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von Talberg; indem er aber aufspringen und denselben umarmen wollte, befand er, dass es ein Traum gewesen. Jedoch als er der Sache weiter nachdachte, bemerkte er, dass dieses kein schlechter Traum, sondern ein himmlischer Trost wäre, weil Gott sowohl ihn als seinen Freund aus diesen beiderseitigen Unglücksfällen nochmals aus Gnade und Barmherzigkeit erretten wolle.

Binnen der Zeit war alles zur Mittagsmahlzeit veranstaltet worden, und da die Stummen gehöret, dass er sich gereget, kam einer von ihnen und gab mit Zeichen zu verstehen, ob ihm zu speisen beliebte. Er sagte: "Ja!", und weil er sich im Herzen sehr beruhigt befand, setzte er sich so allein zu Tische, da denn die allerdelikatesten speisen und Weine durch eine oben im Gewölbe gemachte Öffnung vermittelst einer Maschine heruntergelassen wurden, welche ihm die Stummen vorsetzten. Es waren in Wahrheit recht fürstliche Traktamente, und Elbenstein speisete mit so guten Appetite, als ob er in seiner völligen Freiheit gewesen wäre, probierte darbei auch die vortrefflichen Weine von allerhand Sorten. Jedennoch kam ihm hierbei immer noch die Frage in die Gedanken: 'Sollte denn dieses auch wohl etwa deine Henkermahlzeit sein?' Nach der Mahlzeit fragte er den einen Stummen, ob er ihm nicht zum Zeitvertreib ein Buch und dann noch Feder, Dinte und Papier verschaffen könnte. Der Kerl marschierte wie der Blitz zur Tür hinaus, selbiges zu holen, weil ihm aber die Tür aus der Hand entfiel, so, dass sie zu weit aufgesperrt ward, bemerkte Elbenstein, dass zwei Kerls mit blossen Schwertern ausserhalb der Tür die Wacht hielten. 'Du bist doch', gedachte er bei sich selbst, 'ein rechter vollkommener Staatsgefangener um einer F ... willen'; liess sich aber gar nichts merken, sondern spazierte immer in dem Gewölbe herum und verwunderte sich über nichts mehr, als dass es so warm darinnen, ungeachtet nicht mehr als ein einziges Kaminfeuer zu sehen war. Bald hernach kam der Stumme wieder zurück und brachte nicht allein Dinte, Federn und Papier, sondern auch einen grossen Folianten unter dem arme getragen. Elbenstein war begierig, des buches Titul zu sehen, und fand, dass es der Amadís aus Frankreich etc. etc., und zwar in deutscher Sprache beschrieben war. Von diesem buch und von den Amadís-Rittern hatte er in seinen vaterland viel reden hören, aber niemals so glücklich werden können, dieses buches habhaft zu werden. Er erfreuete sich demnach recht sehr darüber, dass er einen solchen guten Zeitvertreib bekommen, ungeachtet er zwar wusste, dass es eine sogenannte alte Lesecke, so war ihm doch auch gesagt worden, dass viele Spiegel vor Junge von Adel darinnen anzutreffen wären. Demnach machte er sich sogleich darüber und las darinnen, bis ihm die Abendmahlzeit wieder aufgetragen wurde. Er expedierte sich bei derselben kurz und machte sich wieder an sein grosses Buch, hätte vielleicht auch die ganze Nacht hindurch darinnen gelesen, wenn nicht ungefähr um elf Uhr deutschen Zeigers der Alte nochmals gekommen und ihn verstöret hätte.

Dessen Anbringen bestund in folgenden Worten: "Mein Herr! Ich habe Ihre Aussage an gehörigen Ort schriftlich überschickt und par Stafette dieses zur Antwort zurückerhalten, welches Sie selbsten lesen können."

Lieber Getreuer!

Euer Verhalten hat Uns wohlgefallen, allein der Herr will mit der Sprache nicht heraus, denn die Hauptpunkte hat er alle falsch und unrichtig beantwortet. Schwöret ihm einen körperlichen Eid in Unsere Seele und anstatt Unserer, denn Wir halten Euch und ihm Unser hohes Wort, dass, woferne er aufrichtig bekennet, er alle Gnade und seine vollkommene Freiheit von Uns erhalten soll. Wo nicht und er auf seiner Verstockung beharret, so werden Wir sein Beginnen aufs eben zur Grausamkeit nicht geneigt sind. Beilage wird Euch zeigen, wie Ihr ihn befindenden Falls zu traktieren habt, und Wir erwarten täglichen Rapport von Euch. Hiernach habt Ihr Euch zu achten und Unserer beständigen Hulde gewärtig zu sein ...

Das übrige, sonderlich den unterschriebenen Namen, liess der alte Erzvogel nicht sehen, sondern fragte nur, ob sich der Herr von Elbenstein resolvieren wollte, die Wahrheit besser zu beichten. Dieser sagte: "Was ich ausgeredet habe, ist die Wahrheit, ich werde auch dabei verharren, es mag mir heute oder morgen mein Leben kosten oder nicht. Werde ich gewaltsamerweise um mein Leben gebracht, so wird der Himmel mein Rächer sein, weil ich aller menschlichen hülfe beraubt bin. Ich bitte mir von meinem hochgeehrten Herrn nichts weiter aus als eine Bibel, sie mag in lateinischer, italiänischer, französischer oder deutscher Sprache geschrieben sein. Hergegen können Sie die kostbarn Traktamenten ersparen, denn ich will gern mit wasser, Salz und Brot bis an mein Ende vorliebnehmen, weil ich wohl merke, dass dasselbe sehr nahe ist, ungeachtet ich es nicht verschuldet, dass man also mit mir verfährt. Wer weiss, wer mich blamiert und in dieses Unglück gestürzt hat; ich wollte lieber noch diese Nacht sterben, als länger in solchen Kummer schweben. Ich bitte aber nur noch dieses einzige, meinem Fürsten nach meinem tod per tertium einige Nachricht von meinem unglückseligen Ende zu geben, damit nur meine Ehre zusamt dem Körper nicht massakriert wird, denn da mein Fürst denken könnte, ich wäre zum Schelme geworden, wäre ich ein Schandfleck meiner Familie. Was aber wäre das nicht vor eine barbarische, ja mehr als bestialische Aktion, einen Kavalier nicht allein unschuldigerweise ums Leben, sondern sogar auch um die Ehre zu bringen?"

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