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sie denn also zu reden anfing: "Ich muss Euch doch, mein Liebster, meine begebenheiten vollends auserzählen!

Als wir, wie gestern gemeldet, aus dem Kloster glücklich entwischt und morgens ungefähr drei Stunden nach Aufgang der Sonnen schon eine ziemliche Anzahl italiänischer Meilen zurückgelegt hatten, jedoch immer uns von der grossen Heerstrasse abgeschlagen hatten, wurden meine Begleiter gewahr, dass drei Personen hinter uns hergeritten kamen, weswegen der junge Graf mit drei der Seinigen hinter dem Wagen blieb, zwei aber mussten vorausreiten, denn das herz mochte ihm schlagen, dass uns etwa möchte nachgesetzt werden; allein die Furcht verschwand, da er bemerkte, dass dieselben taten, als ob sie gar nicht zusammengehöreten, indem sie ganz weitläuftig voneinander ritten und sich endlich bei einem Scheidewege gar teileten, so dass der eine seinen Weg rechter Hand nach dem wald zu nahm, der andere linker Hand nach dem Gebürge, der dritte aber auf unserer Strasse hinter uns herritte. Wir schlugen uns bald hernach ebenfalls linker Hand nach dem Gebürge zu, wo der Graf in einem Flecken, der diesseit eines mässigen Flusses lag, frische Pferde bestellet hatte, die auch, sobald wir den Flecken erreichten, gleich parat stunden. Unter der Zeit, da ausgespannet wurde, reichte der Graf mir und der Olympia zwei Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Bouteille Wein in den Wagen, liess aber niemanden sehen, wer drinnen sass. Allein, o Himmel, da unsere ermüdeten Pferde zurückkehreten, kehreten auch die frischen zurück. Der Graf fragte, was diese Possen bedeuten sollten, allein es gab ihm niemand Antwort, hergegen kamen augenblicklich aus einem haus ungefähr zwölf bewehrte Mann herausgesprungen, welche nicht allein den Wagen umringelten, sondern auch von unsern zu Pferde sitzenden Begleitern verlangten, dass sie sich gefangengeben sollten. Wie nun der Graf mit den Seinigen sich hierzu nicht verstehen wollten, sondern nach den Pistolen griffen, kam es zum Feuergeben, über welche Komödie mir eine Ohnmacht zustiess. Da ich mich aber von derselben wieder rekolligiert hatte, befand ich mich in einem schlechten Zimmer auf einem gemeinen Ruhebette liegend. Meine erste Frage an die Olympia war: 'Ach, was macht mein Graf, lebt er noch oder ist er erschossen?' Olympia gab weinend zur Antwort: 'Er lebt zwar noch, allein er hat der Menge und der Gewalt weichen und die Flucht ergreifen müssen.' Ich will, Weitläuftigkeit zu vermeiden, nicht melden, wie ich mich mit der Olympia überworfen, dass sie mich zu dieser desperaten Reise beredet, zumalen da ich in verzweifelten Ängsten stunde, ob der Graf lebendig oder tot wäre, jedoch kurz zu melden, wenige Zeit hernach erfuhr ich, dass er zwei von seinen Angreifern mit eigener Hand erschossen, seine Begleiter hatten auch drei zu Boden gelegt, hergegen hatten die Angreifer nur einen von seinen Leuten erschossen und drei blessiert, worunter der Graf selbsten gewesen, dem eine Kugel ein Stück Fleisch von der rechten Schulter abgerissen, worauf, da er gesehen, dass es unmöglich, sich und mich zu retten und zu helfen, er das Reissaus gegeben und, ob ihm gleich noch etliche Kugeln nachgeschickt worden, dennoch insoweit glücklich fortgekommen.

Ich habe an selbigem Orte weder Speise noch Trank zu mir genommen, auch weiter kein Wort geredet, viel weniger die darauffolgende Nacht ein Auge zugetan, stunde aber sehr früh auf und ging in der stube herum spazieren. Olympia redete mir zu, fragte bald dieses, bald jenes, allein ich antwortete kein Wort, ob man auch gleich verschiedene Delikatessen, so gut sie an diesem kleinen Orte zu bekommen waren, mir vorsetzte und Olympia mich mit Tränen bat, auch mir mehr als einen Fussfall tat, so blieb ich doch auf meinem kopf und tat, als ob ich nicht sähe, nicht hörete und nicht reden könnte.

Endlich, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen kam eine alte reputierliche Frau, welche sich sehr submiss gegen mich erwies und bat, ich sollte mir doch aus der ganzen Sache nur keinen Kummer machen, die durchl. Eltern wären schon über die Hälfte ausgesöhnet und würden den kleinen Liebesfehler bald vergessen, inzwischen wäre der Wagen schon angespannet, ich sollte nur befehlen, um welche Zeit ich abfahren wollte. Anstatt mit dem mund zu antworten, nahm ich meine Masque und Kappe, lief als ein verwirrtes Mensch zur Tür hinaus und setzte mich in den Wagen, Olympia tat dergleichen, und also fuhren wir fort, aber nicht so schnell als vorher, da der Graf kommandierte. Wir hielten unterwegen zweimal stille und bekamen frische Pferde, da mir denn Speise und Trank angeboten ward, allein ich nahm nichts, gab auch auf alle Reden nicht die geringste Antwort. Endlich gelangeten wir, da es schon dunkel worden, wieder zurück im Kloster an, wo ich von der Äbtissin mit einer gelassenen Miene empfangen und ermahnet wurde, gutes Muts zu sein, es würde dieses Vergehen weiter keine sonderlich verdrüsslichen Folgerungen nach sich ziehen. Allein auch diese konnte kein Wort aus mir bringen, sondern ich sass in einem Schlafstuhle mit unterstützten haupt und schloss die Augen feste zu, als ob ich schliefe, weswegen die Äbtissin, nachdem sie länger als eine halbe Stunde vergeblich auf ein Wort von mir gewartet, endlich gute Nacht nahm und sich hinweg begab. Hierauf fing ich an, mich selbsten auszukleiden, weiln ich aber nicht überall zurechtekommen konnte, so musste dennoch geschehen lassen, dass mir Olympia zu hülfe kam, sobald ich aber die Kleider vom leib hatte,