dennoch unmöglich, beständig zu beten, ob er sich gleich eher auf einen gewaltsamen Tod als auf ein längeres Leben Rechnung machen konnte.
Abends brachten ihm, da er sich noch lange nicht müde gelesen, ungeachtet das Buch nicht aus seinen Händen kommen war, die Stummen eben diejenigen Traktamenten wieder, welche er mittags gehabt hatte; er nahm etwas weniges darvon, um nur zu zeigen, dass er sie nicht verschmähete, trunk auch einmal aus dem Topfe, welchen er neben sich stehenliess, und lase wieder in dem Historienbuche fort, wurde aber abends um zehn Uhr von dem Alten wieder gestöret, welcher kam und die oft getanen fragen repetierte, ob er nämlich noch nicht aufrichtigere und wahrhaftere Antwort geben wollte. Elbenstein sagte: "Was ich dem Herrn einmal geantwortet, dabei hat es sein Bewenden, ich werde niemals anders reden." "Sie haben", sagte der Alte noch, "auch diese Nacht Zeit, sich zu besinnen, sonsten wird morgen ein Mehreres und Verdrüsslicheres passieren." Elbenstein sagte weiter nichts als: "Es komme, wie es wolle, ich bin in Eurer Gewalt." Mit dieser Resolution marschierte der Alte abermals ab. Elbenstein las noch eine gute Stunde in der Bibel, wornach er sich auf das Stroh niederlegte und mit einer pferdehärnen Decke, die ihm der barmherzige Stumme vielleicht ohne Ordre, sondern nur aus guten Gemüte brachte, zudeckte. Frühmorgens, da er aufstund, war weder Tee, Kaffee noch Schokolade zubereitet, hergegen lag verschimmelter Zwieback auf dem Tische und stunde ein Topf mit frischen wasser darbei. Er wusch sich und tat zugleich einen guten Trunk wasser, setzte sich wieder auf den Klotz und las in der Bibel, bis etwa zwei Stunden nach der Sonnen Aufgang der Alte kam und fragte, ob er sich besonnen. "Ich habe mich", gab Elbenstein, "auf nichts zu besinnen, als wie ich mich als ein rechtschaffener Christe in mein Verhängnis finden könne, sonsten aber bleibt alles bei meinen vorigen Reden."
Demnach befahl der Alte Elbensteinen, dass er mit ihm gehen, den Stummen aber, dass sie ihm folgen sollten. Einer sowohl als der andere leistete Parition, demnach führte ihn der Alte zur Tür hinaus, wo Elbenstein bemerkte, dass eine hohe schmale Treppe zwischen den Mauren hinauf in das Obergebäude ging. Allein er wurde nicht dahinauf, sondern eine andere Treppe von 18 Stufen hinunter in ein finsteres Gewölbe geführt, wo nur eine einzige Öllampe brannte. Es war in einem Winkel eine Bucht gemacht, worin etwas Stroh und eine härene Decke lag, und bei derselben lagen auf einem Brette zwei verschimmelte Brote, auch stunde ein Eimer voller wasser dabei nebst einem kleinen Töpfgen, womit man herausschöpfen konnte. Der Alte sagte weiter nichts als dieses: "Hinfüro wird dieses Euer Logis sein." "Ich danke", sagte Elbenstein, "der Himmel gebe, dass heute oder morgen aus diesem Lager mein Sterbebette wird und dass die Gespenster so lange in dieser Behausung herumschwärmen müssen, bis es an das Tageslicht gekommen, wie barbarisch man mit mir Unschuldigen verfahren hat."
Der Alte gab keine Antwort hierauf, sondern ging mit den Stummen fort, schloss die mit verschiedenen Schlössern besetzte eiserne Tür hinter sich zu und überliess Elbensteinen seinem eigenen verwirrten Gedankenspiele. Was nun dieser vor Gedanken gehabt haben mag, lässt sich vorgemeldten Umständen nach leichter erraten als beschreiben. Es würde auch viel zu weitläuftig fallen, dergleichen ausführlich zu melden. Kurz, er lag fast die meiste Zeit in seiner Strohbucht, bis ihn der Hunger und Durst plagte, da er denn zuweiln aufstund, ein Stück verschimmelt Brot abbrach, ein Töpfgen voll wasser austrunk, ein wenig auf und ab spazierte und sich endlich wieder ins Stroh einscharrete. Das einzige Vergnügen, welches er hatte, war dieses, dass er durch drei in Stein gehauene, etwa drei Querfinger breite Ritzen unterscheiden konnte, ob es Tag oder Nacht wäre. Also brachte er an diesem Orte drei Tage und drei Nächte zu, da ihm denn nichts beschwerlicher fiel als die zweimal um den Hals herumgeschlagene Kette. Vierten tages etwa um neun Uhr vormittags kam der Alte wieder, um zu sehen, ob er noch lebte, und zu fragen, ob er nunmehr besser herausbeichten wolle. Ob nun schon Elbenstein ihm kein gut Wort gab, sondern teuer schwur, dass er niemals anders reden würde, so befahl ihm doch der Alte von selbsten, dass er aufstehen und ihm folgen solle. Er brachte ihm demnach wieder in sein altes Logis, liess ihn erstlich Tee und Persico geben, mittags aber eine kavaliermässige Mahlzeit auftragen, auch ein paar Bouteillen Wein, doch eben nicht von besten, bringen. Elbenstein war nur froh, dass er des Tages Licht wieder sah, liess sich auch Speise und Trank nicht übel schmecken; was ihn aber am meisten erfreuete, war dieses, dass er die Bibel und das Historienbuch noch auf dem Tische liegend fand. Weil er nun Ursache, Gott zu danken, hatte, dass er ihn vor dieses Mal aus dem finstern Kerker erlöset, so schlug er erstlich etliche Dank- und Trost-Psalmen auf, welche er mit grosser Andacht betete, hernach aber sein Historienbuch wieder vor sich nahm und darinnen so lange las, bis ihm die Abendmahlzeit aufgetragen wurde, die sehr gut und fast noch besser als die Mittagsmahlzeit war. Sobald er dieselbe eingenommen, nahm er wieder sein Buch vor sich, befürchtete zwar immer, dass der Alte wiederkommen