleins eine Frau wünschte. Oegneck hatte nicht gar lange zugehöret, als er mit beiden Fäusten auf den Tisch schlug und sagte: 'Um aller Heiligen willen! meine Herren, reden Sie von andern Dingen als vom Heiraten, denn wenn ich nur hieran gedenke, wird mir angst und bange.' 'Ei wieso, mein Herr?' fragte ein gewisser kapitän, der sich Reston nennete, 'wie ich vernommen, so ist ja Derselbe recht glücklich im Heiraten gewesen, indem Er eine bemittelte, verständige, tugendsame und ganz besonders schöne Frau haben soll. Ich habe dieselbe zu sehen zwar niemals die Ehre gehabt, jedoch solches von meiner eigenen Frauen und andern Dames vernommen, möchte also fast wünschen, woferne es anders ohne Dessen Incommodité geschehen könnte, die Wahrheit darvon persönlich zu erforschen.' Oegneck antwortete