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nahm und ihn zur Tafel führte, welche sich, kurz zu sagen, fürstlich präsentierte; es waren aber keine andern Bedienten zugegen als eine einzige alte Matrone, welche jedoch noch ganz fein aussahe und wohl gekleidet war. Diese bediente alle beide, und die Dame scheuete sich nicht, in ihrer Gegenwart Elbensteinen zu küssen, auch sonsten ihm allerhand Karessen zu machen. Solange als sie speiseten, ging das Glockenspiel und spielete dasselbe allerhand angenehme Arien, Menuetten und dergl. Wenn es auch abgelaufen, stellte es die Matrone von neuen an, dieses war nun nicht allein zur Tafelmusik bestimmt, sondern Elbenstein erfuhr, dass, solange dieses Spielwerk gehöret würde, sich keines von ihren andern Bedienten unterstehen dürfte, ohnangemeldet in dieses Zimmer zu kommen. Die Anmeldung aber geschahe mit einem Hammer, welcher auf eine über der Tür hangende silberne Schale schlug, die einen gröbern Ton von sich gab als die Glöcklein im Glokkenspiele. Sooft nun diese ertönete, ging die alte Matrone hinaus und fragte, was anzubringen wäre. Hergegen waren in allen Zimmern wieder andere Ringel und Drahte, vermittelst derselben die Dame ihre Bedienten herbeirufen konnte, weil sie die auswärtigen Hämmer zogen, dass sie ebenfalls mit Glocken schlugen.

Beide sassen über zwei gute Stunden bei der Tafel, worauf ihn die Dame wieder zurück in das erstere Zimmer führte, wohin die Alte etliche Bouteillen, teils mit Wein, teils mit wasser angefüllet, wie auch ein Brettspiel bringen musste. Erstlich gingen beide Verliebte eine gute Weile im Zimmer herum spazieren, da sie aber nachher ungefähr sechs oder acht Spiele gespielet, stunde die Dame auf, umarmete und küssete Elbensteinen und sagte mit einer liebreichen Miene: "Mein Engel! nehmet mir nicht ungütig: diese Kleidung ist mir jetzt etwas zu schwer und unbequem, ich werde Euch auf eine kurze Zeit verlassen und mir etwas leichtere Kleider anlegen lassen. Damit Ihr es aber auch wisset, ich habe Euer Logis verändert, Ihr habt dasselbe nunmehr auf dieser Seite gleich neben mir." Hiermit eröffnete sie auf der andern Seite hinter den Tapeten eine Tür und führte ihn erstlich in sein Zimmer, wo er hinfüro schlafen sollte, mitin war es so beschaffen, dass ihr und sein Bette nur durch eine Wand voneinander unterschieden waren. Hernach führte sie ihn durch noch eine tür in ein propre aufgeputztes Zimmer, worin er seine Bequemlichkeit bei Tage gebrauchen könnte, und gleich bei diesem war die kammer, worin die Stummen als seine Aufwärter ihre Bequemlichkeit und Lager haben sollten, von welchen er kühnlich alles fordern dörfte, was er verlangte, indem wenigstens allezeit einer gegenwärtig sein müsste.

Elbenstein wusste in Wahrheit nicht, was er gedenken sollte. Die Freiheit war ihm von Jugend auf als die alleredelste Sache vorgekommen, jedoch auch in einer solchen prächtigen und wollüstigen Gefangenschaft zu leben, war seinem Temperamente nicht ganz und gar zuwider. Endlich sprach er zu sich selbst: 'Es sei, wie es sei, einmal vor allemal bist du ein Arrestante, musst durchaus Gehorsam leisten und abwarten, was es vor ein Ende nehmen wird. Der Himmel wird sich ja deiner erbarmen, weil er siehet, dass du gezwungen wirst.' Unterdessen, da er befürchtete, dass die Dame sein langes Stillschweigen übel auslegen möchte, küssete er derselben die Hand und sagte: "Meine Göttin, ich erstaune je länger je mehr, denn Sie traktieren mich ja über meinen Stand, und wenn ich gleich ..." "Schweiget mir davon stille", fiel sie ihm in die Rede, "weiln Ihr mein Allerliebster auf der Welt seid, so seid Ihr auch meines Standes. Nun aber bleibet hier, die Stummen werden sogleich bei Euch sein, ich aber will mich anders ankleiden lassen und Euch nachher selbst wieder abrufen, wenn ich erstlich ein wenig Mittagsruhe gehalten habe." Hierauf umarmete und küssete sie ihn noch etlichemal und ging sodann zurück in ihr Zimmer.

Elbenstein fand seine Sachen, auch sonsten alle Bedürfnisse vor sich in diesem seinen neuen Logis, auch sogar die Bibel und das Historienbuch, jedoch er hatte noch keinen Appetit zum Lesen, sondern eröffnete ein Fenster und bemerkte, dass dieses Schloss mit Wällen, doppelten Graben und Mauren umgeben war, sonsten aber konnte er weder Platz noch andere Gebäude sehen, wohl aber, dass auf dieser Seite ausserhalb der Mauer ein ziemlich starker Fluss1 vorbeilief, jenseit dessen aber konnte man nichts anders sehen als Wald und Feld. Er schöpfte solchergestalt in so vielen Tagen zum ersten Male wieder frische Luft, nach Verlauf einer guten Viertelstunde aber brachten die Stummen Koffee ne[b]st zwei Bouteillen Wein, sperreten aber die Augen gewaltig auf, als sie ihn in so propren Habite sahen, erzeigten sich deswegen weit devoter als jemals, indem sie sich vielleicht einbilden mochten, dass er ein geborner Prinz wäre. Er begegnete ihnen sehr freundlich und leutselig und bemerkte, dass sie sich über sein Wohlergehen freuten, hernach aber durch Zeichen fragten, ob er etwas Weiteres befehlen wolle. Wie er nun geantwortet hatte, dass ihm vorjetzo nichts mangelte, zeigten sie ihm den silbernen Draht, vermittelst dessen er sie rufen könnte, und begaben sich zurück. Er trank etliche Schälchen Koffee, nahm hernach das Historienbuch vor sich und mochte wohl beinahe zwei Stunden darinnen gelesen haben, als die Dame seine Tür eröffnete und zu ihm hereingetreten kam. Er stunde sogleich auf, dieselbe zu empfangen, sie aber war ebenso begierig, ihn zu umarmen, sagte anbei: "Nun habe ich ausgeschlafen. Warum habt Ihr es Euch