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: PAX TIBI MARCE! EVANGELISTA MEVS. Auf der andern Seite ist der Name des regierenden Doge oder auch manchesmal sein Bildnis, da er kniend eine Fahne aus der Hand des heil. Marci empfängt. Ich kann nicht unterlassen, bei gelegenheit des geflügelten Löwens noch ein Schirlenzgen zu erzählen. Es wurde einsmals ein Venetianer von einem Deutschen gefragt, wo doch der Löwe die zwei Flügel müsse herbekommen haben. Der Venetianer gab zur Antwort, der Löwe wäre aus dem land gebürtig, wo die Adler zwei Köpfe hätten. Ein Franzose fragte, warum doch wohl der Löwe das Buch andern vorhielte und nicht selbst darinnen lase. Dem gab ein Deutscher zur Antwort, der Löwe begehrte nicht gelehrter zu sein als seine Prinzipalen. Heutiges Tages beehren die Herren Venetianer nicht allein ihre Landsleute, sondern auch Fremde und vornehmlich gelehrte Leute mit diesem Ordenszeichen, und werden die Ritter, welche von dem gesamten Rate geschlagen werden, höher geachtet als die der Doge vor sich allein kreieret. Sie geniessen auch eine jährliche Pension. Hierbei aber muss ich bekennen, dass mir ihre Ordensregeln nicht so gar genau bekannt sind."

"So halten doch", fragte Elbenstein, "die Herrn Venetianer auch was auf die Gelehrten? Ich habe immer gemeinet, dass sie sich mehr um die Handelschaft als um die Gelehrten bekümmerten." "Nein! ich versichere Ihnen", gab der Offizier darauf, "dass sie sehr viel Fait von den Gelehrten machen, wovon das Exempel des Poeten Actii Sanazarii eine Bekräftigung gibt, welcher, da er vor bereits 200 Jahren sechs lateinische Zeilenverse auf die Republik Venedig gemacht, vor jede Zeile 100, andere wollen gar sagen 1000 spec. Dukaten zum Gratial bekommen."

"Ich habe davon gehöret", sagte Talberg, "allein die Verse sind mir unbekannt." "Ich will", versetzte der Offizier, "sie Ihnen vorbeten:

Viderat Adriacis VENETAM Neptunus in undis,

Stare urbem & toti ponere jura salo.

Nunc mihi Tarpejas quamtum vis, Jupiter, arces,

Objice & illa tui Moenia Martis, ait:

Si Pelago Tiberim praefers, urbem aspice utramvis,

ILLAM Homine dicas, HANC possuisse Deos.

Ein berühmter Poet hat diese in folgende zierliche deutsche Verse gebracht: NEPTUNUS stunde und sah die Stadt VENEDIG an, Die sich Beherrscherin des Meeres nennen kann; Da sprach er: JUPITER! warum erhebst du doch Dein Capitolium am Tiberstrom so hoch? Man sieht nur Menschenwerk, wenn man dein ROM

beschaut,

VENEDIG aber ist von Göttern aufgebaut. Jedoch was ist's mehr, reiche Leute können ja auch wohl reichliche Geschenke austeilen, denn ungeachtet die Republik an Landschaften ein merkliches verloren, ihr auch von andern Nationen in der Handelschaft nach Ostindien sehr viele Vorteile abgezwackt worden, so rechnet man doch, da sie sonsten mehr als königl. Einkünfte gehabt, dass sie noch jetzt jährlich mehr als zehn bis 15 Millionen Dukaten einzunehmen habe. Die Kriegsmacht ist nicht geringe, denn allein zu Friedenszeiten werden etliche 20000 Mann und ungefähr 40 Schiffe vom Range gehalten, ohne die Fregatten und Galeeren. Haben sie aber Krieg, so können sie in kurzer Zeit so viel Mannschaft auf die Beine und so viel Schiffe in die See schaffen, als sie nötig erachten, denn solange ihr Arsenal und die Banco in Venedig im guten stand bleibt, ist kein Mangel an etwas zu besorgen. Die Seemacht wird allemal von einem Nobil[e] di Vinetia kommandieret, welcher den Charakter Capitaneo Grande führet. Das Kriegsvolk zu land aber kommandieret mehrenteils ein Ausländer, der Mareschallo di Campo tituliert wird. Unter allen andern Nationen nehmen sie gerne Deutsche in ihre Kriegsdienste, bezahlen dieselben zwar raisonnable, gehen aber mit ihrem Blute nicht gar sparsam um, sondern wenn dieselben auf die Schlachtbank sind geliefert worden, sprechen die Herrn Venetianer: Sono pagati. Sind sie doch bezahlt."

Unter diesen Reden kam der Wirt in ihr Zimmer, brachte einen Brief, welchem ihm, seinem Sagen nach, ein Knabe eingehändiget, und fragte zugleich, ob die Herrn beliebten, mit der Compagnie unten oder hier oben in ihrem Zimmer zu speisen. Elbenstein besahe erstlich den Brief und fand den Titul also gesetzt:

An die beiden wohlgebornen

deutschen Kavaliers,

welche

im Gastofe Zum weissen Pferde

logieren.

Er bekam sorgsame Gedanken wegen einer neuen Liebesintrigue, verwandelte deswegen die Farbe nicht wenig, jedoch weil der Titul an sie alle beide lautete, fassete er sich ein herz, bat den Wirt, einen Augenblick zu verziehen, Talbergen aber, in die Schlafkammer zu kommen. Hier erbrach er den Brief, liess Talbergen mit lesen, und fanden denselben also gesetzt:

Wohlgeborne Herren!

Dero Générosité, da Sie mich gestern abend mit Golde beschenkt und meinem Herzen damit ein Merkmal Ihrer deutschen Redlichkeit eingedrückt, hat mich ungemein vergnügt. Allein ich bin nicht so Geld bedürftig, als Sie davor gehalten haben, indem mir der Himmel einen heimlichen unerschöpflichen Schatz zugewendet hat. Um Sie dessen zu überzeugen und zugleich vor Ihre gute Meinung mich erkenntlich und dankbar zu erweisen, übersende [ich] Ihnen hierbei eine einzige Pille. Diese können Sie in vier Pfund zerschmolzenes Blei werfen und sodann probieren, ob Sie nicht das feinste Gold haben, welches an Güte dem ungarischen nichts nachgibt. Behalten Sie davon zu meinem Angedenken etwas auf, und teilen Sie sich darein als redliche Landsleute. Ich bedaure, dass mich eine gewisse Begebenheit forciert hat, diesen Morgen von hier abzureisen, sonsten würde mir das grösste Vergnügen daraus gemacht haben, wenn ich noch etliche