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also auch zur Ruhe, frühmorgens aber, da ich erwachte, reichte mir Olympia ein versiegeltes Billett, welches meine Frau Mutter durch eine Nonne an mich geschickt, dessen tröstlichen Inhalt ich also gesetzt befand:

Mein liebstes Kind!

Ihr habt Euch ein wenig allzufrüh von der Liebe überwunden lassen, welches Ew. Durchl. Herrn Vater und mich selbst nicht wenig verdrüsslich gemacht. deswegen haben wir vors ratsamste zu sein erachtet, Euch an diesen verwahrten Ort unter die Aufsicht unserer werten Freundin, der Äbtissin, zu bringen. Ihr werdet auch nicht von dannen herauskommen, bis werdet Ihr nicht leiden, sondern standesmässig traktieret werden, auch solche angenehme Divertissements zu geniessen haben, wobei Ihr die liebes- und Heiratsgedanken vielleicht vergessen könnet. Ich bitte von nun an den Himmel, dass er Euch andere Gedanken und die Lust einflössen möge, Eure ganze Lebenszeit in diesem schönen Kloster zuzubringen, weil darinnen weit vortrefflicher Vergnügen zu finden als ausserhalb desselben in der wollüstigen Welt. Dem Fleische wird es zwar anfänglich etwas sauer ankommen, nachgerade aber werdet Ihr den würklichen Vorschmack der himmlischen Ergötzlichkeiten darinnen finden. Ich bin heute früh mit anbrechenden Tage, gottlob! gesund von hier ab- und nach haus gereiset, werde Euch aber mit nächsten wieder besuchen. In sicherer Hoffnung, dass Ihr Euch als eine gehorsame Tochter dem Willen Eurer Eltern ohne Murren unterwerfen werdet, beharre

Eure

jederzeit getreue Mutter.

Ich kann nicht leugnen, dass mich das Verfahren und der listig gespielte Streich von meiner Frau Mutter dergestalt heftig verdross, dass ich in die Lippen biss und das Blatt in meinen Händen zu einer Kugel machte. Olympia, welche sowenig als ich an dergleichen Händel gedacht hatte, erschrak recht über mein Beginnen und sagte: 'Behüte Gott, Kind! Was heisst das?' 'Was heisst's?' gab ich zur Antwort, 'wir sind alle beide Gefangene, meine Schwestern sollen alle beide Männer haben, ich aber eine Nonne werden, da mir doch nimmermehr sonderlich durch Zwang Nonnenfleisch wachsen soll.' Olympia wurde ebenfalls bestürzt, zumalen da ihr das Hofleben, ungeachtet sie meine Mutter sein können, dennoch weit anständiger war als das Klosterleben. Ich gab ihr den Brief zu lesen, worauf sie zu mir sprach: 'Wenn man uns so listigerweise hintergehen will, müssen wir auf eine Gegenlist bedacht sein, lasset mich nur machen, mein Kind, was ich will, und folget in allen Stücken meinem Rate. Vor allen Dingen müsset Ihr Euch anstellen, als ob Euch nichts angenehmer auf der Welt wäre als das Klosterleben, damit wir nur desto mehr Freiheit behalten und in Zukunft erlangen. Mittlerweile will ich schon gelegenheit finden, dem jungen Grafen Briefe zuzubringen, und wenn kein ander Mittel helfen will, so soll er uns alle beide entführen.' 'Was würde', war meine Gegenrede, 'dem jungen Grafen mit einer Prinzessin ohne das geringste Heiratsgut gedienet sein?' 'Vors erste', replizierte Olympia, 'bin ich versichert, dass der junge Graf aus allzu heftiger Liebe bloss auf Eure person siehet, und vors andere, wenn wir erstlich in Sicherheit gebracht sind, werden sich Eure Eltern schon zum Ziele legen müssen.'

Auf diese Reden blieb ich etwas in Gedanken vertieft, liess mich aber ankleiden, und da solches kaum geschehen, liess sich die Äbtissin bei mir melden. Ich liess zurücksagen, dass mir ihre Visite sehr angenehm sein würde, nahm auch unterdessen auf Einraten der Olympia eine recht fröhliche Miene an und empfing die Äbtissin wider ihr Vermuten auf eine recht lustige Art. Sie trunk mit mir Tee und konnte nicht lange hinter dem Berge halten, sondern fragte bald, was mir meine Frau Mutter zugeschrieben. Ich gab ihr ganz freimütig zur Antwort: 'Dieses, dass sie, meine durchl. Eltern, mich zum Klosterleben bestimmt haben. Hiermit tun sie mir nicht den geringsten Tort, weil ich von Jugend auf in meinem Herzen weit stärkeren Appetit zum Klosterleben als zum Heiraten verspüret. Nur dieses ist mir einigermassen empfindlich gewesen, dass sie mich listigerweise hereingebracht, jedoch es ist schon vergessen und vergeben, denn es sind meine Eltern. Leugnen kann ich nicht, dass der junge Graf von H. mein Herz gewaltig bestürmet, ihn zu lieben, muss auch gestehen, dass ich ihn sehr gewogen bin, jedoch weil meine durchl. Eltern eine eheliche Verbindung mit ihm nicht vor genehm halten, kann ich mir seine person und alle Liebesgedanken ohne besonderen Kummer aus dem Sinne schlagen. Ich glaube, er wird es auch mit leichter Mühe tun, weil wir sehr wenige und kurze Zeit miteinander umgegangen sind, zumalen wenn er mich nicht mehr siehet.' Die Äbtissin erstaunete über meine Gelassenheit, indem sie sich vorher eingebildet, dass sie mich in grösster Verwirrung antreffen würde. deswegen lobte sie meinen Vorsatz, in Meinung, dass sie mit der Zeit eine der vollkommensten Nonnen aus mir ziehen würde. Ich wurde aufs propreste traktiert und bedient, hatte auch in Wahrheit fast vergnügtern Zeitvertreib als an unserm hof, bei welchem, wenn keine Frembde da waren, alles ganz stille zuginge. Unterdessen, ob ich meine Affekten gleich ungemein verbergen konnte, merkte ich dennoch bei mir selbst, dass ich den jungen Grafen, da ich das Glück nicht mehr hatte, ihn zu sehen, nunmehr erstlich recht vollkommen liebte. Olympia hatte, ehe fünf oder sechs Tage vergingen, des Klostergärtners Frau vermittelst einiger kleinen Geschenke schon vollkommen auf ihre Seite gebracht, also beredete sie mich