wurde, antraf (weil dieser der römischen Lehre nicht zugetan war), kniete er sogleich bei dem stuhl, worin Elbenstein sass, nieder, tat, als ob er in seinem Breviario läs, und richtete unter der Zeit, da er seine Augen immer auf das Buch gerichtet hielt, seine Kommission aus, wornach er aufstund und fortging. Da nun der Gottesdienst zum Ende und alles Volk aus der Kirche gegangen war, kam der Castaldo zu dem von Elbenstein und hinterbrachte ihm, dass er an die Grada der Sakristei zu kommen belieben möchte, woselbst die Riverendissima Donna Marinalba ihn sprechen wolle. Der lüsterne Kavalier versäumete nicht, sich dahin zu begeben, und traf, nachdem der Vorhang hinweggezogen, seine geistliche Mätresse daselbst ganz alleine an. Mittlerweile schloss [der] Castaldo alle Kirchentüren zu und liess die beiden Verliebten alleine beisammen. Wie nun venerische Personen in ihrer Glut mit blossen verpflichteten Reden und verliebten Mienen allein sich nicht befriedigen können, sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzückendes Fühlen auch gerne etwas mitgeniessen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe vermittelst sinnreicher und lüstrender Erfindung einer bequemen gelegenheit zu erfüllen geschickt ist, also geschahe es auch dieses Mal; denn da zuvor nur der Augen feurige Blicke und die verliebten Seufzer sich miteinander begattet, so musste nunmehr auch denen Lippen ein angenehmer Weg, darauf sie die Liebe unter unzähligen schmachtenden Bemühungen vermittelst wiederholter inbrünstiger Küsse einander mitteilen möchten, durch dasjenige Fenster geöffnet werden, wodurch man den geistlichen Damen sonsten nur heilige Sachen mitzuteilen pflegte. Und weil die Öffnung so gross, dass man gar füglich mit dem kopf hineinkommen konnte, so blieb es nicht allein bei dergleichen verliebter Handlung, sondern der Marinalba aufgequollene Brust, welche als ein kleiner Ätna die Flammen einer unumschränkten Liebe kaum annoch verbergen konnte, mussten allerhand kitzelender Liebkosungen teilhaftig werden. Marinalbens Gegenvergeltung bestund in solchen ausschweifenden und vorwitzigen Untersuchungen, welche deutlicher zu beschreiben die Ehrbarkeit nicht gestatten will.
Unter solchen verliebten Misshandlungen verstrich die Zeit, während welcher sich diese beiden solcher Freiheit bedienet, die allerorten, geschweige denn an einem so heiligen Orte, verboten sind. Die Türen wurden wieder geöffnet, welches das Zeichen war, dass beide hohe Zeit hatten, sich voneinander zu begeben. Als Elbenstein wieder in seinem Zimmer angelanget, berichtete ihm sein Staffiere oder Bedienter, dass der Fürst nach ihm fragen lassen, weswegen er sich alsofort zu demselben begab und sein Ausbleiben von der Tafel damit entschuldigte, dass er bei einigen sächsischen Offiziers, so aus der Levante gekommen und ihm Nachricht von seinem Bruder mitgebracht, sich verweilt hätte. Der Fürst war mit dieser Entschuldigung zufrieden und erteilete ihm hierauf Befehl, morgen mit dem frühesten nach Battaglia zu dem Marchese Obizzo zu reisen, ihn, den Fürsten, bei demselben anzumelden, weil er seine Visite auf etliche Tage bei ihm abstatten wollte. Elbenstein versprach dieser Ordre gehorsamste Folge zu leisten, und nach genommener Retirade machte er sich zur Reise parat; selbigen Abend aber kam [der] Castaldo noch einmal und brachte ihm von seiner geliebten Marinalba folgende Zeilen:
Meine andere Seele!
Ihr seid doch anbetungswürdig! Wollt Ihr mir aber gar nicht schreiben? Ei was? schreibet mir doch! es mag ja so konfus sein, als es will. Wisset Ihr nicht, dass ich Euer ganz eigen bin? So glaubt doch zum wenigsten, dass Ihr der angenehme Gegenstand meiner Gedanken seid. Nichts von Euch kann mir missfallen. Ja, ja! schreibt mir nur, denn Eure Zeilen werden mir ein schöner Regenbogen sein, welcher alle Wolken meiner Betrübnis vertreiben wird. Nur dieses erinnert Euch stets, dass unsere Liebeshändel heimlich traktieret werden müssen. Ich rekommandiere Euch die Verschwiegenheit, nicht dass ich wegen Eurer Klugheit in Verhehlung unserer Liebe etwa besorgt wäre oder ein Misstrauen hätte, sondern, was weiss ich's? ich sage nur so, um Euch zu warnen, dass Ihr behutsam sein möget. Ich halte viel auf meine Reputation, und ein blosser Schatten deucht mir ein grosser Riese; denn ich wie von einer übermenschlichen person, welche denen Schwachheiten der Liebe nicht unterworfen wäre. Und gleichwohl, leider! bin ich diesmal entzündet. Ich bin im Liebesgarne gefangen! Was ist zu tun! Ich hatte mir zwar vorgesetzt, nicht mehr zu lieben, aber mein Schicksal zwinget mich, Dich, o mein Engel! zu lieben.
Hierbei lagen noch diese Zeilen: Wie gross ist meine Lust? Noch grösser als die Welt, Die Lust, so sich durch Dich bei mir jetzt eingestellt; Da meine Seele sich beglücket sieht und findet, Indem sie bloss von Dir in Liebesglut entzündet. Die ungemeine Liebe, so Elbenstein zu seiner schönen Nonne trug, liess es nicht zu, ihren Brief unbeantwortet zu lassen, sondern er schrieb ihr in den verliebtesten Expressionen, soviel als er mit italiänischen Worten zusammenbringen konnte. Anbei legte er einige lateinische Verse, welche er nach einer bekannten Melodei aufgesetzt hatte. Sie sind wert, dass man sie mit hersetzt:
Cor saxeum probavi hactenus
Ac glacie frigidiorem mentem;
Nunc autem nunc, eheu! non amplius
Persentio amoris vim ardentem
Impugnat me jam formosissima
Angelica.
Nach der deutschen Reim-Art möchte dieses soviel bedeuten:
Mein Herz war sonst den härtsten Felsen gleich,
Auf welchen nichts als Eis und Schnee zu finden.
Jedoch nunmehr wird es nur allzuweich,
Es fühlet nun ein brennendes Entzünden,
Ein Engelsbild, aus dem die Schönheit blitzt,
bekämpft es jetzt.
Angelica! ad quas angustias
Me redigit nunc tua lux augusta