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wund gerieben war, deswegen nahm er das Erbieten mit Vergnügen an. Als ihm nun noch der Alte einen silbernen Ring zeigte, woran er nur ziehen dürfte, wenn er jemanden oder etwas verlangete, indem es ihm doch vielleicht ungelegen sein dürfte, wenn die Stummen beständig bei ihm im Zimmer wären, so wünschte er ihm eine geruhige Nacht und retirierte sich. Elbenstein liess sich barbieren, sagte hernach zu den Stummen, dass sie ihm nur die beiden Bücher heraufbringen, hernach sich zur Ruhe begeben möchten, weil er sich mit allen Bedürfnissen wohl versorgt sähe. Dieses geschahe, und Elbenstein divertierte sich noch mit Lesen bis um Mitternachtszeit, trunk auch unterweilen ein Gläsgen Wein dazu. Als aber die im Zimmer hangende Uhr die Mitternachtsstunde anzeigete, zindete er das Nachtlicht an und war eben im Begriff, die beiden brennenden Wachslichter auszulöschen. Indem eröffneten sich auf einer Seite die Tapeten, und es trat eine person in einen langen rosenfarbenen Schlafrocke durch dieselben ins Zimmer hinein, sie hatte einen saubern Hauptschmuck auf u. ihr gesicht war sehr wohlgebildet.

Elbenstein erschrak, dass ihm alle Glieder zitterten, und zwar noch weit ärger als in Ariqua bei der Baronne von K. Das Frauenzimmer bemerkte sein Erschrekken, machte ihm deswegen mit einer verliebten und angenehmen Miene ein höfliches Kompliment und sagte: "Erschrecken Sie nicht, mein Herr! ich bin kein Gespenst, sondern eine person, die Fleisch und Beine hat, wie Sie sehen und fühlen können." Indem sie dieses redete, schlug sie den Schlafrock voneinander und zeigte ihren ganzen blossen Leib ohne Hembde, welcher sehr zart und weiss schien, auch mit ein paar wohlproportionierten harten Liebesäpfeln versehen war. Da aber Elbenstein noch immer als ein steinern Bild stunde und weder redete noch sich bewegte, trat das Frauenzimmer näher, ergriff ihn bei der Hand und sagte: "Kommen Sie, mein Herr! setzen Sie sich zu mir an diesen Konfekttisch und trinken mir ein Glas Wein zu." Elbenstein sah sich also gezwungen niederzusitzen. Das Frauenzimmer sah ihn beständig mit verliebten Augen und Gebärden an, entblössete auch, da er noch gar nicht reden wollte, zum öftern nicht nur die Brust, sondern auch den ganzen Leib, ja sie wollte ihn endlich gar embrassieren und küssen. Allein er hielt sie davon mit einer höflichen Manier zurück, öffnete auch endlich seinen Mund und fing dieses an zu reden. "Ich kann gar nicht begreifen, wie das Schicksal in diesem haus oder schloss, was es sein mag, so wunderbar mit mir spielet. Allein, schöne Dame, ich will Ihnen im voraus sagen, dass ich zu einer unglückseligen Stunde empfangen und geboren bin, denn die natur hat mich schon im Mutterleibe derjenigen Werkzeuge beraubt, mit welchem andere Mannespersonen dem Frauenzimmer vollkommene Satisfaktion geben können. Über dieses sollte auch wohl der allerwollüstigste Kavalier, wenn er sich in meinen jetzigen Umständen befände, hierzu incapable sein. Darum bitte ich Sie, schönste Dame, mir nicht ungütig zu nehmen, dass ich Ihren Liebesappetit nicht stillen kann."

"Die erstere Entschuldigung", sagte das Frauenzimmer, "kommt mir als ein Märlein vor, weil Ihr mir jederzeit mehr als zu vigoreux vorgekommen, und die andere wird von sich selbst hinwegfallen, wenn wir erstlich im Bette beieinander warm geworden sind. Eben dieserwegen bin ich zu Euch gekommen, Euch Eures bishero ausgestandenen Missvergnügens vergessend zu machen, denn ich glaube sicherlich, dass auch die köstlichsten Traktamenten nicht vermögend sind, einen jungen Kavalier zu vergnügen, wenn er keine Liebesarbeit darbei verrichten darf. Bin ich denn etwa gar so hässlich, dass Ihr mich nicht lieben wollet? Ich versichre Euch, dass Ihr meinetwegen keine Gefahr zu besorgen habt, denn ich bin ein lediges Frauenzimmer, die ihren Leib noch niemanden preisgegeben hat, aber in Euch, mein Herr! habe ich mich sterblich verliebt, sobald ich Euch vor wenig Monaten zum ersten Male gesehen habe. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem alten Herrn, der vorhin bei Euch gewesen ist? Das habt Ihr nicht ursache, ziehet an dem Glöcklein und lasset ihn durch einen Bedienten heraufrufen. Er wird gleich da sein und uns die Erlaubnis geben, dass wir beisammen schlafen dürfen, denn er weiss, dass ich Euch inniglich liebe, und nicht allein dieserwegen, sondern auch, weil er Befehl hat, auf das ausgestandene Schrecken Euch alles nur ersinnliche Vergnügen in dieser Eurer Einsamkeit zu machen, so siehet er es von Herzen gern, wenn ich Euch des Nachts einen vergnügten Zeitvertreib mache. Lasset ihn rufen, fraget ihn selbst, damit wir uns desto freier und sicherer miteinander ergötzen können." Unter diesen letzteren Worten schenkte sie ein Glas Wein ein und trunk es auf Elbensteins Gesundheit aus, und dieser tät dergleichen. Da er ihr aber auf ihre Reden gar keine Antwort geben wollte, sagte sie: "Wie, mein Engel! habt Ihr denn ein Herz von Stein und wollet meinen Leib verschmähen? Sehet mich doch nur erstlich noch einmal recht an, befühlet mich und sagt hernach, was vor einen Tadel Ihr an mir findet."

Es war wohl an dem, dass der alte Adam bei Elbensteinen aufwachte, jedoch er war so glücklich, denselben zu unterdrücken, entweder weil es ihm ein Ernst, die Lüste des Fleisches nicht mehr auszuüben oder weil er sich wegen der ausgestandenen Todesangst noch nicht wollüstig genug befand oder, welches fast am meisten zu glauben, weil er befürchtete, man möchte ihm eine neue Fallbrücke zubereitet haben. deswegen gab er