Elbenstein ohnmöglich unterlassen, selbiges zu bespielen und zu küssen, hernach aber eine tiefere und gründlichere Untersuchung anzustellen, weswegen die Dame zurücksank und ihm ein kleines Präludium spielen liess, hernach aber sagte: "Mein Erzengel! ich bitte mir ein bequemeres Lager und nur ein einziges Hauptkaressgen aus, weiln wegen des bisherigen Chagrins ein mehreres unserer Gesundheit nicht zuträglich sein möchte, indem wir alle beide entkräftet sind." Elbenstein half ihr zu einem bequemern Lager, allein es blieb bei dem einzigen Hauptkaressgen nicht, sondern es wurde mit beider Bewilligung ein zwiefaches Dakapo daraus; worauf die Dame sprach: "Mein Engel! auf dieses Mal bin ich vollkommen vergnügt, auch sehr müde, morgen mittags wirst du mit mir speisen, nachher werden wir noch viel miteinander zu sprechen haben. Voritzo aber, weil es ohnedem bald Tag sein wird, nimm ein Licht und begib dich wieder nach deinem Zimmer." Elbenstein war sogleich bereit zu gehorsamen, allein er musste dennoch vorher noch etliche 100 Küsse zollen, und endlich wurde auf beiden Seiten geruhige Nacht gewünschet. Sie blieb auf dem Ruhebette liegen, er aber begab sich des vorigen Weges zurück in sein Zimmer, ohne einigen Menschen unterwegs zu sehen. Weil er nun daselbst alles, was er brauchte, parat fand, als hielt er vor unnötig, die Klingel zu rühren, sondern zohe sich bald aus und begab sich zu Bette.
Er betete zwar sein Abendgebet, allein sehr verwirrt, denn es fielen ihm immer die fragen ein: Hältest du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ist das deine Busse und deine Bekehrung, oder wälzet sich die Sau nach der Schwemme wieder in den Kot, und frisset der Hund wieder, was er gespeiet hat? Rennest du nicht den geraden Weg zum tod und zur Höllen zu? Gehet dir's anders als dem Doktor Faust, der, als er die Fesseln des Teufels schon fast gänzlich von sich geworfen, dennoch vermittelst der schönen Helena sich selbige wiederum aufs neue anlegen liess und endlich vom Teufel geholet wurde? Geschicht's ja nicht, dass der Teufel deinen Körper holet und zerreisset, so dass die Gedärme auf den Bäumen behangen bleiben, wird's doch wohl genug sein, wenn er deine Seele bekömmt, denn der Leib wird sodann sein Logis ohnedem nirgends anders als im höllischen Schwefelpfuhle bekommen.
Diese Gedanken waren sehr gut, allein, nachdem er darüber eingeschlafen war, machte ihm der Satan ganz andere Gaukelspiele vor, die, ob sie gleich im Manuskript umständlich beschrieben sind, man doch herzusetzen Bedenken trägt. Kurz zu sagen, Elbensteins Gottesfurcht, Busse und Bekehrung wurde zum blossen Schattenspiele, alles ausgestandene Unglück wurde nach und nach in gänzliche Vergesslichkeit gestellet, und es prädominierte nichts bei ihm als die Wollust. Denn frühmorgens, da er aufstund, verrichtete er zwar ein leichtes Gebet in den Wind, bekümmerte sich aber bisheriger Art nach gar nicht um die Bibel, sondern setzte sich nieder und schrieb folgende Arie aufs Papier. Ob er dieselbe selbst verfertiget oder ob er sie von Olims zeiten her in Gedanken behalten, kann man nicht so wohl sagen, als dass er sie zu seinem besonderen Troste und Aufrichtung gebraucht haben mag. Weil aber diese Arie in der wenigsten Leser Händen sein möchte, findet man vor billig, dieselbe von Wort zu Wort herzusetzen:
1
Mein herz hat der Freiheit Gold verloren, Ich muss hinfort der Liebe dienstbar sein. Kaum da mein Mund die Dienstbarkeit verschworen, So reisst ein blick den schwachen Vorsatz ein. Verhängnis, Glück und Zeit, ihr Meister aller Sachen, Sagt, was wird endlich noch der Himmel aus mir
machen?
2
Ein fisch, der sich vom Angel losgerissen, Eilt nicht sofort dem falschen Köder nach. Ein Schiffmann wird den Strand zu meiden wissen, Wo ihn zuvor sein Schiff und Mast zerbrach; Und ich, ich Törichter! bleib an Charybdis hangen, Da schon mein Liebesschiff der Scyllen war
entgangen.
3
Doch, ach! wer kann die Hand zurücke ziehen, Wenn Venus uns beut ihren Nektar an? Vor Menschenwitz ist dies ein schwer Bemühen, Weil niemand hier als Engel leben kann. Ein Mund mag noch soviel von Zucht und Keuschheit
sprechen,
Es wird ein schön Gesicht ihm bald den Vorsatz
brechen.
4
Liess Davids Hand nicht Harf und Psalter liegen, Da Batseba sein herz setzt in Brand? Und Simsons Faust verlernete zu siegen, Als Delila ihn mit der Liebe band. Selbst Salomonis Witz und Weisheit ging verloren,
5
Kann Venus nun so starken Nektar schenken, Der Helden stürz[t] und Fürsten taumeln lehrt: Was Wunder denn, wenn sie mit Zaubertränken Mein herz hat auf einmal so betört. Ich wag es noch einmal, und fehl ich denn auch heute, So ist mein Fehler doch ein Fehler grosser Leute. O schöne Gedanken! o herrlicher Einfall! Ei vortreffliche Parodie auf die bishero mit inbrünstiger Andacht gelesenen Buss-, Bet-, Dank- und Lob-Psalmen Davids. So bellete der Hund in Elbensteins Gewissen, und er war wirklich im Begriff, das Blatt, worauf er diese Arie geschrieben hatte, wieder zu zerreissen, als eben jemand an die Stubentür pochte. Da er nun dieselbe eröffnete, sah er die zwei Stummen als seine Bedienten, welche eine ziemlich grosse Küste hereintrugen und ihm den in einen Brief versiegelten Schlüssel dazu einlieferten. Die Stummen gingen sogleich wieder zurück, Elbenstein aber erbrach vor allererst den Brief, worin der Schlüssel lag, und fand denselben also gesetzt:
Du