Bucentaurus oder dasjenige Schiff, auf welchem der Doge alle Himmelfahrtstage in das Adriatische Meer segelt und sich mit demselben vermählet. Es ist von der Grösse einer Galeazza, auswendig vergüldet und inwendig mit carmoisinroten Sammet beschlagen, auf beiden Seiten sind verguldete Sessel und auf dem Oberdeck ein Tron, auf welchem der Herzog zwischen den Gesandten und Senatoren sitzet. Auf dem Unterdeck sind 28 Ruder, jedes mit sechs Mann besetzt, man siehet aber von diesen Leuten nichts, als dass sich die Ruder bewegen. Auf dem Vorderteile stehet das Bildnis der Gerechtigkeit, stark verguldet mit dem Schwert und Waage in den Händen. Wenn der Doge den kostbaren Ring ins Meer wirft, spricht er: 'Desponsamus te nobis mare, in signum veri perpetuique Domini.' Meer! wir vermählen uns mit dir, zum Zeichen einer wahrhaften und immerwährenden herrschaft über dich.
Dieser Gebrauch", sagte hier der einhändige Offizier, "ist mir jederzeit sehr lächerlich vorgekommen, ich kann aber nicht eigentlich sagen, woher er seinen Ursprung hat." "Das will ich Ihnen sagen, mein Herr!" versetzte Elbenstein. "Die Herren Venetianer geben vor, es habe sie der Papst Alexander III. im Jahre 1174 mit der herrschaft über das Adriatische Meer belehnet, und dieses ist eben das fatale Jahr, da der Papst den Kaiser Fridericum Barbarossam, als er ihm die Füsse küssen wollen, auf den Hals getreten und die Davidischen Worte dabei gesprochen: 'Auf Löwen und Ottern wirst du gehen' etc. Allein ich glaube, es wird nun wohl nimmermehr wieder geschehen, dass ein Römischer Kaiser Sr. Päpstl. Heiligkeit die Füsse küsset, geschweige denn sich von deroselben auf den Hals treten lässt."
Indem Elbenstein weiter fortreden wollte, stunde ein alter, jedoch wohlansehnlicher und ehrwürdiger Mann von seinem Tischgen, wobei er bishero ganz alleine gesessen und ein Gläsgen Wein getrunken hatte, auf, trat vor den Tisch, woran die Kavaliers mit dem Offizier sassen und sagte: "Meine Herren nehmen mir nicht ungütig, dass ich mich in ihren Diskurs meliere, ich bin zwar ein geborner Savoyard, habe aber nunmehr schon seit etliche 40 Jahren, da ich mich acht Jahr lang auf deutschen Universitäten aufgehalten, auch fast ganz Deutschland durchreiset bin, die deutsche Sprache nach meiner Mundart ziemlich sprechen lernen, bin auch noch jetzt imstande, einen deutschen Brief so gut als einen italiänischen zu schreiben, denn weil die deutsche Nation mir ungemein angenehm und liebreich vorkommen, habe ich auch ihre Sprache beibehalten und mir das grösste Vergnügen gemacht, wenn ich hierzulande habe mit deutschen Herren in Gesellschaft kommen können. Was aber Ihren letzteren Diskurs anbelanget, so will ich Ihnen, so es beliebig, eine gründliche Nachricht erteilen, weil ich Sie in einigen Stücken irrig befinde, denn ungeachtet ich Sie vor Protestanten halte, ich aber ein Katolik bin, so bin ich doch hauptsächlich in denen Sachen, welche in die Historie einschlagen, ganz unparteiisch."
Elbenstein und Talberg hatten einen besonderen Gefallen an der Visage, Höflichkeit und Anrede dieses alten Mannes, nötigten ihn demnach zwischen sich zu setzen, trunken ihn erstlich ein paar Glaser Wein zu, hernach baten sie ihn, dass er ihnen doch diese Historie aus dem grund erzählen möchte. Demnach fing der Alte also zu reden an:
"Es ist an dem, die Herren Venetianer geben vor, dass der Papst Alexander III., weil sie ihm in dem damaligen scharfen Kriege wider den Kaiser Fridericum Barbarossam beigestanden und des Kaisers Sohn Ottonem auf dem Meere gefangen bekommen hätten, ihnen zur Vergeltung die Oberherrschaft über das Adriatische Meer zugestanden und zum Zeichen derselben verordnet habe, dass sich der Herzog durch Einwerfung eines goldenen Ringes mit diesem Meere vermählen sollen, welches auch noch bis jetzt am Himmelfahrtstage geschicht. Allein diese Donation wird freilich von den meisten in Zweifel gezogen, weil es eine pure Fabel ist, dass des Kaisers Sohn Otto auf dem Meere gefangen worden.
Papst Julius II. fragte einsmals den venetianischen Gesandten Donati, wo denn die Republik die Bulle hätte, die Alexander III. gegeben, gab damit zu verstehen, dass die Sache sehr zweifelhaft sei, allein der listige und verschlagene Gesandte gab zur Antwort, ihr Päpstl. Heiligkeit möchten nur das Diploma Constantini Magni nachschlagen lassen, so würde sich die Bulle Alexandri III. auf der andern Seite finden. Unterdessen bleibt doch alles, wie es ist, und es wird sich so leicht wohl niemand finden, der dem Doge die Spazierfahrt verwehrt; denn auswärtigen Potenzen hilft und schadet sie nichts.
Was aber nun die Fabel anbelanget, dass der Papst Alexander dem Kaiser Friederich, da er selbigen die Füsse küssen wollen, auf den Hals solle getreten und Davids Worte, die meine Herrn vorhin erwähnet, gebraucht haben, und als der Kaiser geantwortet: 'Nicht dir, sondern Petro', der Papst noch besser getreten und gesagt haben soll: 'Auch mir, auch Petro', ist ein ungegründeter ausgestäupter alter Schlendrian, von welchen vor diesen verschiedene protestantische Geschichtschreiber und Geistliche vieles Wesens gemacht, um dadurch denen Päpsten ihren Hochmut vorzuwerfen und selbige bei ihren einfältigen Glaubensgenossen verhasst zu machen. Diese Fabel aber ist dieserwegen eine Fabel und ungegründete Sache: 1. weil kein einziger Geschichtschreiber von allen, die zur selbigen Zeit gelebt, hiervon Meldung tut, Hergegen 2. melden alle die glaubhaftesten Geschichtschreiber selbiger zeiten, dass der Kaiser und der Papst einander reziproke alle ersinnliche Ehre erwiesen und jener von diesen das Osculum Pacis oder den Friedenskuss empfangen, ihme die