1738_Schnabel_089_48.txt

Räuberhöhle führen, dein bissgen Armut zu sich nehmen, dich selbst aber schlachten und im wald verscharren. Ach, allerliebste Masque' sprach er ferner bei sich selbst, 'ach mein Engel! du bist wohl unschuldig, verzeihe mir, dass ich dich in dem Verdacht gehalten, als ob du Stifterin meines jetzigen Elendes wärest. Nein! der Brief ist nicht von deiner Hand, es hat ihn ein Spitzbube geschrieben, er hat zwar einige Konnexion mit unserer Liebsbegebenheit, aber wenn ich's recht bedenke, sehr wenig oder gar nichts; denn es ist nur auf den Strauch geschlagen. Ach hätte ich mich doch nicht übereilt und die Sache erst besser untersucht und überlegt. Ach ja, mein Engel, du bist unschuldig, und ich glaube, du spendiertest etliche 1000 Dukaten daran, wenn du mein jetziges Unglück wüsstest und mich daraus erretten könntest. Ach Himmel, hilf! werden nicht die Spitzbuben und Strassenräuber ausgekundschaft haben, dass Geld und andere Kostbarkeiten auf dem Wagen befindlich? Werden sie nicht Anschläge gemacht haben, dieses entweder durch eine stärkere Anzahl Wagehälse oder durch ein ihnen leicht ausgesonnenes Stratagema an sich zu bringen. Ach, was wird der Fürst sagen? Wird er nicht denken, ich bin zum Schelme worden? Ehre verloren, alles verloren, alles verloren! Ich werde ermordet, das ist gewiss, wer weiss, ob diese Mordtat und dieser Strassenraub jemals entdeckt wird? Ach Himmel, erbarme dich meiner und übe die Rache wegen meiner begangenen Sünden und der verübten Fleischeslust nicht auf einmal allzu strenge aus.'

Unter dergleichen häufigen und verwirrten Jammerklagen, Seufzen und bittern Tränen ritte er alsofort bis um Mitternacht. Seine Begleiter hatten ihm zwar zu verschiedenen Malen einen Becher Wein angeboten, allein er hatte sich stets entschuldiget, dass er keinen Appetit zum Trinken empfände. Endlich vermerkte er am Rauschen des Wassers, dass sie über eine brücke ritten, und bald hernach stunde sein Pferd stille, da ihm denn die hände losgebunden wurden, auch ihrer zwei vom Pferde halfen. Die Binde von Augen aber wurde ihm nicht abgenommen, sondern man führte ihn erstlich wohl 40 bis 50 Schritte lang auf einem Steinpflaster fort und endlich, da man ihm die Augen öffnete, befand er sich in einem hochgewölbten, jedoch sehr propren Zimmer, dessen Fenster, wodurch das Tageslicht hineinbrechen konnte, über acht Ellen von dem Boden in der Höhe waren. Er sah keinen einzigen von seinen bisherigen Begleitern mehr um sich, sondern nur zwei grau und rot gekleidete Laquais, welche ihm erstlich ein silbern Waschbecken mit wasser vorsetzten, hernach weisse Wäsche, einen Schlafrock, ein paar neue Pantoffeln und, kurz zu sagen, den ganzen Nachtabit, welcher sehr sauber und propre war, darlegten. Der eine Laquais bedeutete mit den Händen, ob er sich nicht wolle die Stiefeln und Sporen abziehen lassen, indem selbige sehr schmutzig waren; allein Elbenstein sagte: "Meine Freunde, es hat noch ein wenig Zeit, seid aber so gütig und meldet mir, wer hier Herr im haus ist und unter wessen Gewalt ich mich befinde." Hierauf tippten beide Laquais mit den Fingern auf ihre Mäuler, gaben einen wunderlichen laut von sich und damit zu verstehen, dass sie stumm wären. Elbenstein hätte vor Verzweifelung über sein ängstliches Schicksal mögen rasend werden. Er ging in dem Zimmer auf und ab und fand hinter einer Spanischen Wand ein kostbares Bette, gegenüber auf dem Tische erblickte er allerhand speisen, Erfrischungen wie auch etliche Bouteillen der allerdelikatesten Weine, wie die darangeklebten Zettels anzeigeten. Es brannten zwei Wachslichter auf silbernen Leuchtern dabei, mitten im Gewölbe aber hing eine silberne Leuchterkrone, worauf zwölf Wachslichter brannten. Nachdem er noch etlichemal auf und ab spazieret, ging er nach dem Tische hin, nahm ein einziges Stückgen Konfekt und steckte es in den Mund. Alsobald kam der eine Diener, spülete im Schwenkkessel ein Glas aus und fragte durch Zeichen, aus welcher Bouteille er ihm einschenken sollte. Elbenstein nahm sich nicht die Mühe, lange zu wählen, ungeachtet er sehr durstig war, sondern sagte, dass ihm alles gleich viel wäre, weswegen der Kerl die beste Bouteille eröffnete und ihm das vollgeschenkte Glas auf einem silbernen Kredenzteller präsentierte. Er trunk zwei Glaser und fand den Wein ungemein köstlich, setzte sich hernach auf einen Sessel, liess erstlich die Stiefeln abziehen, hernach die Kleider, legte sodann den Schlafrock und die Pantoffeln an, offerierte auch einem jeden Bedienten vor diese ihre erste Bemühung einen spec. Dukaten, allein die Kerls stelleten sich nicht anders an, als ob er ihnen mit einen glühenden Eisen unter die Nase hätte rennen wollen, und waren durchaus nicht dahin zu persuadieren, das Geschenk anzunehmen. deswegen steckte Elbenstein seine Dukaten wieder in die tasche und setzte sich vor das Kaminfeuer, da denn leichtlich zu erachten, dass er wunderliche Speculationes müsse gehabt haben. Endlich, da er über eine gute Stunde da gesessen, kam der eine Laquais, zeigte ihm das Bette und gab mit wunderlichen Gebärden zu vernehmen, dass, wenn er müde wäre, er sich hineinlegen könne. Wie nun Elbenstein vor ratsam hielt, seinem ermüdeten Körper einige Ruhe zu gönnen, als folgete er dem Rate und legte sich samt dem Schlafrocke nieder, ob aber sein Kopf noch so voll Grillen war, so entschloss er sich doch, dieselben beiseite zu setzen und ein andächtiges Gebet zu verrichten, in Hoffnung, dass sich der Himmel vielleicht noch einmal seiner erbarmen und aus diesem Labyrint und von bevorstehenden Unglücksfällen erretten werde. Er betete