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und ihn mit weitern fragen quälen würde, allein es kam derselbe diesen Abend nicht, weswegen Elbenstein bis nach Mitternacht ungestört fortlesen konnte, nachher aber seine Ruhe auf dem Stroh suchte.

Frühmorgens, sobald er aufgestanden, bereiteten ihm die Stummen den Tee, setzten ihm hernach eine kleine Bouteille mit Persico und einen Trinkglase vor. Er genoss nach Appetite von beiden, lase hernach den Vormittag in der Bibel, nach der Mahlzeit aber, die so gut als vorigen Tages war, im Historienbuche bis abends zehn Uhr, da der Alte wieder kam und ihm vermeldete, wasmassen er neue Ordre bekommen, daferne der Herr von Elbenstein nicht in Güte die Wahrheit bekennen wollte, ihn noch schärfer als bishero anzugreifen. "Ich habe mich ja", sagte Elbenstein, "bishero deutlich und oft genug erkläret, dass ich keine andere Wahrheit ausreden kann, als die ich ausgeredet habe, deswegen mögen die Barbarn doch nur meiner Qual ein Ende machen und mich meines Lebens berauben, damit ich nur meiner Marter loskomme. Haben sie aber ihr Vergnügen daran, mich Unschuldigen zu torquieren, vielleicht aus den Ursachen, dass ich ein Luteraner bin? Wohlan! sie mögen es auch tun, endlich, ja endlich wird doch der Himmel ein Ende daraus machen und meine Unschuld rächen."

"Dieses alles gehet mich nichts an", sagte der alte verzweifelte Inquisitor, "sondern ich erkenne mich schuldig, den Befehlen meiner herrschaft ein Genüge zu leisten und die Verantwortung derselben ihnen zu überlassen; wenn demnach mein Herr auf Ihrem Eigensinne beharren, so nehmen Sie mir nicht übel, dass ich meiner Instruktion gemäss Ihnen werde gewaltige Schmerzen an Ihren Gliedmassen verursachen müssen."

"Ist's denn nicht genug", fragte Elbenstein, "dass ich mein Leben darbiete, was will man mich denn als einen unschuldigen Kavalier um einer unerwiesenen Sache auf die Tortur bringen? Jedoch es ergehe mir, wie der Himmel will, weiter und anders werde ich nimmermehr aussagen, als ich ausgesagt habe." Hierauf langete der Alte, welcher einem Halbmeister ähnlicher sah als einem Krammesvogel, seine Pfeife heraus, pfiff dreimal, da denn die Stummen sogleich eine Kohlpfanne mit glühenden Kohlen ins Gewölbe hereinbrachten und dieselbe auf den Tisch setzten. Der Alte zohe sechs Goldstücke, ungefähr eines französischen halben Guldens gross, jedoch etwas dicker, aus seiner Ficke und legte dieselben auf die glühenden Kohlen, befahl darbei den Stummen, dass sie Elbensteinen die Strümpfe abziehen sollten. Dieser wollte solches durchaus nicht geschehen lassen, da aber der Alte sagte: "Mein Herr! sperret Euch nicht, denn wenn ich nur noch einmal pfeife, so kommen den Augenblick noch sechs bewehrte Männer herein, welche Euch schon zur Raison bringen sollen." Elbenstein liess es darauf ankommen und stiess den einen Stummen mit solcher Gewalt von sich, dass er zur Erden fiel. Im selbigen Augenblicke pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit blanken Schwertern ins Gewölbe hereingetreten kamen, worüber Elbenstein einigermassen erschrak und mit sich umgehen liess, wie man wollte, weswegen denn auch der Alte den sechs Bewaffneten sogleich den Zurückmarsch anbefahl.

Demnach legte ihm der eine Stumme erstlich auf jeden Fuss ein Goldstück, welches fast glühend war. Der Schmerz war heftig, jedoch Elbenstein biss die Zähne zusammen und antwortete auf des Alten fragen und Vermahnungen kein einziges Wort. deswegen liess ihm derselbe noch zwei heisse Goldstücke auf die dikken Beine über die Knie und endlich noch zwei auf das dicke Fleisch der arme legen. Allein je heftiger der Schmerz, je verstockter wurde Elbenstein, gab auf nichts Antwort, sondern verfluchte nur seine Tyrannen in Abgrund der Höllen.

Der Alte ging hierauf abermals stillschweigend fort, der barmherzige Stumme aber beschmierte ein Läppgen mit Salbe, schnitte Stücken daraus und legte ihm dieselben auf die Brandflecke. Die darauffolgende Nacht war wohl die schmerzhafteste und kläglichste in Elbensteins bisherigen ganzen Leben, indem fast nicht der geringste Schlaf in seine Augen kam.

Acht Tage nacheinander wurde er zwar mit guten speisen und Wein versorget, auch von dem Stummen täglich dreimal mit der Salbe verbunden, so dass seine Brandflecke fast gänzlich geheilet waren, allein am Abend des achten Tages kam der alte Inquisitor wieder zum Vorscheine und vermeldete ihm, wie dass seine herrschaft durch seine, Elbensteins, Verstokkung und Hartnäckigkeit (da ihnen doch die ganze Sache ziemlichermassen bekannt) dergestalt zum Zorne gereizt worden, dass sie ihm Ordre geschickt, ihn, Elbensteinen, heutige Nacht in der Mitternachtsstunde mit dem Schwerte vom Leben zum tod bringen zu lassen, also hätte er nur noch etwa drei bis vier Stunden Zeit, sich zu seinem Ende zu bereiten, und wo er etwa einen römisch-katolischen Geistlichen verlangete, sollte derselbe alsogleich bei ihm erscheinen. Wider dieses letztere protestierte Elbenstein und versicherte, dass er sich mit göttl. hülfe gnugsam im stand befände, zu seinem Ende zu präparieren, und da er auf seine Religion und den Glauben, bei welchem er von Jugend an erzogen worden, zu sterben entschlossen, wäre es nicht ratsam, die übrige wenige Zeit seines Lebens mit unnötigen Disputieren zuzubringen, unterdessen bäte er weiter nichts, als dass diejenigen, welche ihm also unschuldigerweise seines Lebens berauben liessen, in Betracht, dass er ein Kavalier und bei einem vornehmen Fürsten in Diensten stünde, seinen Körper an einen ehrlichen Ort begraben, auch unter der Hand seinem Fürsten möchten wissen lassen, wie er eines unglücklichen plötzlichen Todes gestorben wäre, damit der Fürst nicht etwa glauben möchte, als ob er heimlich echappiert wäre. "Die