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"Halt, mein Herr! ich bin Euch nicht gefährlich, sondern wollte nur Eure Courage probieren." Unter diesen Worten fiel der Schleier vom haupt, und da erkannte Elbenstein erstlich seine Geliebte Baronne von K., welche sich alsobald näherte und ihn, der fast am ganzen leib zitterte, aufs zärtlichste umarmete. ungeachtet er nun fühlen konnte, dass dieser Geist, welcher sich mit den allerzärtesten einfachen Leinwandskleide überdeckt, Fleisch und Beine hatte, so konnte er seine Alteration dennoch nicht sogleich verwinden, bis endlich die Baronne einen langen seidenen Schlafrock überhing und ihn bei der Hand in ein Nebenzimmer führte, wo auf zweien Tischen die herrlichsten Weine und Confituren parat stunden. Es waren keine Bedienten zugegen, deswegen gab sich die Baronne selbsten die Mühe, den bestürzten Elbenstein aufs eifrigste zu bedienen, welcher sich denn auch von seinem gehabten Schrekken gar bald wieder erholete.

Sobald er einen ziemlichen Pokal auf dero Gesundheit ausgeleeret und sie ebensoviel Bescheid getan, waren ihre ersten Worte: "Nun habe ich Euch, mein Engel! noch 1000mal lieber als vorher, da ich sehe, dass Ihr das herz habt, Euren Degen gegen ein Gespenst oder einen Geist zu ziehen, denn ich kann Euch versichern, dass ich keinen Kavalier ästimiere, der nicht resolut ist, und wenn er auch ein englisches Gesicht hätte und im leib noch so wohl gewachsen wäre. Zwar weiss ich mich wohl zu bescheiden, dass auch wohl der resoluteste Kavalier vor einem Gespenste mehr Furcht zu bezeugen pflegt als vor etliche 1000 anrückenden Feinden, allein ich bin, wie gesagt, mit Eurer Aufführung vollkommen zufrieden." Bei Endigung dieser Worte setzte sie sich von selbst auf Elbensteins Schoss und zählete ihm unzählige Küsse zu, welche er nicht unvergolten liess. Ja, der Schrecken verschwand hierdurch dergestalt bei ihm, dass er sie bat, den ihr vielleicht selbst unbequemen dicken seidenen Schlafrock abzulegen und sich ihm viel vieler in der vorigen Gestalt eines anbetungswürdigen Geistes zu zeigen. Die Baronesse liess sich hierzu sogleich willig finden, und ungeachtet die Leinwand ohnedem zart und durchsichtig genug war, so war doch dieses Kleid auch also beschaffen, dass es von allen Seiten mit leichter Mühe voneinander getan werden konnte. Sie vertrieben demnach einander die Zeit bei dem delikaten Weine und Konfekt mit den allerfreundlichsten Diskursen über eine gute Stunde lang, um aber die Hauptsache, warum sie ihn hatte zu sich kommen lassen, auszumachen, führte sie ihn noch in ein anderes Zimmer, wo beide bessere Bequemlichkeit haben konnten, da denn nach vielen Streitigkeiten, pro & contra, endlich ein süsser Schlaf beiden die Augen zudrückte, worin sie jedoch gar bald gestöret wurden, indem die alte Ruffiana kam und vermeldete, dass der Tag bereits anbrechen wolle, weswegen Elbenstein nicht verabsäumen möchte, sich in sein Quartier zu begeben.

Die Baronesse eröffnete ihm demnach nur noch einmal in aller Kürze ihre Gedanken, welche er nach seiner bereits erschöpften Überlegungskraft dennoch zu ihrem Vergnügen beurteilte und, auf ihr inständiges Bitten, folgenden Abend um eben die Zeit wiederzukommen versprach, um die Hauptsache weiter zu traktieren.

Elbensteinen waren diese Prozessgrillen dergestalt in den Kopf gestiegen, dass er, nachdem er in sein Logis gekommen, keinen bessern Rat zu erfinden wusste, als sich in sein Bette zu legen und noch einige Stunden zu schlafen, welches er denn so lange tat, bis sein Bedienter drei Stunden nach Aufgang der Sonnen ihn aufweckte und unter währenden Ankleiden vermeldete, dass in verwichener Nacht drei Kutschen mit Dames und Kavaliers angekommen wären, welche ihre in der Nähe daherum liegenden Weinberge wollten lesen lassen. Dieselben hätten gleich mit anbrechenden Tage einige ihrer Bedienten fortgeschickt, um in denen dabei befindlichen Lustäusern zum bequemen Aufentalt alles zu veranstalten, mittlerweile sich die Herrschaften vielleicht noch ein paar Tage und Nächte in diesem Gastofe aufhalten dürften.

Es machte sich Elbenstein hierüber keine besondere Gedanken, nachdem er aber seinen Diener ausgeschickt, ihm ein und anderes, dessen er benötigt war, einzukaufen, kam die alte Ruffiana und brachte von der Baronne von K. einen mit verschiedenen gebakkenen Sachen und Confituren angefülleten verdeckten Korb nebst einer vortrefflichen, annoch sehr warmen Mandelsuppe. Er nahm sich ein Bedenken, von dieser letzteren etwas zu geniessen, weil er sich eines gefährlichen Betrugs dabei befürchtete. Die alte Ruffiana merkte seine Furcht, schöpfte sich deswegen einen Teller voll und speisete davon mit grössten Appetite, weswegen ihm aller Argwohn verging und er also die Supp auf die Gesundheit seiner geliebten Baronne ganz ausass. Nachdem er nun der Alten im Danksagungskompliment an dieselbe aufgetragen und befohlen, ihm seine speisen nicht eher als etwa eine Stunde über Mittag von dem Wirte bringen zu lassen, spazierete er in den Garten, um seinen verliebten Gedanken und Erinnerung alles desjenigen, was ihm bishero passieret war, desto ohngestörter nachzuhängen. Er setzte sich demnach in eine, wiewohl nicht eben allzugut angelegte Grotte, denn die natur zeigte zwar allhier einem Künstler die allerschönste gelegenheit, ein Meisterstück zu machen, allein entweder war der Wirt kein besonderer Liebhaber von dergleichen, oder es mochte ihm vielleicht an Mitteln fehlen, ein kostbares Grottenwerk anlegen zu lassen. Unterdessen betrachtete Elbenstein erstlich die Wunder der natur und wie das allerklärste wasser bald hier, bald dort aus den Felsenlöchern heraussprützete, hernach setzte er sich in einen von Moos zugerichteten Schlafstuhl, worin zwei Personen gar kommode nebeneinander sitzen konnten. Er wünschte schon wieder, seine geliebte Baronne an diesem angenehmen Orte bei sich zu haben, weil aber dieser Wunsch vergebens, so verfiel er in tiefe Gedanken, aus welchen er sich erstlich