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hernach erschien der Deutsche, und weil es ein Edelmann war, mit dem Elbenstein vor diesem auf einem Gymnasio zugleich studieret, umarmeten sie sich recht herzlich und waren beiderseits hoch erfreut, dass sie einander so unverhofft in einem frembden land antrafen. Sie blieben also beisammen sitzen und erzähleten einander ihre begebenheiten bis um die Mitternachtszeit, da sie denn voneinander Abschied nahmen, jedoch weil der Herr von Talberg, so nennete sich dieser deutsche Kavalier, Elbensteinen gar zu sehr bat, ihm zu Gefallen, weil er gestern erstlich angekommen, nur einen einzigen Tag in Padua zu verweilen, als versprach ihm dieser aus redlicher Freundschaft seinen Willen zu erfüllen, und hieraus begaben [sie] sich beiderseits zur Ruhe.

Folgenden Morgens, nachdem sie den Tee miteinander getrunken, spazierten sie aus und besahen sowohl die innere Stadt als die Burg und deren Fortifikation, da sich denn der Herr von Talberg nicht wenig über die Grösse dieser Stadt verwunderte, zumalen, als er vernahm, dass dieselbe noch eher soll erbauet worden sein als Rom. Hierauf besahen sie den grossen Saal des Palasts, welcher der schönste, der in Italien zu finden, ingleichen den Dom, welches zwar ein uraltes Gebäude und eben nicht von besonderer Struktur, jedoch sehenswürdig ist. Nach Tische gingen sie wieder aus und besahen die Kirchen, sonderlich des heil. Antonii von Lissabon, welche ungemein und voller herrlicher Sachen, vornehmlich die heil. Kapelle, worin ungemein schöne Bildhauer- und Malerarbeit anzutreffen. Weil sich aber unter der Zeit der Tag zu neigen begonnte, als rekommendierte der von Elbenstein dem von Talberg, sich zur andern Zeit in der schönen Justinenkirche, worin viel prächtige Monumenta, ingleichen auch in den vielen Kunstkammern herumführen zu lassen. Da sie nun abends nach Tische noch eine Pfeife Tobak miteinander rauchten, beredete Elbenstein den Herrn von Talberg, dass er mit ihm nach Venedig zu reisen sich gefallen liess, wie sie denn auch in früher Tageszeit sich auf den Weg begaben und nach kommoden Tagereisen in dieser weltberühmten Stadt anlangten, wo sie ihr Logis im Gastofe, Zum weissen Pferde genannt, nahmen.

Elbensteins erster gang war nach den beiden berühmten Kaufleuten, Herr Hopffer und Bachmeiern, welche ihm nicht allein die gefälligkeit erwiesen, dass sie ihm seinen erstlich auf Weihnachten gefälligen Wechsel gegen einen billigen Rekompens bar bezahleten, sondern auch über dieses ihren Priester, der, wie schon gemeldet, in weltlichen Kleidern einherging, kommen liessen, bei welchem Elbenstein gleich des dritten Tages nach seiner Ankunft kommunizierte und sein Herz ungemein erleichtert befand, auch bei dem ernstlichen Vorsatze beharrete, sich zeitlebens nicht wieder in verbotene Liebeshändel einzulassen, sondern hinfüro keusch und züchtig zu leben und abzuwarten, bis ihm der Himmel dereinst eine liebenswürdige Gemahlin zuführete.

Da aber die Gelder, welche er vor seinen Fürsten einzukassieren hatte, nicht sogleich parat waren, sondern ihm angedeutet wurde, wie er sich wenigstens noch sechs bis acht Tage patientieren müsste, liess er sich auch dieses gefallen, erstattete aber immittelst seinen Bericht an den Fürsten durch eine Stafette. Jedoch mittlerweile die Zeit nicht müssig zuzubringen oder im Gastofe allein bei guten Essen, Trinken und Spielen zu leben, besahe er nebst dem Hrn von Talberg diese weltberühmte und wunderbare Stadt, welche sozusagen nicht recht auf der Erden, sondern wenigstens andertalb Meile vom festen land in Flut und Wellen liegt, indem die Häuser auf 72 Insuln, woraus sie bestehet, auf lauter Pfähle von Holze erbauet sind. Sie hätten sich wohl gern einer Karosse bedient, allein die Strassen sind daselbst sehr enge, weswegen die Karossen nicht zu gebrauchen, deswegen muss man zu fuss gehen, welches denn auch wohl möglich, da ungefähr 460 Brücken über die Kanäle in der Stadt gezählet werden, unter welchen die vornehmste und schönste der Republik auf 300000 Dukaten zu stehen kommt. Unsere Kavaliers aber, wenn sie sich durchs Spazierengehen ermüdet, setzten sich in eine Gondel oder wohl aptiertes Schiffgen, deren man in Venedig allein über 24000 zählen will, und fuhren darauf von einem Orte zum andern, wo sie nämlich etwas Betrachtenswürdiges anzutreffen wussten, wiewohl in dieser Stadt fast alles betrachtenswürdig zu nennen ist. Als nun beide auf der obgedachten kostbaren Brükke, welche il Ponto Rialto genennet wird, stunden, sagte Talberg zu dem von Elbenstein: "Es ist schade, dass wir nicht einen guten Freund und Bekannten allhier haben, der uns die merkwürdigsten Dinge in dieser weltberühmten Stadt zeigte, denn weil ich sehr curieux bin, dergleichen zu sehen und aufzuschreiben, liesse ich mir kein Geld dauern." Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als sich ein feiner reputierlicher Mann vor ihren Augen präsentierte, welcher einen Offiziershabit am leib, jedoch nur einen Arm hatte. Dieser redete sie also an: "Messieurs, ich halte Sie beide vor deutsche Kavaliers und habe mich, da ich auch ein geborner Deutscher bin, sehr erfreuet, meine Muttersprache so rein von Ihnen reden zu hören. Ich habe der Republik Venedig verschiedene Jahre zur See als Offizier gedienet, bin aber endlich so unglücklich gewesen, dass mir ein Arm abgeschossen worden. Mein Vaterland hätte ich gern wieder besucht, allein weil ich keine Mittel daselbst zu suchen habe, so bin ich auch daselbst nichts nutze, sondern danke dem Himmel, dass mir die Republik monatlich so viel Gnadengeld auszahlen lässt, als zu einem reputierlichen Auskommen vonnöten ist. Mir ist in dieser, obschon weitläuftigen Stadt alles bekannt, was Frembden zum Plaisir gereicht, kann ich Ihnen dienen, so belieben Sie zu befehlen, ich tue es ohne alles Interesse