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selbsten so généreux, Elbensteinen seine Dimission zu geben, und diese stellte sie ihm eines Abends schriftlich in folgenden Zeilen zu:

Mein Allerliebster!

Ich bitte nochmals um Verzeihung wegen aller Euch meinetwegen zugefügten Schmach und Herzeleides. Hierbei aber danke ich Euch zu tausend Malen vor das mir gemachte unschätzbare Vergnügen. Ich werde Euch lieben, so lange ein Atem in mir, und die Zeit wohl absehen, Euch, sobald es immer möglich ist, Nachricht zu erteilen, wo wir einander aufs neue vergnügt umarmen können. Den morgenden Tag verlange ich noch 1000 Küsse von Euch, die Anstalten aber sind bereits gemacht, dass Ihr, sobald es dunkel ist, in einem zugemachten Wagen von hier ab und bis nach M. gebracht werden sollet, von wannen Ihr auf der Post weiter fortkommen könnet. Einen Reisecoffre habe ich Euch selbst eingepackt, worin Ihr 1000 Zechinen finden werdet nebst andern Kleinigkeiten, die Ihr zum Angedenken meiner person tragen sollet. Die übrigen Sachen, die Ihr bei Euch habt und worauf man sich noch besinnen wird, werdet Ihr bei Euch selbsten einzupacken belieben, es werden die Stummen hierzu einen andern Coffre bringen. Eurem Fürsten habe ich durch die dritte Hand Eurentwegen soviel zur Nachricht geben lassen: Ihr hättet Euch mit einem gewissen vornehmen Frauenzimmer in Liebessachen eingelassen und derselben die Ehe verspromöchte, so wären deren Freunde, denen sie es geklagt, auf die Gedanken geraten, Euch einen Possen zu spielen und listigerweise in genaue Verwahrung bringen zu lassen, damit sie Eure Erklärung vernehmen möchten. Unterdessen sollten Sr. Durchl. so gnädig sein und Eure Sachen sowohl als Eure Ehre in Dero Schutz nehmen, weil Ihr vielleicht mit nächsten wiederum vor ihnen erscheinen würdet. Diese Szene, mein Leben! könnet Ihr fortspielen und Eurem Fürsten zu verstehen geben, dass Ihr zwar wieder ledig und frei gestellet worden, jedoch Euch mit einem körp[er]lichen Eide verpflichten müssen, von allen dem, was Euch begegnet, niemanden etwas zu melden, viel weniger auf Rache bedacht zu sein. Ich glaube, dass ich keinen unebenen Rat gegeben habe, unser Liebesgeheimnis verborgen zu halten, und weil ich mich auf Eure Treue und Redlichkeit völlig verlasse, so beharre, wenn ich zuvorn morgen noch mündlichen Abschied von Euch genommen habe

Eure ewig Getreue.

Einesteils war Elbenstein einigermassen betrübt, dass er eine so unvergleichliche Amour verlassen sollte, andernteils aber war er auch erfreuet, sich in Freiheit und aus so gefährlichen Umständen kommen zu sehen, zumalen da er sich dergestalt bereichert sah. nunmehr, ach leider! dachte er erstlich wieder an das liebe Gebet und bat den Himmel, dass ihn derselbe doch noch einmal aus diesem Irrsale heraus und glücklich an Ort und Stelle führen möchte, jedoch ein Gelübde wollte er nicht tun, weiln er wohl sah, dass sein Fleisch und Blut zu schwach war, dasselbe zu halten. Er hatte in der darauffolgenden Nacht einen wenigen Schlaf, indem er sich allerhand Gedanken machte, wie er seine Lebensart hinfüro anstellen und ob er noch eine Zeitlang in Italien verbleiben wollte oder nicht, endlich fiel der Schluss dahinaus, dass er je eher je lieber seine Dimission bei seinem Fürsten suchen und aus diesem gefährlichen land hinweg entweder nach Frankreich oder gar wieder in sein Vaterland reisen wollte, indem er befürchtete, dass es ihm endlich noch gar leicht einmal der verbotenen Liebeshändel wegen unglücklich ergehen könne. Des darauffolgenden Morgens stunde er etwas zeitlicher auf als gewöhnlich, und weil ihm die Stummen, nachdem er sich angekleidet, einen Korb mit Wäsche brachten, die er ihnen etliche Tage vorher gegeben, um selbige waschen zu lassen, fing er allgemach an, seine Sachen einzupacken. Bald hernach brachten eben diese Stummen einen grossen schweren Reisecoffre in sein Zimmer getragen und überreichten ihn den in ein Papier versiegelten Schlüssel dazu. Er war sehr begierig zu wissen, was sich darinnen befände, wollte aber doch denselben nicht ehr eröffnen, bis er erstlich mit Einpacken fertig wäre, kaum aber, da dieses geschehen, liess ihn die Dame durch die Olympia zu sich in ihr Zimmer rufen, wo er dieselbe auf dem Bette sitzend und weinend antraf. Er fiel auf das eine Knie vor ihr nieder und fragte nach der ursache ihrer Betrübnis. "Ach!" sprach sie, "mein Leben! soll ich nicht weinen, da ich Euch von mir lassen muss und nicht weiss, ob ich Euch zeit meines Lebens wieder zu sehen bekommen werde; denn wie bald könnet Ihr Euch resolvieren, dieses Land zu verlassen und nach Eurem vaterland zu reisen."

Es schien, als ob sie seine Gedanken erraten hätte, allein Elbenstein versicherte, wie er zwar gesonnen, den Abschied von seinem Fürsten zu fordern, um noch die vornehmsten Städte in Italien zu sehen, hernach aber wolle er sich in Padua unter dem Vorwande, daselbst noch seine Studia abzuwarten, so lange aufzuhalten, bis er von ihr Erlaubnis bekäme, einmal eine Reise zu seinen Eltern zu tun. "Wie lange vermeinet Ihr", fragte sie, "herumzureisen, ehe Ihr nach Padua kommet?" "Ich vermeinete", gab er zur Antwort, "etwa um die Neujahrszeit oder auch wohl etwas früher daselbst einzutreffen." "Ach tut doch dieses", sagte sie, "je ehr je lieber, von mir werdet Ihr alle drei monat 100 Zechinen Zuschuss zu Eurem Studieren zu empfangen haben, um Euch vor andern in etwas hervortun zu können."

Elbenstein küssete ihre hände und gab zu vernehmen, wie er von ihrer Gütigkeit bereits dergestalt mit