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Pferde bestund, vor seinem Quartiere, weswegen er sogleich Ordre gab, die Wagen anzuspannen und in Gesellschaft der Reuter fortzufahren, er selbst liess sein Pferd vorziehen, trank nur noch etliche Schälchen Tee und Gläsgen Persico, setzte sich hernach auf und ritt ganz alleine nach, weiln er seinen Diener beim Wagen zu bleiben befohlen.

etwa eine Meile weges war Elbenstein geritten, als er sein Fuhrwerk benebst der Eskorte ungefähr ein paar 100 Schritt vor sich her passieren sah, weswegen er ganz sachte, und zwar in tiefen Gedanken wegen des seinen Freund Talbergen betroffenen Unglücks, hinterdrein ritt. Als er aber einen starken Galopp hinter sich vernahm, kehrete er sich um und ward gewahr, dass ein einzelner Kerl auf eben dem Wege hinter ihm hergejagt kam. Wie nun Elbenstein nicht eben wusste, ob es ihm anginge, er auch schon soviel Courage besass, sich nicht sonderlich von zwei oder drei, geschweige denn vor einem zu fürchten, als beugete er in etwas aus dem Wege auf den grünen Rasen und ritt Schritt vor Schritt fort. Bald darauf kam der Kurier ihm zur Seite, machte ein höfliches und freundliches Kompliment und fragte, ob er der Herr von Elbenstein hiesse und Kammerjunker bei dem Fürsten von N. wäre. "Ja! das bin ich", sagte Elbenstein. "So erfreue ich mich", versetzte der Kurier, "Sie so glücklich angetroffen zu haben, hier ist ein kleines Briefgen an Sie, welches mir Ihnen en Courrier nachzureuten übergeben worden." Elbenstein eröffnete den Brief, las denselben und fand ihn also gesetzt:

Mein Auserwählter!

Ich wäre zornig auf Euch worden, dass Ihr mein Bitten bei Eurer Passage durch Padua nicht besser gelten lassen; allein Ihr seid schon entschuldiget, weil ich selbsten begreife, dass ein Kavalier zwar lieben, aber doch dieserwegen seine Ehre, seines Herrn Interesse und die ihm aufgetragenen Commissiones nicht zurücksetzen kann. Ich liebe Euch dieserhalb noch weit mehr, erweiset mir nur den einzigen Gefallen, dass ich heute auf einen oder etliche Augenblicke das Glück haben möge, Euer Angesicht zu sehen. Ich setze mich jetzt den Augenblick in den Wagen, nehme aber den Weg nach einem Lustschlosse zu durch den Wald, damit mich auf der Heerstrasse niemand erkennen soll. Lasset Euch durch Überbringern dieses an die Strasse führen, so durch den Wald gehet, da will ich Euch auf nen etlichen Tagen unsere erste Zusammenkunft sein soll, weiter verlange ich diesmal nichts von Euch, weil ich mir auch nicht einmal einen Kuss versprechen kann, da mein Mägdgen bei mir sitzt. Ich bitte sehr, lasset Euch diesmal nicht verdrüssen, eine kleine halbe Stunde auf mich zu warten, ich werde die Pferde scharf laufen lassen, um nur Euch auf ein oder zwei Minuten zu sehen. Erfüllet mein sehnliches Verlangen, da Ihr zumalen wisset, dass ich Euch vollkommen liebe und Eure mir erwiesene gefälligkeit nicht werde unvergolten bleiben lassen. Die ich mit äusserst verliebten Herzen bin

Eure

vollkommene Getreue.

Elbensteins guter Engel raumete ihm zwar in die Ohren, dass er dieser Lockspeise nicht trauen sollte; allein, was ist doch der Mensch? Seine Affekten stritten darwider und sagten: Was? weisst du nicht, wie généreux sie sich gegen dich erzeiget? Solltest du nicht eine halbe Stunde ihrentwegen zurückbleiben? Es ist ja heller Tag und keine Gefahr verhanden. Vielleicht wird deine Curiosité gestillet, dass du ihr Angesicht zu sehen bekömmst. Du kannst zwar Abrede mit ihr nehmen und den bestimmten Tag zu kommen versprechen und dennoch zurückbleiben.

Solche Gedanken stiegen ihm in der Geschwindigkeit auf, deswegen fragte er den Kurier: "Wo sollet Ihr mich hinführen, mein Freund?" Dieser gab zur Antwort: "An den Fahrweg im wald, daselbst werden Sie keine halbe Stunde zu warten haben, hernach will ich Ihnen einen nahen Weg zeigen, vermittelst dessen Sie Ihre Leute binnen zwei Stunden, ja noch eher einholen sollen." "So will ich nur", sagte Elbenstein, "weil wir doch noch nicht am wald sind, meinem Diener nachreuten, ihn zurückrufen und befehlen, dass sie ganz sachte fahren sollen, bis ich nachkomme." "Es ist", widerredete der Kurier, "in Wahrheit nicht nötig, denn wegen des bevorstehenden übeln Weges müssen sie ohnedem langsam genug fahren, also können Eure Herrl. sie heute noch zweimal einholen."

Elbenstein liess sich bereden, zumalen, da er bemerkt, wie sein Diener ihm schon in den Augen gehabt und sich mit dem Pferde etlichemal umgedrehet hatte. Sobald sie demnach den Wald rechter Hand vor sich sahen, folgte er seinem Wegweiser und ritte getrost hinter ihm her in den Wald hinein. Der Wald wurde immer dicker und dicker, doch endlich kamen sie auf einen kleinen grünen Platz, da denn der Kurier schrie: "He! nun werden wir auch bald den Fahrweg zu sehen bekommen." Indem sprengten sechs Kerls zu Pferde, die ihre Gesichter geschwärzt hatten, aus dem Gepüsche heraus! Ihrer zwei hielten Elbensteinen die Pistolen nach der Brust und fragten, ob er sich gutwillich gefangengeben oder sterben wollte. Er erwählte bei so gestalten Sachen das erstere, da ihm denn der Degen und Pistolen hinweggenommen, weiter aber nichts zuleide getan wurde, als dass man ihn in eine alte verfallene Köhler- oder Holzhauerhütte führte, wo er von zwei Kerls mit blossen Degen und Pistolen in der Hand bewacht wurde. Es redete keiner ein Wort zu ihm, und er sass ebenfalls vor Schrecken und Verwunderung eine lange Zeit