, sondern nur zum Plaisir meiner Herrn Landsleute." Elbenstein fragte nach seiner Vaterstadt und erfuhr, dass er von Merseburg gebürtig wäre, weswegen sie diesen nahen Landsmann, weiln es eben Zeit zur Mittagsmahlzeit war, mit sich in ihr Quartier nahmen und an seiner Konversation ein besonderes Vergnügen fanden. Es führte sie derselbe etliche Tage nacheinander in der Stadt herum, und weiln er bemerkte, dass der von Talberg sich ein und anderes Merkwürdige in seine Schreibtafel notierte, sagte er eines Abends, da sie in einem Weinhause beisammen sassen: "Mon Seigneur, wenn Sie so schreibbegierig sind, so belieben Sie zu schreiben, was ich Ihnen diktieren will." Als sich nun der von Talberg bereit dazu fand, diktierte er ihm folgendes in die Feder:
"Dass diese Stadt Venedig eine der berühmtesten in der Welt, ist eine ohnstreitige Sache. 72 Insuln sind es, worauf sie erbauet ist, und ihr Umfang ist ungefähr acht italiänische Meilen. Il Ponto Rialto ist die grösste brücke, welche über den grössten Kanal gehet, sie hat, wie Sie gesehen haben, nur einen einzigen Schwibbogen von Marmor oder, wie es die Italiäner nennen, Pietra bianca, stehet auf 6328 Pfählen und hat zu beiden Seiten zwei Reihen allerhand Kaufladen, welche drei Gassen ausmachen; unter derselben aber kann eine Galeere mit aufgespanneten Segeln durch den Schwibbogen hindurchfahren. Die Stadt überhaupt wird eingeteilet in sechs Teile oder Sestieri, als nämlich: Castello, S. Marco, Carnareio, S. Paolo, S. Croce und Dorsoduro. Die ersten drei Teile liegen diesseit und die andern drei jenseit der grossen Brükke. Es finden sich in dieser Stadt 53 grosse und kleine Plätze oder, wie man es anderer Orten nennet, Märkte, darunter ist der grösste und berühmteste der St.-Marcus-Platz, selbiger ist 280 Schritte lang und 110 Schritte breit. Auf diesen platz pflegen bei guten Wetter die jungen Nobili di Venetia, zuweilen etlich Hundert stark, ihren Spaziergang zu halten. Ferner zählet man darinnen über 150 prächtige Paläste, 70 Kirchen, 39 Mönnichsklöster, 28 Frauenklöster, 18 Oratoria, 17 Hospitäler, 115 Türme, 58 öffentliche Brunnen, die aber nicht viel taugen, denn das süsse wasser muss vom land in Tonnen herbeigeholet werden. 164 Statuen von Marmor und 23 Statuen von Erz, an welchen allen man sich über die Kunst nicht genug verwundern kann. Der herzogliche Palast auf dem St.-Marcus-platz ist wohl das schönste Gebäude in der Stadt, er ist viereckigt. Das obere Stockwerk bewohnet der Doge oder Herzog, bei demselben werden die Staatskollegia gehalten, im untersten aber wird die Justiz administriert. An der einen Ecke dieses Platzes liegt die Kirche St. Marco und an der anderen die Kirche St. Geminiano, zu beiden Seiten aber stehen die Prokurateur-Häuser, die von Marmor aufgeführet sind und unten grosse Schwibbögen haben. Auf den St.-Marcus-Kirchturm steigt man auf einer Treppe ohne Stufen, und von dieser Kirche wird man zu dem Schatze geführt, welcher ungemein kostbar ist. Die Bibliotek, welche sehr stark, ist in dem einen Prokurateur-haus, gerade gegen den Palast St. Marco über. Das Kloster St. Johannis und Pauli ist das schönste, das Kloster St. Georgii aber das reichste. In eben diesem Kloster, und zwar in dem Tafelgemach, finden sich unter den Schildereien oder Gemälden die zwei vornehmsten und bewundernswürdigsten Stücke, welche der Künstler Marco Titiano verfertiget hat, das eine stellet vor die Hochzeit zu Kana in Galiläa und das andere das Bildnis Petri des Märtyrers. Unter den Kirchen sind wohl die schönsten die St. Redemptore und Madonna di Salute. Diese haben ihren Ursprung von einem Gelübde, welches der venetianische Rat zu Pestzeiten getan. Jedoch die St.-Marcus-Kirche gibt diesen beiden wenig oder nichts nach. Am Ende der Stadt nahe am Meere liegt das Arsenal, welches seinesgleichen in Europa nicht haben soll, man findet so viel Gewehr drinnen, dass auf den Fall in grösster Geschwindigkeit 20000 Mann zu fuss und 25000 Mann zu Pferde damit bewaffnet werden können. So liegen auch beständig 2000 Kanonen parat, die zu wasser und zu land können gebraucht werden, anderer zum Kriege und Seewesen benötigten Dinge zu geschweigen. Es arbeiten alle Tage 1500 bis 2000 Menschen darinnen, die Unterhaltung dieses Arsenals aber soll der Republik alljährlich über fünf Tonnen Goldes kosten. Die Schiffe werden allhier im voraus gebauet und hernach in das salzige Seewasser stückweise versenkt, worin sie desto dauerhafter werden. Man erzählet, dass der grosse Rat einsmals in diesem Arsenal einen König traktieret habe, da denn in seiner Gegenwart ein ganz neues Schiff gebauet worden, und zwar so haben die Bauleute den Anfang gemacht, als der König zur Tafel gesessen, da er aber abgespeiset und aufgestanden, habe das Schiff schon vor seinen Augen auf dem Meere herumgesegelt. Zu einer andern Zeit hat man eben dergleichen Kunststück mit einer Kanone praktiziert, indem dieselbe in grösster Geschwindigkeit gegossen, auch noch abgefeuert worden, ehe der vornehme Gast von der Tafel aufgestanden. Kurz! dieses Arsenal ist mit Recht ein Wunderwerk der Welt zu nennen, ringsherum ist es mit hohen Mauern umgeben. Am Portale dieses Arsenals zeigt sich mit grossen goldenen Buchstaben die Überschrift:
Felix est Civitas, quae Tempore Pacis de Bello
cogitat. Glückselig ist die Stadt, welche zu Frie
denszeiten an den Krieg gedenkt.
Eins von den Hauptstücken, welche in diesem Arsenal aufbehalten und verwahrt werden, ist der