1738_Schnabel_089_71.txt

, dass ich folgenden Brief an den jungen Grafen aufsetzte:

Mein liebster Graf!

Das Verhängnis hat nicht gewollt, dass unsere Liebe und geschworne Treue zur Vollkommenheit gedeihen sollen, deswegen hat es mich als eine Gefangene zwischen die Klostermauren geführt, ob ich nun gleich eben noch keinen besonderen Appetit zu dieser zwungen, dem Verhängnisse stillezuhalten. Vielleicht gibt mir der Himmel in Zukunft andere Gedanken ein, dass mir die Einsamkeit etwas süsser vorkömmt. Ihnen hergegen wünsche ich alles vollkommene Vergnügen und glaube, dass Sie selbiges bei einer von meinen Schwestern schon finden werden, weil das Glück mir abgünstig ist, Ihnen zuteil zu werden, da ich mir doch schon im geist vorgebildet, bei Ihnen und Ihrer Gesellschaft ein Himmelreich auf Erden zu finden. Es stehet Ihnen frei, fernerweit an mich zu gedenken oder mich gänzlich zu vergessen, ich aber werde dennoch Ihre liebste person sehr öfters in Gedanken küssen, mein unglückliches Schicksal in der Stille beklagen und auch in der Einsamkeit verbleiben,

mein liebster Graf,

Dero

getreue Freundin.

Olympia approbierte dieses Schreiben, hatte aber wider mein Wissen noch eins von ihrer Hand beigelegt, dessen Inhalt ich nicht ausführlich weiss, es würde auch nur viel zu weitläuftig fallen, alle Umstände zu erzählen, deswegen will mich der Kürze befleissigen. Mein Herr Vater bleibt ganzer acht Tage mit seinen Gästen und meinen Schwestern auf dem Lustschlosse, wo sie sich bald mit Jagen, bald mit Fischereien, bald auf andere Art die Zeit passieren. Meine Frau Mutter aber schickt einen Expressen dahin und lässt melden, dass zwar sie vor ihre person von der zugestossenen Maladie wieder genesen, hergegen hätte ich einen desto gefährlichern Zufall bekommen, so dass sie einen Medicum holen und mich unter der Aufsicht der Äbtissin im Kloster zurücklassen müssen. Sie aber hätte sich, um in der Nähe zu sein, wieder auf die gewöhnliche Residenz begeben. Der junge Graf glaubet dieses und ist meiner Maladie wegen sehr bekümmert, noch selbigen Abends aber, da er mit den Meinigen in unserem Residenzschlosse eingetroffen, werden ihm durch die listige Klostergärtnerin meine und Olympiens Briefe zupraktizieret, welcher er zu warten befehlen lässt und noch selbige Nacht folgende Antwortszeilen an mich zurücke schreibt:

Durchlauchtigste Prinzessin,

allerangenehmste Beherrscherin

meines Herzens!

Die erste Nachricht, dass Dieselben im Kloster von einer neuen Unpässlichkeit überfallen worden, hat in meiner Brust eine solche schmerzliche Bangigkeit erweckt, dass ich fast nicht zu bleiben gewusst, mitin an den angestelleten Lustbarkeiten den allergeringsten teil nehmen können. In was vor jämmerliche Bestürzung ich aber vollends durch Ew. Durchl. an mich abgelassenes Schreiben gesetzt worden, kann kein Mensch begreifen als ein solcher, der einsmals so heftig geliebt hat, als ich Sie, meine Göttin, liebe. Nimmermehr ist es ein himmlisches Geschicke zu nennen, dass Dero allerschönster Körper in den Klostermauren eingeschlossen sein soll, sondern das ganze Werk ist vom Neide und Missgunst angesponnen worden. Dero Durchl. Eltern wollen mir von ihren Prinzessinnen keine andere als die älteste geben, allein ob ich gleich an derselben Schönheit nichts auszusetzen habe, so bemerke doch, dass ihre Gemütsbeschaffenheit mit der meinigen nicht übereinstimmet. Demnach wäre keine gewissere Folgerung zu hoffen als eine unvergnügte Ehe. Sind aber Ew. Durchl. annoch gesonnen, mir, Dero getreusten Knechte, das getane Versprechen zu halten, so ist zu unserer Vereinigung kein anderes Mittel mehr übrig, als dass ich Anstalten mache, Dieselben aus dem Kloster zu entführen. Es wird der Frau Olympia an guten Einschlägen nicht ermangeln, und meine Veranstaltungen sollen auch schon so eingerichtet werden, dass an einem glücklichen Ausgange der Sache nichts fehlet. Sind wir nur einmal auf kaiserlichen grund und Boden, so wird unsere Sache bald gut gemacht werden, weiln mein Herr Vater bei ihr kaiserl. Maj. in besonderen Gnaden stehet, mitin Dero Durchl. Eltern unsers vermeintlich begangenen Verbrechens halber gar leichtlich können ausgesöhnet werden. Ew. Durchl. bitte aus untertänigst-getreuster Liebe, sich die Sache nicht zu schwer vorzustellen, sondern, wenn Dieselben mein Ihnen einzig und allein gewidmetes Leben erhalten wollen, diesen Vorschlag einzugehen und mir je ehr je lieber Zeit, Ort und gelegenheit zu bestimmen, da ich denn unter dem Vorwande, mit Erlaubnis meines Herrn Vaters eine Reise nach Vicenza zu tun, nachher binnen wenig Tagen dieses Dessein mit Beihülfe des himmels glücklich auszuführen verhoffe, Dero überirdische person in Freiheit und Sicherheit zu bringen, denn ich sonsten ohne Dieselbe als der allerunglückseligste und allerunvergnügteste Mensch leben müsste, wenn nicht der barmherzige Himmel mich durch einen baldigen Tod von der Welt abforderte. Ich wünsche, dass die Liebe bei Ihnen einen Vorspruch meinetwegen tun möge, und beharre bis ins Grab

Ew. Durchlaucht

meiner himmlischen Prinzessin

ewig getreuer

H.

Ich war schwer an diese Sache zu bringen, jedoch weil nicht nur Olympia mir alles ganz leicht machte, sondern auch die grosse Liebe, die ich gegen den Grafen trug, mich anreizte, meine person ihm in die hände zu spielen, als ward vermittelst noch fernern Briefwechsels die Sache dergestalt eingerichtet, dass der junge Graf mit einer zugemachten Chaise und guter Begleitung in einer dazu bestimmten Nacht ausserhalb der Klostermauren, die gegen Abend stossen, ankommen und sowohl mich als die Olympia hinwegholen sollte. Der Ausgang war uns sehr leicht, denn Olympia hatte die Schlüssel zu den grossen eisernen Gartentüren durch den Gärtner in Wachs abdrücken und also Nachschlüssel verfertigen lassen. Wir kamen also eine Stunde nach Mitternacht glücklich hinaus, der Gärtner schloss hinter uns wieder zu, und wir trafen den jungen Grafen mit fünf andern Personen