dass sie der Olympia rief, das Kind wieder hinwegzutragen, zu Elbensteinen aber sagte sie: "Diese Karesse hat mein Herz am allerweichsten gemacht, nimm diesen Ring noch zu dessen Angedenken!" Unter diesen Worten zohe sie noch einen Ring, der mehr als 200 Zechinen wert war, von ihren Finger ab und steckte ihn an Elbensteins Finger. "Ach reise glücklich und komm bald zurück, vielleicht kann ich noch diejenige person sein, die dein Glück auf dieser Welt macht." Elbenstein konnte vor innerlichen Jammer fast kein Wort mehr hervorbringen, deswegen wurden, weil die Nacht schon eingebrochen war, nur noch etliche hundert Küsse gewechselt, worauf er sozusagen wie die Katze vom Taubenschlage stillschweigend Abschied nahm und sich (da sie ebenfalls mit zugedruckten weinenden Augen auf dem Bette als halb ohnmächtig liegenblieb), sobald nur die Olympia herzukam, von den Stummen bis an den bereits angespannten Wagen begleiten liess und fort fuhr.
Es ist, wie die wenigsten leugnen werden, die Liebe überhaupt ein wunderlicher Affekt, insbesondere aber die heimliche und verbotene, denn diese letztere ist vermögend, dem Menschen weit mehrere Leidenschaften zu verursachen als die erlaubte. Wie es der Dame nach Elbensteins Abschiede ergangen, davon haben wir keine zuverlässige Nachricht; Elbenstein aber sass in dem Wagen als ein wachender Träumer, indem die ganze Nacht hindurch kein Schlaf in seine Augen kam, jedoch konnte er sich nicht eher besinnen, bis er des andern Tages gegen Mittag von dem obgedachten Tomas erinnert wurde, aus dem Wagen zu steigen und seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. Er ermunterte sich demnach aus seiner schlaflosen Träumerei, stieg aus dem Wagen und ward gewahr, dass er nicht nur den Tomas, sondern noch andere sechs Reuter zur Eskorte bei sich hatte, welches ihm einigermassen bedenklich vorkam, jedoch er liess sich nichts merken, sondern von dem Wirte in ein besonderes Zimmer führen, wo er sich einen glühenden Wein bestellete und sich mittlerweile aufs Bette streckte, um womöglich ein wenig zu schlafen. Indem aber kam Tomas und überreichte ihm einen versiegelten Brief, worin er folgende Zeilen zu lesen bekam:
Liebstes Leben!
Ich habe meinem Tomas befohlen, Dir diesen Brief nicht eher einzuhändigen, als bis du in M. angelanget bist. Ich wünsche, dass Deine Reise bis dahin glücklich gewesen und noch fernerweit glücklich sein ich Dir ausser meinem Tomas zur Begleitung sechs Reuter mitgegeben habe, und auf den Posten wirst Du auch unfehlbar sicher sein. Tomas hat einen gesattelten Neapolitanerhengst nebst allem andern Zubehör an Dich zu übergeben anstatt Deines Pferdes, welches hier umgefallen ist und sich unfehlbar um seinen Herrn zu tod gegrämet hat. Antworte mir mit wenigen Zeilen, damit ich mich nur an den leblosen Buchstaben ergötzen kann, bis ich das Vergnügen habe, Dich in eigener person wieder zu umarmen. Ich bin und verbleibe die
Deinige.
Elbenstein liess sich Dinte, Papier und Feder bringen und beantwortete den Brief folgendergestalt:
Meine Seele!
Ich weiss fast nicht, ob ich noch recht mehr lebe oder nicht, weil von Dir, meine Seele, ich mich getrennet sehen muss. Oh! wie unbarmherzig bist Du gewesen, mich zu einem unaussprechlichen Vergnügen, aber nur auf so kurze Zeit führen zu lassen, und oh! wie unbarmherzig bist Du nicht nachher gewesen, mir den letzten Streich zurückhalten zu lassen. Wie längst wäre ich aller meiner Marter los, nunmehr aber empfinde ich erstlich tägliche, ja, was sage ich! beständileben, sondern auch einem andern dasjenige überlassen muss, was meine sehnsucht sich einzig und allein, aber keinem andern gönnet. Mein Dir allein ergebenes Herz fängt schon an, den Adern den Dienst zu versagen und den Umlauf des Geblüts zu verhindern, demnach dürfte mein Ende fast nahe sein, jedoch verbleibe ich nebst gehorsamster Danksagung vor alle genossene Liebe, Gnade und Wohltaten
Dein
bis in Tod Getreuer.
Kaum hatte er diesen Brief ausgeschrieben, als Tomas den glühenden Wein brachte und darbei fragte, ob ihr Gn. nicht belieben wollten, das kostbare Pferd selbst in Augenschein zu nehmen, welches ihr Durchl. ihm zu überreichen mitgegeben hätten. Elbenstein war oder stellte sich wenigstens ganz malade an, ging aber doch, nachdem er den glühenden Wein getrunken hatte, mit ihm herunter, liess seine Coffres und Sachen erstlich hinauf in seine stube schaffen und besahe hernach den neapolitanischen Hengst, welcher ihm sehr wohl anstund, auch dahin bewog, dass er dem Tomas zwölf, jeden Reuter aber drei Zechinen zur Diskretion gab, da denn diese ein paar Stunden hernach mit dem Wagen ihre Rückreise antraten.
Der Wirt mochte Elbensteinen unfehlbar vor einen Prinzen oder andere Standesperson ansehen, begegnete ihm demnach auf die alleruntertänigste Art, da dieser aber sich vernehmen liess, dass er erstlich ausschlafen, nicht eher als auf den Abend speisen, den andern Tag annoch ausruhen, dritten Tages aber mit einer Extrapost weiterreisen wollte, richtete er sich darnach ein und liess ihm einen artigen Knaben zur Bedienung, welcher, da sich Elbenstein aufs Bette legte, sogleich seine sodomitischen Dienstleistungen anbot. Wie aber Elbenstein vor dergleichen einen recht natürlichen Abscheu hatte und ihm zurückzugehen befahl, kam ein alter Hausknecht und meldete sich, dass er befehligt wäre, die Wache vor seiner Tür zu halten, und daferne ihr Gn. etwas zu befehlen hätten, dürften sie nur Antonio rufen. Dieses liess sich Elbenstein eher gefallen, schlief aber alsobald ein und ruhete einige Stunden.
Als er wieder aufgewacht, befahl er dem Antonio, dass er ihm die Abendmahlzeit bestellen sollte, welche bald hernach gebracht wurde.