Frau, welche uns heute bei Tische bedienet hat und deren Brust ich gesogen, die auch seit der Zeit beständig sozusagen meine Hofmeistern geblieben ist): 'Kind! sagt mir, was fehlt Euch!' 'Ich weiss es selbst nicht', war meine Antwort. 'Eröffnet mir', redete sie weiter fort, 'was Euch ängstiget, vielleicht kann ich Euch Rat schaffen.' 'Ach!' sagte ich, 'krank bin ich, aber ich kenne meine Krankheit nicht.' Sie lachte über meine Reden und sprach: 'Den neuen Mond habt Ihr nunmehr dreimal ritterlich überwunden, und zwar erstlich noch vor wenig Tagen, allein ich sterbe darauf, Ihr seid verliebt, sagt mir nur, wen Ihr liebt, ich will Euch hülfe schaffen.' Weil ich nun wusste, dass Olympia (so heisst diese meine Amme) mich so sehr liebte als ihre Seele, nahm ich mir kein Bedenken, ihr mein herz zu offenbaren. 'Ist das nicht ein Wunder!' sagte hierauf Olympia, 'warum könnet Ihr doch nur so heimlich sein. Sorget vor nichts, denn wenn Eure beiden Schwestern alle ihre Schönheit zusammenspielen und noch zehnmal mehr dazu borgen oder kaufen, so kommen sie der Eurigen doch nicht bei. Lasset mich sorgen, ich habe längst gemerkt, dass der junge Graf Euch weit höher als sie beide schätzet, nur Euer allzu stilles Wesen hat ihn abgeschreckt, Euch eine Liebeserklärung zu tun, zumalen da er auch fast nicht die geringste gelegenheit dazu gehabt. Schlaft nur, schlaft ein wenig und lasset mich sorgen.'
Es waren diese Reden sehr tröstlich vor mich, weswegen ich auch wirklich einschlief und etliche Stunden sehr wohl ruhete. Da ich aber gegen Mittag kaum aufgewacht war, sagte meine Amme: 'Sehet! nicht allein ich, sondern der Himmel selbst sorget vor Euer Vergnügen, denn da ich auf der Galerie herum spazierengehe und Grillen mache, wie ich es klug genug anfangen will, an den jungen Grafen zu kommen, welcher mir, wie ich nicht leugnen kann, bishero schon verschiedene vortreffliche Présente gemacht hat, kommt dessen Bedienter, bringt mir einen Beutel nebst zwölf Zechinen mit inständigster Bitte, Euch, mein Kind! im Namen seines Herrn diesen Brief einzuliefern.'"
Unter diesen Reden stunde die Dame auf, langete aus ihrem Chatoull einen Brief und reichte ihn Elbensteinen, welcher denselben also gesetzt befand:
Allerschönste Prinzessin.
Ew. Durchl. gestrige Reden haben mein Gemüt auf der Stelle in eine solche schmerzensvolle Betrübnis gesetzt, dass ich eine andere Unpässlichkeit simulieren musste, um nur von andern vergnügten Personen hinwegzukommen. Da ich aber noch, ehe ich mich zur Ruhe gelegt hatte, erfuhr, dass Ew. Durchl. einer Appartement begeben hätten, wusste ich mich vollends nicht zu fassen. Die ganze Nacht hindurch ist kein Schlaf in meine Augen gekommen, sondern ich habe beständig den Himmel um die Wiederherstellung Dero höchstkostbarn Gesundheit angeflehet. Ach! darf denn Dero Knecht eine untertänigste Anfrage tun, ob es heute besser mit Ihnen ist, und wollen Dieselben meiner Freimütigkeit Pardon geben, da ich mich nicht getraue zu sagen, wo selbige herrühret. Sie sind viel zu leutselig, Durchl. Prinzessin, als dass Sie mich dieser Kühnheit wegen zum tod verurteilen sollten, ist aber seiten meiner dennoch ein Verbrechen vorgegangen, so bittet, dass er kniend Vergebung suchen darf,
Durchl. Prinzessin
Dero getreuster H.
Als Elbenstein der Dame den Brief mit einem höflichen Kompliment wieder zurückgegeben, fuhr selbige in Erzählung ihrer geschichte also fort:
"Der Inhalt des briefes war mir, wie ich nicht leugnen kann, sehr angenehm, allein sobald ich ihn gelesen, schrie ich: 'Olympia! Ihr wollet mich zu einer Närrin machen! Nimmermehr hat der junge Graf diesen Brief geschrieben, sondern Ihr habt denselben durch jemand anders schreiben lassen, um mir eine sund zu machen.' Da aber Olympia so gar teure Schwüre tat, dergleichen ich noch niemals von ihr gehöret, gab ich ihr endlich Glauben, überlas den Brief noch etlichemal, musste aber denselben plötzlich unter das Bette stecken, weiln meine Frau Mutter mich zu besuchen ankam. Es geriete mir zum besonderen Vergnügen, dass sie sich dieses Mal nicht gar lange bei mir aufhielt, sondern nur erinnerte, dass ich im Bette bleiben, mich fein warm halten und fleissig Arzenei gebrauchen sollte, der Olympia aber zu verstehen gab, dass sie sich auf ihre gute Vorsorge verliesse.
Meine Frau Mutter war kaum zur Tür hinaus, als Olympia sagte: 'Ja, mein Kind! wenn wir nur den rechten Doktor herbitten dürften, allein, wollet Ihr denn dem schönen Grafen nicht mit ein paar Zeilen antworten?' Ich stunde lange bei mir an, ob ich es auf den ersten Brief schriftlich tun wollte oder nicht, doch endlich, weil mir Olympia gar zu beweglich zuredete, machte ich mich aus dem Bette und schrieb folgende Zeilen:"
Dieses Konzept langete sie auch aus dem Chatoull und gab es Elbensteinen zu lesen. Es lautet also:
Werter Herr Graf!
Ich bedaure sehr, dass ich eine Ursächerin Ihrer schmerzlichen Betrübnis und der daraus entstandenen ich aber viel zu gewissenhaft, jemanden unruhig zu machen, so bedaure von Herzen, dass Sie nicht ruhig schlafen können. Vielleicht sind's andere Ursachen, als die Sie angeführet haben. Inmittelst bin sehr verbunden vor Dero gütiges Mitleid, welches Sie mit meiner Schwachheit gehabt, wünsche Ihnen baldige vollkommene Besserung, mit mir ist es