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von dem Goldschmiede Abschied. Wer war froher als diese beiden, da sie mit ihrem wenigen Golde, das sie dem vermeinten bedürftigen mann gegeben, eine so schöne Ritterzehrung erworben hatten. "Oh!" sagte Talberg, "hätte ich das gewusst, so sollte der Alte eine weit ansehnlichere Summa von mir empfangen haben, vielleicht hätte er uns sodann auch noch mehr Pillen geschickt." "Wir wollen mit diesen zufrieden sein, mein Freund", antwortete Elbenstein, "ist uns doch damit unsere Reise nach Venedig und alle Zehrungskosten frei gemacht." Unter diesen Gesprächen kamen sie auf den St.-Marcus-Platz, machten daselbst eine Promenade bis gegen Tischzeit, da sie denn nach ihren Logis gingen und die Mahlzeit einnahmen. Nach Tische kolligierten sie die zuerst ausgegossenen kleinen Klümpchen und befanden, dass dieselben 141/2 Lot wogen, wurden eins, diese kleinen Stückchen dem Goldschmiede zu verkaufen, das grosse Stück aber in gleiche Teile zu teilen. Dieses letztere geschahe sogleich, indem sie von dem Wirt ein Hackemesser borgen liessen, das grosse Stück vermittelst eines Hammers voneinander schlugen und in gleiche Teile teileten. Weiln aber in der Teilung es noch einige kleine Stückgen gesetzt, schlugen sie dieselben mit dem Hammer breit, legten sie zu erstgemeldten kleinen Stücken und befanden, dass sie 181/4 Lot zum jetzigen Verkauf hatten, ein jeder aber war schlüssig, sein grosses Stück bis auf fernern Bescheid zu verwahren. Hierauf gingen sie nach dem Goldschmiede, welcher sie mit Freuden empfing, alle Stücken probierte, ihnen das bare gemünzte Gold sogleich erlegte und Elbensteinen einen Ring in den Kauf gab, der ungefähr drei bis vier Zechinen wert war, welchen dieser aber hernach Talbergen zum geneigten Andenken schenkte.

Ein paar Tage hernach, da Elbenstein seiner Verrichtungen wegen an seinen Fürsten Briefe zu schreiben und dieselben durch einen Expressen fortzuschikken sich gemüssiget sah, ging Talberg, um ihn nicht zu verstören, im Schlafrocke heraus auf eine kleine hölzerne Galerie, von welcher er verschiedene schöne Hintergebäude und Gärten übersehen konnte. Er war ein ziemlich korpulenter Kavalier; als er sich nun mit einiger Force auf das Geländer legte, die Zapfen der Balken aber sehr vermodert sein mochten, brechen diese aus, und Talberg stürzte samt einem Teile des hölzernen Geländers über zwölf bis 15 Ellen herab in den Garten. Kein Wunder wäre es gewesen, wenn er gleich auf der Stelle den Hals gestürzt hätte, allein der Himmel erhielt ihm noch das Leben, doch hatten ihm die Säulen ein Bein entzweigeschlagen, und über dieses war er mit der Stirn dergestalt auf einen Stein gefallen, dass er eine fingerslange Wunde bekommen hatte. Er kann sich vor Schmerzen nicht selbst unter dem Holzwerke hervorhelfen, sein Schreien, Winseln und Wehklagen hilft nichts, bis endlich die Köchin in den Garten kommt, um grüne Kräuter zu holen, welche den Lärm machte und den Wirt wie auch Elbensteinen rufte, welche diesen elenden Patienten hinauf ins Bette tragen, auch sogleich einen Medicum und Chirurgum holen liessen.

Elbensteinen ging das unvermutliche Unglück seines werten Freundes ungemein zu Herzen, man liess denselben eine Ader springen, gab ihm Medicamenta ein, verband erstlich die sehr blutende Wunde an der Stirn und hernach das zerbrochene Bein. Er stellte sich sehr heroisch dabei an, deswegen versprachen die Ärzte, ihn, soferne er ihrer Vorschrift Folge leisten würde, längstens binnen sechs bis sieben Wochen vollkommen zu restituieren; welches er denn vor seine person zu tun versprach.

Wie gern nun Elbenstein seines Freundes Genesung abgewartet hätte, indem er selten von dessen Bette wegkam, als wenn ihm seine aufgetragenen Kommissions nötigten, dann und wann auszugehen, so fügte es sich doch, dass fünf Tage hernach er die seinem Fürsten zuständigen Geldsummen in Empfang nehmen, mitin seine Abreise damit beschleunigen musste. Er nahm also beweglichen Abschied von dem Herrn von Talberg, wünschte demselben baldige Restitution und bat, dass er ihm mit nächsten das Vergnügen gönnen möchte, an seines Fürsten hof ihm eine Visite zu geben. Dieser versprach solches zu tun, sobald es seine Gesundheit zuliesse, dankte 1000mal vor alle erwiesene Freundschaft und empfohl sich zu Elbensteins beständig geneigten Andenken. Also mussten sich beide guten Freunde sehr missvergnügt voneinander trennen, da sie vermeint, wenigstens die Retour bis Padua zugleich anzutreten, allein, Elbenstein musste vor dieses Mal ohne dessen Gesellschaft zurückreisen und hatte nicht wenig Kummer und sorge wegen seiner eingekauften Sachen, vornehmlich aber wegen seines Herrn Gelder, damit ihm nicht etwa ein Unglück widerführe, jedoch sobald er Padua erreicht, wurde ihm das herz ziemlich leichte. Er ging zum Kommandeur und bat sich eine Eskorte von sechs Reutern bis auf seines Herrn Schloss aus, zahlete auch dem Kommendanten das Honorarium von allem überhaupt gleich bar auf den Tisch, wormit dieser zufrieden war und Elbensteinen bat, dass er nur noch einen Tag stille liegen möchte, weiln er ihm binnen der Zeit die redlichsten und tapfersten Leute wollte aussuchen lassen.

Indem sich nun Elbenstein ohnedem etwas merode befand, liess er sich solches gefallen, und da er sein Logis im Gastofe al Sole genommen, kam er nicht viel auf der Strasse zum Vorscheine, weiln er meinete, dass ihn sonsten die Spürhunde der unbekannten masquierten Schöne möchten zu sehen bekommen, als welche sich seinen Gedanken und allen Umstanden nach unfehlbar noch in Padua aufhalten würde; er aber, als einer, der seine Sündenbürde von sich geworfen, nicht weiter Lust hatte, sich mit ihr im anderweitigen Sündenschlamme herumzuwälzen. Frühmorgens mit Aufgang der Sonne war seine Eskorte, die in einem Unteroffizier und fünf Mann zu