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auf ein in der andern Ecke stehendes Faulbette schleuderte und die Dame, welche ihren Mund nach dem seinigen erhub, umarmete und küssete. Als ihm aber ihre Gesichtsbildung, welche ein Ausbund aller Schönheiten war, nur auf wenige Blicke in die Augen gefallen und er das in ihrer allerschönsten Brust verschlossene bange herz auf seiner Brust klopfend fühlete, wurde er auf einmal plötzlich dergestalt weichherzig, dass er Kopf und arme zurücke sinken liess und in eine würkliche Ohnmacht verfiel, welche doch von keiner langen Daure war, indem ihm die Dame zum öftern ein Salvolatile vor die Nase hielt und unablässig küssete, welches letztere Cordial vor dieses Mal wohl die beste Operation tun mochte. Sie hatte ihren Arm um seinen Hals geschlagen, bald hielt sie ihm das Sal vor, bald küssete sie seinen Mund, Wangen und Augen, bis endlich Elbenstein seine Augen wieder eröffnete, da er denn mit schwacher stimme sprach: "Nun lassen Sie mich sterben, meine Göttin! Es geschicht mit Freuden und Vergnügen, weil ich mich wieder in Dero Gnade aufgenommen sehe; wie könnte es möglich sein, dass ich jemals einen sanftern und süssern Tod zu gewarten hätte." "Stirbst du, meine andere Seele!" sagte die Dame, "so überlebe ich dich keine Minute, sondern stosse mir doch selbst einen Dolch in die Brust." Indem sie dieses redete, benetzte sie Elbensteins Wangen mit ihren heissen Tränen, woraus dieser endlich ihre vollkommene Liebe und die Bereuung des Vergangenen schloss, weswegen denn in seinen Herzen alle angetane Marter auf einmal vergeben und sozusagen fast ganz vergessen war. "Ich lebe", sagte Elbenstein, indem er sie auf seinen Schoss nahm, "solange mich meine Göttin leben lässt, und sterbe ohne Murren, sobald sie es befiehlt." "Nein, mein Kind", versetzte sie, "lass uns alle beide leben und uns vollkommen vergnügen, wir haben gute Zeit dazu, denn mein alter Gemahl, welcher sich einbildet, dass ich von ihm schwanger sei, hat eine Tour nach Spanien getan, wird auch binnen Jahr und Tag schwerlich zurückkommen. Bei deinem Fürsten aber habe ich durch die dritte Hand wegen deiner Renommée alles wohl veranstaltet; deswegen du vor nichts besorgt sein darfst, denn alle deine Sachen hat er wohl verwahren lassen und wartet auf deine Wiederkunft, allein er kann immer noch ein wenig warten; unterdessen soll dir, mein Leben! aller Schade von mir vielfältig ersetzt werden." "Ach!" sagte Elbenstein, "Sie sind gar zu gnädig, ich bin mit dem Vergnügen zufrieden, und wer so glücklich ist als ich, kann immerhin alles im Stich lassen und sich zum land hinaus betteln." "Ach du kleiner Schmeichler!" sagte die Dame, indem sie ihm zugleich einen derben Kuss gab, "komm und folge mir in das Nebenzimmer, dass wir ein Glas Wein und einige andere Stärkungen zu uns nehmen können." Elbenstein folgte ihr nach noch vielen gegebenen Küssen in das Nebenzimmer, das nicht halb so gross als dieses war und worin ein Traisoir mit Wein und Konfekt stunde. Es war dasselbe mit so vielen Wachslichtern erleuchtet, dass es so helle als am Tage darinnen war, weswegen er desto füglicher die verwunderungswürdige Gesichtsbildung der Dame betrachten konnte, wobei er in seinen eigenen Herzen bekennen musste, dass er noch niemals dergleichen Wunderbild in natura, wohl aber als Kunststücke der Maler gesehen. Er konnte seine Augen fast nicht davon hinwegbringen, denn es wurde nichts gesprochen, weil beide die Mäuler voll hatten, endlich aber kam die Dame zu ihm, fiel ihm um den Hals und sagte: "Mein Leben! du bist in Wahrheit noch böse auf mich, weil du kein Auge von mir verwendest und doch so ernstaft dazu aussiehest." "Diese Ernstaftigkeit", gab Elbenstein zur Antwort, "welche ich etwa in tiefen Gedanken angenommen, stammet in Wahrheit von keiner Bosheit, sondern von einer besonderen Verwunderung her." "Worüber verwunderst du dich denn, mein Liebster?" sagte die Dame; worauf Elbenstein antwortete: "Über nichts mehr als über Dero unvergleichlich schöne Gesichtsbildung, dergleichen mir wahrhaftig zeit meines Lebens noch niemals vor die Augen gekommen ist." "Sage ich's nicht", widerredete die Dame, "dass du ein kleiner Schmeichler und Herzensdieb bist, aber mir hat doch auch zeitlebens kein Gesicht besser gefallen als das deinige." Weil sie nun eben nach Aussprechung dieser Worte eine kleine Makrone in den Mund steckte, bat sich Elbenstein dieselbe aus ihren mund in seinen Mund aus, worin sie ihm zwar willfahrete, jedoch dieselbe augenblicklich wieder auf die Art zurückforderte, mit dem Versprechen, ihm sodann noch mehr zu geben. Es passierte also eine artige Fresserei, und mit dem Weine ging es eben nicht anders zu, indem immer eins ums andere dem andern ein Maul voll gab, bis sie sich alle beide fast begeistert hatten.

Oh! was vor ein törichtes Ding ist es doch um die Liebe!

Die Dame stunde endlich auf und ging etwas spazieren im Zimmer herum, weswegen Elbenstein aus Complaisance auch aufstund und neben ihr her spazierte, allein es währete nicht lange, so wurde sie des Spazierens wieder überd[r]üssig und nötigte ihn, sich bei ihr auf ein Faulbettgen niederzulassen. Er gehorsamete, und da ging das Herzen und Küssen von frischen an, weiln auch das weisse atlassene Kleid so frevel war, sich vorne von selbsten zu eröffnen und das Brustpositiv bloss zu stellen, als konnte