würde. Hier ist vor einen Verbrecher oder schuldig Befundenen kein Pardon zu gewarten, denn man kann von diesem Collegio an niemand anders als an unsern Herrn Gott appellieren, weswegen sich der Himmel allein dessen erbarmen kann, wer dahin zitieret wird. Dieses Zehn-MännerGerichte hält gewaltig viele Spione, erfahren deswegen nicht nur alles, was in der Stadt passiert, sondern auch was hie und da etwa in Compagnie geredet wird. Sonsten ist allhier zwar auch ein Inquisitionstribunal, worin der päpstl. Nuntius, der Patriarche von Venedig und der Pater Inquisitor sitzen, allein es ist hier mit der Inquisition bei weiten nicht so scharf als in Spanien und andern Orten. Den jetzt gemeldten drei geistlichen Herrn sind noch drei Ratsherrn an die Seite gesetzt, ohne deren Konsens nichts darf geschlossen werden, wie man sich denn allhier, den äusserlichen Schein ausgenommen, überhaupt nicht viel aus der Religion macht. Unterdessen finden sich unter den venetianischen Geistlichen viel vortreffliche Oratores, und nach geendigten Karneval werden die geistreichsten und beweglichsten Busspredigten gehalten; nur über das sechste Gebot wird eben nicht sonderlich geeifert und viel Wunderns wegen dessen Übertretung gemacht, sondern wenn jemand gegen seinen Beichtvater seine Übertretung desfalls bekennet, gibt derselbe mehrenteils zur Antwort: Bagatelle! Bagatelle! Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Was das Karneval anbelanget, so gehet es um selbige Zeit wohl in der ganzen Welt nirgends lustiger zu als hier, und hat man wohl eher 30000 und mehr Fremde gezählet, welche sich der Karnevalslustbarkeiten teilhaftig gemacht; denn weil einem jeden erlaubt ist, sich zu masquieren, so ist er in solchen Habit sozusagen semper frei und darf von niemanden angetastet werden, hingegen darf eine Masque auch kein tödlich Gewehr bei sich führen. Wenn ich nun rechne, dass jeder Frembder durch die Bank vom Vornehmsten bis zum Geringsten zum wenigsten 100 Dukaten verzehret, so macht solches eine Summa von drei Millionen aus. In dem Palast Ridotto stehen zur selben Zeit tages und nachts zehn Zimmer offen vor diejenigen, welche Lust haben, à la Bassette oder andere Spiele zu spielen. Die Opern und Komödien sind unvergleichlich und lokken viel Personen an sich. Auf dem St.-Marcus-platz trifft man zum öftern mehr als 50000 Menschen an, welche den Marktschreiern, Seiltänzern, Gaukelspielern und Wahrsagern zusehen. Man hat mir einsmals folgende zwei lächerliche Historien erzählet, an deren Wahrheit ich aber selbsten zu zweifeln nicht geringe ursache habe. Es wäre nämlich ein solcher Seiltänzer von dem höchsten Turme auf einem Seile heruntergefahren und zu Fuss wieder hinaufspaziert. Er wäre bald zurückgekommen und mit einem Schubkarrn voller Steine auf dem Seile auf und nieder gefahren. Endlich habe er sich zu Pferde gesetzt, sei auf dem Seile hinauf geritten und im vollem Galopp wieder herunter gekommen."
"Das lasse ich", sagte hier Elbenstein, nachdem er sich über diese Geschicht satt gelacht, "vor ein perfektes Kunststück oder vor ein perfektes Märlein passieren." "Das ist noch nichts", sagte der Offizier, "meine Herrn lassen sich noch eins erzählen: Einsmals hat ein Gaukler auf diesem platz einen Knauel Bindfaden oder Segelgarn in die Luft geworfen und ist an dem Faden bis über die Wolken hinaufgeklettert. Darauf ist eins von seinen Beinen heruntergefallen, hernach das andere Bein, bald darauf ein Arm und wieder ein Arm, dann der Kopf und endlich der Rumpf. Diese Stücke haben alle auf dem platz eine ziemliche Weite voneinander gelegen; im augenblicke aber sind sie wieder zusammen gefahren, der Gaukler ist aufgesprungen und hat sich frisch, fröhlich und gesund vor aller Zuschauer Augen dargestellet."
"Ei, ei!" sagte Talberg mit heftigen lachen, "das ist zu künstlich, jedoch kann ich mir die Sache in meinen Gedanken ebensogut vorstellen, als ob ich darbeigewesen wäre und es alles mit meinen Augen angesehen hätte." "Gut!" sagte Elbenstein, der nicht weniger lachte, "diese zweite geschichte will ich mir selbst notieren, denn wenn ich wieder zurück in mein Vaterland komme, so kann ich nur damit allein manchen Deutschen in erstaunende Verwunderung setzen. Nun aber, mein Herr, wieder auf ernstafte Sachen zu kommen, ich habe bemerkt, dass einige Nobili di Venetia eine güldene Kette mit einer grossen Medaille auf der Brust tragen, was soll das anzeigen?" "Mein Herr!" gab der Offizier darauf, "das sind die Ritter von St. Marco. Ich will Ihnen sagen, wo derselbe Orden herkömmt. Gewiss kann ich zwar nicht melden, womit es der heilige Teodorus, welches sonsten der Herrn Venetianer Patron war, bei ihnen versehen hat, dass sie ihn Anno 828 absetzten und sich in den Schutz des heil. Evangelisten Marci begaben, dessen Körper eben damals in Egypten war gefunden und nach Venedig gebracht worden. Unterdessen musste der heil. Teodorus zurücktreten, dem heil. Marco aber wurde zu Ehren eine neue vortreffliche Kirche gebauet, welche nachgerade immer kostbarer ausgebauet und ausgezieret worden, bis sie in den Stand geraten, worin man sie jetzt siehet, denn ihre neun Prokuratores, deren jeder jährlich 100000 Dukaten Revenüen vor seine person hat, geben wohl achtung darauf, dass keine Kankergespinste darinnen gefunden werden. Über dieses stifteten die Herrn Venetianer dem heil. Marco zu Ehren einen neuen Ritterorden. Die Ritter tragen auf der Brust eine goldene Kette, woran eine grosse Medaille hänget, auf deren einer Seite stehet ein geflügelter Löwe, der in der rechten Klaue ein blosses Schwert, in der linken aber ein offenes Buch hält, darinnen die Worte zu lesen