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der Meinige!

Wenn Du wohl geruhet hast, gereicht es zu meinen ausserordentlichen Vergnügen. Ich habe unvergleichlich wohl geruhet, weil ich Dich, meine Seele, wiederbekommen habe, da ich bishero nur ein blosser toter Körper gewesen bin. Ich bitte sehr, säume Dich nicht, zu mir zu kommen, weil ich einen ausserordentlichen Appetit empfinde, von Dir geküsset zu werden. Ja ich schmachte recht darnach. In Ermangelung Deiner Equipage schicke ich Dir inzwischen etwas in beikommenden Kästgen. Komme nur bald zu der

Deinigen.

Leichtlich ist's zu erachten, dass Elbensteins Gemütsbewegungen eine sonderbare Menuett en quatre in seinem kopf und Herzen mögen getanzt haben, allein er hiess die Musikanten, welche dazu aufspieleten, schweigen, eröffnete die Kiste und fand folgende Raritäten darinnen: ein rotscharlachen Kleid, stark mit Golde, ingleichen ein blaues, mit Silber bordiert, zwei Hüte, einer mit einer goldenen, der andere mit einer silbernen Espagne und kostbaren Agraffen, zwei Dutzent Handschuh, ein Dutzent seidene Strümpfe von allerhand Co[u]leuren, zwei Dutzent baumwollene Strümpfe, sonsten auch von weisser Wäsche als Ober- [und] Unterhembden und allen andern, was ein Kavalier vonnöten hat, zwei Dutzent Stück oder Paar von jeder Sorte. Über alles dieses lag noch ein Degen darbei mit einem silbernen, stark verguldeten Gefässe und ein Stock mit einem ganz goldenen Knopfe, der mit verschiedenen Edelgesteinen besetzt war.

Solchergestalt sah sich Elbenstein mit grössten Erstaunen vollkommen, und zwar aufs allerkostbarste, equipiert, weil auch die geringsten Kleinigkeiten, so man braucht, darbei befindlich waren, als nämlich Messer, Scheren, Spiegel, Kämme und dergleichen, und zwar alles aufs sauberste und kostbarste. Elbenstein verwunderte sich über nichts mehr, als dass ihm nicht allein alle Kleidungsstücke insgesamt, sondern auch sogar die Schuh, deren ein halb Dutzent darbeilagen, so akkurat passeten, als ob er sich das Mass dazu nehmen lassen. Nichts fehlete als Peruquen, allein selbige brauchte er nicht, weiln er ein blondes eigenes Haar trug, welches sich von natur in zierliche Locken legte.

Als er sich nun sattsam über dieses kostbare Présent verwundert hatte, fiel ihm die erhaltene Ordre ein, weswegen er sich in grösster Geschwindigkeit ankleidete, und zwar das blaue Kleid anlegte, hierauf mit Hut, Degen und Stock in dasjenige Zimmer ging, wo er abends vorher die Dame zum ersten angetroffen. Es währete kaum drei Minuten, so kam dieselbe in einem kostbaren Putz auch hineingetreten, sie trug ein hellrotes, mit Golde durchwürktes Kleid, und an dem Haupt- und Armschmucke blitzete alles dergestalt von dem Glanze der Edelgesteine, dass einem das gesicht hätte vergehen mögen. Allein Elbenstein gab hierauf anfänglich wenig acht, sondern seine Augen hafteten nur auf ihren unvergleichlichen Angesichte, welches er vorjetzo zum ersten Male beim Tageslichte sah und in seinem Herzen sich nunmehr völlig überzeugt befand, dass er zeitlebens kein schöneres und wohlgebildeteres gesehen. Ja Elbenstein wäre in Wahrheit abermals als ein steinern Bild stehengeblieben, wenn nicht die Dame selbsten auf ihn zugekommen wäre, ihn umarmet und geküsset hätte. Ihre ersten Reden waren diese: "Guten Morgen, mein Leben! Ach, du wirst unfehlbar nicht wohl geruhet haben, weil du so verdrüsslich aussiehest." "Nein, ihr Durchl.", gab Elbenstein zur Antwort, "ich finde mich im geringsten nicht verdrüsslich, sondern in einer erstaunenden Verwirrung über Dero überirdische Schönheit, indem ich sicherlich glaube, dass dergleichen in der ganzen Welt nicht mehr zu finden." "Du schmeichelst, mein Licht!" sagte sie, "ich weiss zwar wohl, dass ich eben nicht hässlich, doch aber auch nicht die Schönste bin, inzwischen, wenn ich nur das Glück habe, deinen Augen zu gefallen, bin ich vollkommen vergnügt, zumalen wenn ich merken werde, dass du mich so herzlich liebest als ich dich. Allein ich will durchaus nicht, dass du, wenn wir alleine beisammen sind, mich ihr Durchl. titulieren sollst, sondern nenne mich: mein Schatz! mein Kind! mein Vergnügen, oder wie es dir die Liebe sonsten eingibt."

Elbenstein küssete ihre Hand zu vielen Malen, sagte hernach: "Meine Göttin, ich bin erstaunet über das kostbare Geschenk, welches Sie mir durch die Stummen in einer Küste überschickt, womit ..."

Indem er weiterreden wollte, drückte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund und sagte: "Hiervon rede mir gar nichts, mein Liebster! sonsten werde ich böse. Diese Kleinigkeiten haben in Padua schon lange parat gestanden und auf dich gewartet." Hiermit gab sie ihm etliche Küsse und fragte hernach, warum er heute zum ersten Male das rote Kleid nicht angezogen hätte, zum Zeichen, dass er sie liebte und sich darüber freuete, denn die rote Farbe wäre ja ein Zeichen der Liebe und der Freude. "Sie sind meine Göttin", sagte Elbenstein, "und mein Himmel auf Erden, darum kam mir in die Gedanken, die himmlische Co[u]leur zuerst zu erwählen." "Ach, du bist eine allerliebste Seele", replizierte sie, "ja, du hast englische Einfälle; aber setze dich, mein Leben! und nimm mich eine kleine Weile auf deinen Schoss."

Elbenstein nahm diese schöne Last mit Vergnügen auf sich, und sie hielten also unter verschiedenen verliebten Gesprächen und Kurzweilen einander über eine gute Stunde in Armen, bis in dem Nebenzimmer ein angenehmes Glockenspiel das Zeichen gab, dass die speisen aufgetragen wären. Da denn die Dame ihren Kavalier bei der Hand