Mein Herr!" sagte der Alte, "ich kann Sie wohl anhören, allein Sie verzeihen mir, dass ich nach meiner Ordre leben muss. Mit einer Bibel will ich Ihnen dienen, und weiln ich glaube, dass Ihnen mit einer deutschen am besten gedienet sein möchte, so will ich Ihnen die wittenbergische, welche Ihr Doct. Luterus übersetzt hat, gleich morgen früh überschicken. Allein das sage ich, eine Stunde hernach komme ich selbst und erwarte auf die heutigen fragen richtigere Antwort, wo nicht, so sehe ich mich gezwungen, meiner Ordre gemäss mit Ihnen zu verfahren, deswegen sage ich noch einmal, besinnen Sie sich eines Bessern und befürchten sich keiner Gefahr, weiln es mir selbst leid sein sollte, an einem so artigen und wohlgebildeten Kavalier Schärfe zu gebrauchen."
"Mein Herr!" sprach Elbenstein mit funkelnden Augen, "was ich einmal ausgesagt habe, dabei bleibe ich bis an meinen Tod, und das ist der Bescheid, andere Reden wird Er niemals von mir hören, und wenn Er mich in Öle braten liesse. Sage Er Seiner herrschaft, ich glaubte, dass sie etwas von mir torquieren wollten, wovon ich nichts wüsste, vielleicht dürstete ihnen nach deutschen Blute, das meinige ist parat, ihren Durst zu stillen, aber der Himmel wird es von ihnen wiederfordern."
Der alte Kerl, welcher vielleicht ein schlechtes Marmorium haben mochte, schrieb fast alle Worte auf, die Elbenstein redete. Er gab sich die Mühe, ihn durch allerhand Persuasoria noch zu gewinnen; allein da Elbenstein unbeweglich und immer auf einerlei Rede blieb, nahm er endlich mit einer sehr verdrüsslichen Miene Abschied von ihm und ging seiner Wege.
Elbenstein legte sich unter allerhand bekümmerten Gedanken ins Bette, verrichtete sein Gebet und schlief endlich ein, verharrete auch in seiner unruhigen Ruhe bis zu Aufgang der Sonne, da er denn nach verrichteten Morgengebete sich wieder über sein Buch machte und etliche Tassen Tee darbei trank. Allein er hatte kaum eine Stunde gesessen, als der alte Sadrian schon wieder kam und ohne besondere Komplimenten fragte: "Nun, mein Herr! haben Sie sich diese Nacht hindurch eines andern besonnen? Soll ich Ihnen die fragen noch einmal vorlesen, und wollen Sie nunmehr aufrichtiger bekennen?" Elbenstein antwortete: "Mein Herr gebe sich doch ferner keine Mühe, denn ich habe ja schon ein vor allemal gesagt, dass ich mit grund der Wahrheit nichts anders aussagen kann." "Nun!" versetzte der Alte, "so haben Sie es sich selbsten zuzuschreiben, dass ich meiner Ordre zufolge Sie schärfer angreifen muss, der Himmel ist mein Zeuge, dass ich keinen Gefallen daran habe." "Der Himmel", liess sich Elbenstein vernehmen, "hat mich in die hände unbarmherziger und ungerechter Menschen verfallen lassen, darum muss ich mein Schicksal, es komme, wie es wolle, mit Geduld ertragen." Anstatt weiterzureden, zohe der Alte sein elfenbeinernes Pfeifgen hervor und pfiff dreimal darauf, da denn augenblicklich die zwei Stummen mit einer abscheulich grossen eisernen Kette herbeigetreten kamen, ihm dieselbe zweimal um den Hals schlungen, auch arme und Beine kreuzweise schlossen, so dass er kaum eine Hand um die andere zum mund bringen konnte. Er litte alles mit grösster Gedult, machte auch keine scheele Miene, da man das Silbergeschirr, Betten und andere Bequemlichkeiten aus dem Zimmer schaffte, hergegen ein paar Bund Stroh in einen Winkel warf, anstatt, des vorherigen mit Sammet beschlagenen Sessels ihm einen grossen Klotz hinsetzte, in Summa, alle kostbaren Meubles wegschaffte. Sein einziger Trost war nur, dass man ihm die Bibel und das Historienbuch liegenliess. Er setzte sich ganz grossmütig auf den Klotz. Der Alte aber sagte: "Sehen Sie, mein Herr! bis dahin haben Sie es mit Ihrer Halsstarrigkeit mutwilligerweise gebracht, und wenn Sie sich nicht noch in zeiten zum Ziele legen, wird alles noch 1000mal schlimmer werden." "Es mag werden, wie es will", sagte Elbenstein, "wenn auch meine ungerechten Feinde so gar sehr durstig sind nach meinem unschuldigen Blute, mögen sie ja immer noch heute Anstalt machen, mir solches abzuzapfen."
Der Alte antwortete hierauf nichts, sondern ging stillschweigend wieder fort, Elbenstein aber stunde mit seiner schweren Last auf und langete die Bibel. Im Aufschlagen fiel ihm zuallererst der 38. Psalm in die Augen, welchen er mit heissen Tränen und bussfertigen Herzen in grösster Bedachtsamkeit las, hernach noch mehrere Busspsalmen aufschlug und die Zeit mit Lesung im Psalter so lange zubrachte, bis ihm die Stummen einen Topf mit wasser, ein halb verschimmeltes Brot und eine hölzerne Schale mit Salz zur Mittagsmahlzeit darbrachten. Elbenstein dankte ihnen mit einer gelassenen, mehr freundlichen als betrübten Miene vor ihre Mühe, griff hoch begieriger nach dem elenden verschimmelten Brote als gestern nach den delikaten Gerichten. Weil man ihn auch kein Messer dazu gebracht, brach er mit grösster Mühe ein Stück ab und ass es dem Scheine nach mit dem stärksten Appetite, machte auch keine sauere Miene dazu, worüber der eine Stumme bitterlich zu weinen anfing, welches Elbenstein selbst jammerte, allein er liess sich nichts merken, sondern ass über alle Macht, soviel er nur hinterbringen konnte, trunk etlichemal dazu aus dem Topfe, und endlich, da er merkte, dass er wenigstens auf 24 Stunden genug hatte, sein Leben natürlicherweise zu erhalten, machte er den Stummen zur Dankbarkeit noch ein Kompliment mit dem kopf und nahm das Historienbuch vor sich, denn als einem jungen Kavalier war ihm