1738_Schnabel_089_7.txt

gleich gehoben, da ihm die Alte einen Schlüssel zeigte, vermittelst dessen in den Garten, welcher an sein Zimmer stiess, zu gelangen wäre; nebst diesen zeigte sie einen andern Schlüssel, mit welchen sie die Hintertür des Hauses eröffnen könnte, worin die Dame wohnete. Hiernächst riet ihm die Alte, dass er sich bei dem Essen müde stellen sollte, damit sich der Wirt desto eher bei ihm beurlaubte, da sie sich denn zu gehöriger Zeit einfinden und ihn an denjenigen Ort führen wollte, wo er den Überfluss alles Vergnügens antreffen würde.

Wer gern tanzt, dem ist leichte gepfiffen, pflegt man in gemeinem Sprichworte zu reden. Es war ohnedem Elbensteins Sache nicht, diese schöne gelegenheit auszuschlagen, und wenn er sich auch gleich darbei einiger Gefahr exponieren müssen. deswegen versprach er der Alten, nebst Darreichung eines Goldstücks, sich auf ihre Klugheit und weise Führung zu verlassen, worauf sich denn diese sogleich in die Küche begab und vorstellete, dass der Kavalier, als ein deutscher hungriger Wolf, bald zu essen und bald hernach zu schlafen verlangte. Der Wirt verabsäumete nicht, ihn bald zu befriedigen, brachte demnach erstlich die speisen, welche Elbenstein, als ein junger 22 jähriger Mensch, nebst einer guten Bouteille Massiniziererweine sich wohl schmecken liess. Der Wirt war zwar curieus zu wissen, wes Standes er und was seine Verrichtung etwa dieses Orts wäre, allein er gab sich bloss vor einen Passagier aus, der, um Welschland zu sehen, von einem Orte zum andern reisete und sich, wo es ihm gefiele, zwei, drei oder auch wohl mehr Tage aufhielte; wie er denn seinem Diener auch schon so gestimmt, um auf einerlei Rede zu bleiben. Hierauf gab der Wirt zu vernehmen, dass, obgleich dieser Ort nicht allzugross und volkreich, dennoch selbiger von langen Jahren her berühmt und in der Historie deswegen bekannt wäre, weil vor alters der berühmte Poet damaliger Zeit, Franciscus Petrarcha, daselbst gewohnt und unter andern sinnreichen Gedichten und Schriften auch viele Verse auf seine geliebte Laura gemacht. Das Haus, worin er gewohnet, stünde noch, und die Katze, welche seine Schriften vor den alles zernagenden Ratten und Mäusen verwahret, wäre noch über der Tür seiner Studierstube einbalsamiert zu sehen.

Elbenstein bezeugte demnach dieser und anderer Kuriositäten wegen, welche ihm von dem Wirte in aller Kürze hererzählet wurden, ein Verlangen, einige Tage dazubleiben und sich in diesem Städtgen und dessen angenehmen Revier recht umzusehen; weil er sich aber vor dieses Mal nach eingenommener Mahlzeit ganz schläfrig anstellete, als liess der Wirt die speisen abtragen und wünschte ihm eine geruhige Nacht. Unter währenden speisen hatte die alte Ruffiana der Dame die Ankunft ihres geliebten Kavaliers gemeldet, kam also etwa eine Stunde nach des Wirts Retirade zu ihm hinauf und brachte zur Nachricht, dass die Dame sich über sein Dasein ungemein erfreute und das Vergnügen zu haben verhoffte, ihn diese Nacht um zwei Uhr (welches nach unserer gewöhnlichen deutschen Uhr um zehn ist) bei sich zu sehen. Da nun Elbenstein versicherte, dass es an ihm nicht ermangeln sollte, ihr seine Aufwartung zu machen, versprach die Alte, ihn zu bestimmter Zeit abzurufen, mittlerweile sie nur die übrigen Gäste bei Abwesenheit des Wirts und der Wirtin, als welche beide sich sehr zeitig zu Bette zu legen pflegten, behörig zu akkommodieren und ebenfalls zu Bette zu schaffen bemühet sein wollte.

Ob nun schon Elbenstein von der Reise in etwas ermüdet war, so beschloss er dennoch, die zwei Stunden, so er ungefähr noch auf sein Vergnügen zu hoffen hatte, mit wachenden Augen zuzubringen, um der Dame nicht als ein verschlossener Düstelkopf entgegenzukommen. Allein da er kaum eine Viertelstunde im Schlafstuhle gesessen und sich den bevorstehenden Zeitvertreib gar zu angenehm vorgestellet hatte, fielen ihm die von der scharfen Luft ermüdeten Augen ganz ungefähr zu, weswegen ihn denn die alte Ruffiana kurz zuvor, ehe die Glocke zwei Uhr anzeigte, im sanften Schlafe antraf. "Oh!" sagte sie, "was will daraus werden, mein Herr, wenn Ihr ein so grosser Liebhaber des Schlafs seid?" "Kehret Euch an nichts", sagte Elbenstein, "nun habe ich schon vollkommen ausgeschlafen und will mit einem jeden, wer es auch sei, drei Tage und drei Nacht um die Wette wachen." Die Alte lachte über ihren besten Zahn, ermahnete ihn aber, sich nicht lange zu säumen, weswegen er seinen Hut und Seitengewehr nahm und sich von ihr, weil sie eine kleine Blendlaterne in Händen hatte, durch den Garten in das nächstgelegene Haus führen liess. Die Alte hielt sich, nachdem sie die Tür eines Zimmers eröffnet, welches durch nicht mehr als zwei auf dem Boden stehende Wachslichter erleuchtet wurde, nicht lange auf, sondern nahm ihren Rückweg und schloss die tür ab. Elbenstein ging etlichemal im Zimmer auf und nieder, da aber keine lebendige Kreatur zum Vorscheine kommen wollte, wurde er stutzig und blieb mitten im Zimmer stehen. Endlich öffneten sich die Tapeten, und es kam etwas Lebendiges herausgetreten, welches er auf den ersten Anblick vor nichts anders als vor einen Geist hielt, denn ausser der Gestalt eines verhülleten Menschenkopfs hatte es von oben bis untennaus einerlei Taille, und zwar ganz weiss bekleidet. Es fehlete nicht viel, dass er nicht ausrief: Alle guten Geister!, denn sein Erschrecken war ungemein gross, zumalen da dieser Geist auf ihn zugegangen kam. Er tat etliche Schritte zurücke und griff in der Angst nach seinem Degen; indem rief dieser eingebildete Geist: